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Kunsthalle
Drei Gebäude, ein Vermächtnis. Die Hamburger Kunsthalle verdankt ihr Herz dem Sammler Georg Ernst Harzen. Im Kupferstichkabinett wird das Unmögliche möglich: Man darf Originale von Goya, da Vinci oder Rembrandt selbst in die Hand nehmen. Ein intimer Moment mit der Weltkunst, der Harzens Leidenschaft bis heute spürbar macht.
Text: Simone Rickert | Fotos: Julia Schwendner
Die ersten, denen man in der Kunsthalle begegnet, sind nicht die Kunstwerke, sondern die rund 30 Mitarbeiter im Besucherservice, an der Kasse, am Empfang, in den Räumen der Kunst. Sie sind die eigentlichen Gesichter des Hauses. Kathrin Steffer heißt heute die Besucher an der großen Treppe im Altbau willkommen. Weil alle Positionen ständig wechseln und sie in allen Gebäuden im Einsatz ist, weiß sie fast, wo alle Kunstwerke zu finden sind. Die am häufigsten gestellten Fragen sind: Wo ist die Garderobe? Und: Wo hängt der „Wanderer über dem Nebelmeer“? Eines der bekanntesten Werke des Hauses von Caspar David Friedrich – hängt gleich oben, einmal links und dann noch einmal links. Nach dem Erklimmen der Treppe im Altbau-Eingang wird man in den Sälen der alten Meister aber erstmal monumental vom 50 Quadratmeter großen „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“ von Hans Makart empfangen, Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, imposant. Der Maler selbst und auch Albrecht Dürer sind darauf verewigt, für Aufruhr sorgten damals allerdings eher die nackten Jungfern.
Am Anfang war die Galerie der Gegenwart gegenüber Kathrin Steffers Favorit, inzwischen hat sich die Hobby-Fotografin in die alten Meister verliebt. Wenn sie dort zum Aufpassen eingeteilt ist, beobachtet sie aufmerksam, wie die Besucher auf die Skulptur „Archangelo II“ von Berlinde De Bruyckere reagieren. Zugegeben – etwas gruselig. Rembrandt, Rubens, Meister Bertram, in der früheren Moderne Monet, Manet, Max Liebermann, Anita Rée und weitere Hamburger Maler und Künstler bilden den Schatz der Kunsthalle, der wie alles in Hamburg nicht von königlichen Gnaden entstand. 1869 als bürgerliche Stiftung gegründet auf dem Grundstock der stetig wachsenden Sammlung von Hamburger Donatoren: damals eine Schenkung von 25.000 Werken des Sammlers Georg Ernst Harzen, verbunden mit der Auflage, binnen sechs Jahren einen Bau zu errichten. Darunter tausende wertvolle Grafiken, unter anderen von Leonardo da Vinci. Der Backsteinbau wurde kurzum am 30. August 1869 eröffnet, gefolgt von Erweiterungen 1919 und 1997 der Galerie der Gegenwart. Erster Direktor war Alfred Lichtwark, sein Blick auf Ankäufe Richtung französischer und deutscher Impressionismus waren damals wegweisend. Manets „Nana“ im Unterrock war ein Skandal, heute oben rechts, immer noch in Lebensgröße.
Vielen großen Leitern des Hauses folgend, tritt Dr. Alexander Klar hier mit einen ganz deutlichen von ihm selbst formulierten Auftrag an: die umfangreiche Sammlung der Kunsthalle so modern voran zu treiben, wie sie schon immer war. „Hier muss etwas Neues gestartet werden“, das war auch seine Idee, als er den vierten Anbau zur Alster hin plante. Es wird hoffentlich ein Leuchtturmprojekt der Kunst und Kunstgeschichte. Klar hat zuvor an vielen großen Museen gearbeitet, unter anderem am Guggenheim in New York und Venedig, Victoria & Albert in London. Aufgewachsen ist er in Athen, daher vielleicht auch seine Liebe für Kunstwerke aus einem anderen Zeitalter. Sein Herz schlägt für die moderne Kunst, entdeckt für die europäischen Betrachter hat er David Novros und zwei von dessen Monumentalwerken angekauft.
Diese Käufe finanzieren sich von jeher komplett über private Spenden und Stiftungen. Die Ausstellung „Skulptural“ wird die Sammlung der Kunsthalle um mehrere Jahrhunderte zurückwerfen, da sie auch Münzen aus der griechischen Antike zeigt, begleitend zu den von der Universität Hamburg zurückgekehrten Gipsabgüssen der überlebensgroßen Marmorskulpturen. Im 19. Jahrhundert konnte keiner damit rechnen, nach Rom oder Athen zu kommen, um sich die antiken Schönheiten anzusehen. Deswegen wurden Kopien der wertvollen Skulpturen, unter anderem aus dem Pantheon, hier in Hamburg ausgestellt. Alexander Klar verbindet die Antike gerne mit der Moderne, baut zwischen den Epochen buchstäblich Brücken.
Wie mit dem Neubau-Projekt, das bis in die Alster wachsen soll. Er setzt nun in den kommenden Jahren alles daran, dass die schönerweise durch Schenkungen wachsende Sammlung dort Platz und vor allem auch Ausstellungsfläche findet. Ist mit allen Entscheidern und möglichen Sponsoren im Gespräch – umtriebig im Sinne der kulturell guten Sache.
Die Kunsthalle besitzt aus Schenkung und Ankäufen gut 30.500 Kunstwerke, von denen 10.000 ausgestellt werden, die Exponate wechseln regelmäßig. Was nicht gezeigt wird, wird sorgsam gelagert im Depot. Hier ist die Restauratorin Eva Keochakian gerade am Werk, ein großes Gemälde von Lawrence Alma-Tadema zu entstauben. Es hing jahrelang ganz oben in der gemischten Hamburgischen Hängung und soll nun die Ausstellung „Skulptural“ bereichern, denn die Reliefs, die auf dieser „Weihung am Bacchus“ gezeichnet werden, sind phänomenal detailliert gemalt. Von den zarten Nymphen ganz zu schweigen. Da es neben dem Café Liebermann mit nicht immer idealer Raumtemperatur zu sehen sein wird, bekommt es noch einen fast unsichtbaren Glasprotektor. Keochakian ist seit 1991 Restauratorin in der Kunsthalle und verantwortet seit 1997 die konservatorische Betreuung der Gemälde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts. Sie hat für die große Ausstellung zu Caspar David Friedrich den „Wanderer über dem Nebelmeer“ und die anderen Caspar David Friedrichs von Hamburg bis nach New York begleitet, im Frachtflieger. Mit ihrer großen Expertise könnte sie auch eine Fälschung erkennen, hat sie schon.
Nur Originale hängen im Depot, bereit zur Ausstellung. Hier kommen nicht viele Leute hin. Die Räume sind klimatisiert, die Luftfeuchtigkeit beträgt konstant 50 Prozent. Wie in riesigen Schubladen vertikal hängen die Gemälde alphabetisch geordnet an Gitterwänden, die man herausziehen kann wie in einer Bibliothek. L für Liebermann, M für Melby und, ach, Monet. Bestimmt 4 m hoch, 6 m lang die Wände, das auf zwei Seiten, und das ist nur der erste Raum.
Die Sicherheitsbestimmungen hier sind extrem hoch, so wie im ganzen Gebäude. Dafür sorgt Ralf Suerbaum. Er ist der Leiter der Haustechnik, schon seit Jahrzehnten. Über die Sicherheitsvorkehrungen hier kann er natürlich nichts sagen, außer dass sie sehr gut sind. Hoffentlich besser als im Louvre. Aber er nimmt uns mit, um zu zeigen, wie er die Oberlichter im Altbau durch LED-Leuchten austauscht. Er klettert dafür jedes Mal mit einer meterlangen Leuchte ins Dachgeschoss und passt sie fast akrobatisch ein. Dass die Beleuchtung in allen Gebäuden zu jeder Tages- und Jahreszeit stimmt, nicht zu wenig für die Besucher, nicht zu viel für die Kunst, dafür sorgt die IT. Das klimagerechte Sanieren des Gesamtbaus liegt ihm und seinem Team sehr am Herzen. Auf dem Dach der Kunsthalle war auch fast noch keiner außer seinem Team und uns. Man hat von hier einen gigantischen Blick über die Stadt. Schon die Architekten des Backsteinbaus Hermann von der Hude und Georg Theodor Schirrmacher haben dafür gesorgt, dass Tageslicht in die Ausstellungssäle kommt.
Es gibt ein Herzstück der Hamburger Kunsthalle. Und das ist zweifelsohne das Kupferstichkabinett. Dort fällt, und das soll auch so, kein Lichtstrahl von außen hin. Vom Baudirektor Fritz Schumacher entworfen und 1922 eröffnet, beherbergt der Studiensaal Kunstwerke auf Papier und gehört mit heute mehr als 140.000 Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien zu den bedeutendsten grafischen Sammlungen in Europa. Das Vermächtnis des Kunsthändlers und Sammlers Georg Ernst Harzen legte den Grundstock und ermöglichte auch von Anfang an die Innengestaltung dieses mächtigen Saals. In den vertikalen Schubladen lagern Werke von Leonardo da Vinci, Michelangelo, Albrecht Dürer, alles Originale. Was viele nicht wissen, jeder kann sie ansehen – nicht direkt anfassen, aber das versteht sich ja von selbst. Man muss sich nur trauen, durch die lichtschützende Tür zum Kupferstichkabinett zu treten. Wird dort freundlich empfangen in einer studierenden Atmosphäre, meist von Dr. David Klemm und seinen Mitarbeitern. Er leitet hier das Digitalisierungsprojekt: Der große Schatz soll auch online zur Verfügung stehen. „Manchmal gehe ich nach Feierabend noch an einen Schuber und atme einfach Kunst“, Klemm liebt seine Arbeit, wie alle hier. Große Museen, die gerne Wissen teilen, arbeiten mittlerweile auf diese Weise. Die Grafiken werden mit viel Vorsicht auf einem riesigen Scanner dokumentiert und dann für Interessierte und Forscher in aller Welt verfügbar gemacht. Der Zettelkasten, zentral schon in der ursprünglichen Innenarchitektur vorgesehen, hilft nach wie vor den Besuchern bei der Orientierung. Wer hier noch nicht war, muss das Kupferstichkabinett unbedingt besuchen.
Die Spannung steigt in der Kunsthalle deutlich, wenn an einem (publikumsfreien) Montag die Kunstwerke für die nächste Ausstellung angeliefert werden. Wie und wo können wir hier natürlich nicht schreiben. Heute werden Werke von Edvard Munch aus Oslo und Wien angeliefert. Für die Ausstellung zu Edvard Munch und Maria Lassnig, die zwei Maler gegenüberstellt, die sich zwar nie getroffen haben, aber noch grob in der gleichen Zeit gelebt haben. Beide vereint das gute Gespür für menschliche Gefühle in ihren Portraits. Die Gemälde werden in großen Holzkisten angeliefert, die man klimatisch neutral auf das Museum anpassen kann. Außerdem werden sie natürlich begleitet: von den Kurieren der jeweiligen Kunsthallen, in diesem Fall das Munchmuseet in Oslo, Alena Volk von der Heidi Horten Collection in Wien und der Maria Lassnig Stiftung, ebenfalls aus Wien. Malfluss = Lebensfluss ist der Titel der Doppelschau. Die Kuratorinnen Dr. Brigitte Kölle und Dr. Johanna Hornauer haben mit dem Impuls, diese beiden Künstler mit so gleichem Mindest zu verbinden, auf Jahre zu dieser Ausstellung hingearbeitet und zu leihende Werke ausgewählt. Es gibt rund sechs Sonderausstellungen im Jahr – zusätzlich zu der permanenten Ausstellung. Immer sind die Themen an den Bestand der Kunsthalle angeknüpft. So zeigt das Haus als Dauerleihgabe der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen das „Mädchen auf der Brücke“ und die „Madonna“, bahnbrechende Gemälde von Munch.
Alexander Klar ist als Leiter jedenfalls mittendrin, die Sammlung und die Kunsthalle ebenso wegweisend auszurichten. Wenn es ihm gelingt, einen weiteren Anbau für die Kunsthalle finanziert zu bekommen, dazu mit schönstem Überbau über eine heute hässliche Kreuzung plus einem Rundwanderweg auf der Alster, dann wäre das ein echter Gewinn für die Stadt und ein international wirksames Spektakel.
Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 71

























