Ortsporträt –

Speicherstadt

 

 

AUTOR: TILL BRIEGLEB

FOTOS: TOMMY HETZEL

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 44

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Als Hamburg-Besucher mag man den Eindruck gewinnen, in der Speicherstadt verändert sich nur noch das Wetter. Gleitet man durch die digitalen Bildspeicher, die Touristen von dieser Sehenswürdigkeit füllen, dann ergibt sich ein Mosaik des Immergleichen: Selfies auf den Nietenbrücken, die Kanalfluchten und aufstrebenden Klinkerfassaden in Regen, Nebel, Abendsonne und Straßenlaternenlicht. Pittoreskes wie Fleetschlösschen und Wasserschloss oder Nostalgiedetails von den Erkern übers Kopfsteinpflaster bis zur goldenen Schrift der Firmenschilder.

 

#speicherstadt zeigt den einstigen Freihafen erstarrt zum Neuschwanstein der Arbeit, ein Freilichtmuseum der Hafenromantik, das vor allem einen Eindruck erzeugt: Kulisse. Diese enorme Beliebtheit der roten Lagerpaläste mag von der Sehnsucht der Menschen nach anderen Fassaden zeugen. Der 1883 begonnene Bau der zollfreien Warenenklave mit ihrer mittelalterlichen Relief- und Schnörkelästhetik kann tatsächlich intensive Wunschträume nach einer kleinteiligen, schmuckvollen und beseelten Baukultur wecken – gerade im Kontrast zur glatten Moderne der Hafencity gegenüber. Doch das Äußere täuscht gehörig über die wahre Modernität der Speicherstadt: Es gibt kaum einen Ort in Hamburg, der solch eine ökonomische Wand- lungsfähigkeit zulässt wie die Backsteinoperette vom Baumwall zum Deichtor. Nichts zeigt das mehr als der heutige Nutzermix. Obwohl die traditionellen Teppich- und Kolonialwarenhändler in den drei historischen Museen des Areals (dem Zoll-, Gewürz- und Speicherstadtmuseum) noch immer als die Seele des Ortes gefeiert werden, sind sie in echt immer weniger anzutreffen. Und auch der beliebteste Superlativ für Hamburgs Weltkulturerbe ist längst nicht mehr korrekt.

 

Im „weltgrößten historischen Lagerhauskomplex“ wird kaum noch gelagert. Die niedrigen und tiefen Böden, die einst für Stück- gut in Jutesäcken konzipiert waren, sind größtenteils zweckentfremdet. Die Containerwirtschaft hat sie sukzessive sinnentleert. Aber seit den Neunzigern und speziell mit der Verlegung und späteren Aufgabe der Zollgrenze ab 2003 fand das schon einmal vom Abriss bedrohte Ensemble einen neuen Zweck: als Ideenspeicher. Mit der Rückkehr des einstigen Zollauslandes ins Hamburger Stadtgebiet wurden die alten Dielen für Naturdarm-Fässer, Kakaosäcke, Teekisten, Kautschuk- ballen und Südfrüchte zur neuen Heimat von Agenturen, Verlagen, Fotografen, Künstlern, dem Musical- Veranstalter Stage oder dem Miniatur Wunderland mit seinem Eisenbahnkosmos. Die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) als Gesamt-Vermieterin macht durch ihren kaufmännischen Leiter der Immobilienabteilung, Matthias Funk, zum Thema Kreativwirtschaft konkrete Angaben:

 

„Von den 300.000 m² Nutzfläche in der Speicherstadt wer- den an das neue Segment Kultur/Tourismus/Start-ups derzeit etwa ein Drittel der Flächen vermietet. Ein weiteres Drittel wird für Büros genutzt, wobei etwa große Werbeagenturen auch als Büronutzer gelten. Das verbleibende Drittel steht weiterhin als Lagerfläche zur Verfügung.“

 

Allerdings lagern auch dort kaum noch Arabica-Bohnen oder Serapi-Teppiche. Die sanierten Böden werden vornehmlich als Showrooms für die Mode- und Designbranche oder als Live-Rösterei von Kaffeeproduzenten genutzt. Will man den radikalen Wandel des einstigen Freihafens verstehen, der bis vor zwei Jahrzehnten nur durch die uniformierte Warenkontrolle an mehreren Zugangsbrücken betreten und verlassen werden konnte und deswegen eher eine Distanzattraktion hinterm Zaun darstellte, dann gibt es vermutlich keinen besseren Ort als den Kreativspeicher M28 am Sandtorkai. Hier sitzen die VR-Nerds und betreiben statt kolonialem nun virtuellen Welthandel. Auf ihren Speicherplatten lagern Programme, mit denen sie Virtual Reality für die verschiedensten An- wendungen erzeugen und versenden, blitzschnell, gewichts- und geruchslos in alle Welt. Das perfekte Warenlager fürs digitale Zeitalter. Und trotzdem sind auch die neuen Händler gespickt mit Lokalpatriotismus, wie ihn bereits die historischen Kontorfirmen pflegten. „Wir sind richtige Hamburger“, sagt der Geschäftsführer, der sich nur als Phillip vorstellt, ein freundlicher, tätowierter Bartträger, der mit verständlichem Stolz das neue Reich der Programmierer und ihrer korrespondierenden Untermieter in der Speicherstadt vorstellt. Auf den drei Böden dieses Start-ups, das mittlerweile über eine Million Euro Umsatz macht, entwickeln 17 Mitarbeiter Spiele, Präsentationen für Autos und Architektur, aber auch Entwicklungsanwendungen für Küchenmesser in 3-D. Komplett saniert mit neuem Treppenhaus und schicken Einbauten in Beton, Holz und Stahl durch die Hamburger Kreativgesellschaft wird die einst lose und staubreiche Atmosphäre der Stückgutlagerung nun übertragen in kreatives Chaos. Überall stehen Musikinstrumente herum, man kann leicht über ein rosa Skateboard fallen, das mitten im Raum zum Stillstand gekommen ist. Wasserkisten und Elektroschrott kuscheln sich an den Wänden, skurrile Kunstwerke in Plastikvitrinen begegnen Ikea- Regalen vollgestopft mit Awards, Figürchen, Aufstellbildern und dürren Topfpflanzen. Ein Wunderland für digitale Bastler, wo jedes Detail eine Geschichte erzählt. Nur Menschen mit Putzzwang würden diesen Plastiksesam zwischen Monitoren und Kabelwust Unordnung nennen. Aber vor allem besitzt diese Kommune eine Schnittstelle zur Öffentlichkeit, die dem neuen urba- nen Gefühl der Speicherstadt dient. Im Erdgeschoss von M28 befindet sich ein Veranstaltungsraum für kleine Kongresse, Präsentationen und Schnupperkurse „Datenbrille“, wo die Nerds ihre Faszination für immersive Welten vermitteln.

 

Es ist diese Öffnung zum Straßenpublikum, wie sie mittlerweile an vielen Punkten der Speicherstadt besteht, durch die das rote Ensemble mehr geworden ist als nur eine märchenhafte Nostalgiestunde für glückliche Gaffer. Dazu zählen die vielen gastronomischen Zugänge zur Innenwelt der Speicherstadt, die vom pragmatischen Mittagstisch-Basar der „Markthalle“ über romantische Erfrischungsidyllen in historischen Zoll-, Toiletten- und Verwaltungsarchitekturen bis zu rustikalen Stuben mit Vollkarte reichen. Daneben sind es aber vor allem die kulturellen Gastgeber, die das neu Einladende der Speicherstadt unter den alten Kranzügen ausmachen. Künstler wie die Ateliergemeinschaft Speicherstadt am Brooktorkai organisieren Ausstellungen und Tage der offenen Tür. Der „Dialog im Dunkeln“, das Automuseum „Prototyp“, das Varieté-Theater „Kehrwieder“ oder die skurrile Anekdotensammlung des Deutschen Zollmuse- ums über erfindungsreiche Schmuggelversuche im einstigen Freihafen sorgen ebenso für Ereignisadressen wie die alteingesessenen Erlebniswelten von Gewürz- und Speicherstadtmuseum. Darüber hinaus haben aber auch die vielen kleinen Kreativmieter ihren Anteil am Publikumsverkehr. Eines der zahlreichen Architekturbüros der Speicherstadt, BLK2, betreibt eine Nischengalerie für Entwurfskizzen in einer Mauerhöhle. Neu gegründete Mode-Labels wie Jan ’n June, die Ökologie und Eleganz zusammennähen, zeigen ihre Kollektionen auf einem weiß gestrichenen Boden mit Ausblick auf die Hafencity. Oder der Kunstvermittler Tilman Kriesel, der sich einen Speicher mit den Interieur-Designerinnen von Lange Geller Kuehl teilt, veranstaltet in dem großen Showroom zwischen Vintage-Möbeln und Design-Objekten Ausstellungen mit Künstlern, die ihm am Herz liegen, inklusive kleiner Konzert-Einladungen. Kriesel ist vielleicht der Prototyp eines Kulturunternehmers, wie ihn die Speicherstadt seit Jahren in großer Zahl anzieht. Von einem einfachen Holzschreibtisch vor einem Bücherregal mit Kunst- bänden betreibt er seine vielfältigen Projekte mit dem Enthusiasmus einer Herzensangelegenheit, mit ehrlicher Freundlichkeit und hanseatischem Understatement (obwohl er eigentlich aus Hannover stammt). Und mit dieser Berufsethik bewahren Akteure wie Kriesel in der heutigen global anonymen Bürohauswirtschaft blitzschneller Transfers etwas von der traditionellen Kultur des Hamburger Kaufmannsadels. Das typische enge Kontor, wo vom Stehpult aus Welthandel mit Handschlagsverträgen be- trieben wurde, ist hier verwandelt neu auferstanden. Und das ist nicht einfach nur nostalgisch, sondern menschlich und sozial schön. Direkt gegenüber von Kriesels Kunstkontor findet sich aber auch noch etwas überlieferte Geschichte als lebendige Manufaktur. Ein Unternehmer, der sich auf die Reinigung und Reparatur kostbarer Bodenware spezialisiert hat, unterhält hier unter dem Firmenname „Schöner Teppich“ ein Reich aus bunten Fäden und Werkzeugen. Das bewahrt perfekt den Geist der alten Speicherstadt, als diese noch der größte Umschlagplatz für Orientteppiche weltweit war.

 

Und auch der traditionelle Kaffee- und Teestandort ist noch längst nicht ausgestorben. „Unser ältester Mieter, der Teehandel Hälssen & Lyon, arbeitet in der Speicherstadt seit 1887 und konnte sich dem Wandel gut anpassen“, sagt HHLA- Verwalter Matthias Funk. Statt Großunternehmen und Ketten, die andere Platzverhältnisse bräuchten, beleben jetzt kleine Privatfirmen für Spezialkaffees wie List & Beisler die Böden. In familiärer Atmosphäre in einem Kontorhaus am Pickhuben unter- gebracht, arbeiten Zunge, Nase und Computer hier gemeinsam an Qualitätskontrollen für Rohkaffees aus aller Welt, vertrieben werden sie anschließend einzelsackweise an Koffein-Sommeliers mit eigenen Röstereien. Der Unterschied zum Kolonialwarenhandel des 19. Jahrhunderts besteht bei diesem sympathischen Unternehmen hauptsächlich darin, dass man strikt auf Fairness, Nachhaltigkeit und soziale Belange seiner Zulieferer achtet. Denn auch wenn die alten Gemäuer immer noch so aussehen wie Handels- schlösser aus der Zeit, als kaisertreue Kaffeebarone Erzeugerpreise mit Waffengewalt durchsetzten, hat die Speicherstadt auch in diesem Punkt eine völlige Erneuerung durchgemacht. Humanes Wirtschaften als aufgeklärte Geisteshaltung prägt die neuen Pfeffersäcke. Denn Tradition lebt eben nur fort, wenn sie sich wandelt. Der größte Verwandlungskünstler der Stadt ist dafür ein rot leuchtendes Beispiel.

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