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Betti Kruse

MUSIKERIN

Schlager und Motown, Klassikstudium und Seemannslied, große Träume und norddeutsche Bodenhaftung. Betti Kruse baut aus Widersprüchen ihren eigenen Sound. Hamburg hat eine neue Stimme

Text: Regine Marxen | Fotos: Mats Hoff

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„’Ne Frau, die nie die Fresse hält – ja, das passt leider nicht zu dir.“ Starke Zeile. Der Song dazu heißt „Schade“. Die Frau, die ihn singt: Betti Kruse. Ihren Sound beschreibt sie selbst als Schlagerchanson. Musik im Nostalgie-Gewand mit Gegenwarts-Punch. Die Hamburger Musikerin spielt mit Gegensätzen. Auch optisch. Das Cover ihres Ende 2025 erschienenen Debüt-Albums „Wird schon gutgehn“ zeigt sie schaukelnd in roten Adidas-Sprintershorts, mit blonder Mullet-Frisur (vorn und an den Seiten kurz geschnitten, im Nacken etwas länger) und in selbstbewusster Pose. Modern, aber auch retro. In ihren Texten erzählt sie Geschichten. Zum Beispiel über die Liebe in „Wie der Wind“: „So wie ’ne Kirsche sich in die Sahne flezt, haben wir uns dann hingelegt“ – ein schönes Bild.

Ernste Themen packt sie auch an. Einsamkeit, Unsicherheit, Mobbing, Altern, Feminismus. Und selten wurde das Thema Enteignung so charmant verpackt wie in „Für alles gibt’s ’ne Lösung“. „Ich will dich ausziehen und enteignen, dann wird dein Leben wieder schön“, singt sie, dazu ein fröhlicher Beat, der an Carsten Meyer alias Erobique erinnert. Diese eigene musikalische Handschrift hat Betti Kruse in den letzten Wochen mediale Aufmerksamkeit und gut verkaufte Konzerte, unter anderem im „Knust“, beschert. Eine Künstlerin auf dem Sprung, urteilte der NDR in einem TV-Beitrag. Zeit, diese Frau besser kennenzulernen.

Im echten Leben heißt sie Wiebke Wilhelmine, hat „die 40 vor der Brust“ und lebt in Hamburg-Eimsbüttel. (In diesem Text nennen wir Wiebke weiterhin bei ihrem Künstlernamen Betti.) Sie ist ein Küstenkind, geboren und aufgewachsen ist sie im nordfriesischen Husum. Weiter Blick, sturmerprobt. Ihre Inspiration aus Kindertagen: Juliane Werding. „Ich hab’s echt geliebt.“ Mit zwölf Jahren beschloss sie, Sängerin zu werden, mit 14 sang sie im Landesjugendchor Schleswig-Holstein und im Flensburger Bach-Chor. 2008 studierte sie klassischen Gesang im österreichischen Graz. Ihre Ausbildung in elementarer Musikpädagogik schloss sie dann später in Rostock ab.

Das Handwerk beherrscht sie. „Ich kann die Rolle des Cherubino aus Mozarts ‚Hochzeit des Figaro‘ vollständig singen, drei Stunden Repertoire auswendig. Das ist schon groß. Aber eigentlich mag ich die kleine Form lieber.“ Also verabschiedete sie sich von der Klassik und machte sich auf nach Berlin. Schön, aber anstrengend. „Zu viel coole Pose, zu viel Druck“, lautet ihr Urteil. Ende der 2010er-Jahre zog sie nach Hamburg. Norddeutsche Lässigkeit mit schnoddriger Attitüde und ehrlicher Seele, dazu das Meer in der Nähe, das lag ihr schon eher. Als Künstlerin fand sie hier Freunde und Gleichgesinnte. „Ich mag die eingeschworene und dörfliche Gemeinschaft unter Musikerinnen und Musikern. Man kennt sich, hilft sich gegenseitig auf kurzem Dienstweg.“ Für die Entstehung von Betti Kruse wäre das essenziell gewesen. Aber erst einmal gründete sie mit Franziska Rademacher das Duo „Franz Albers und Käpt’n Kruse“.

Die beiden kennen sich seit der gemeinsamen Zeit beim Landesjugendchor Schleswig-Holstein. 17 Jahre alt waren sie damals. Die Liebe zur Musik blieb ihr verbindendes Element. Als Seefrauen wollten die beiden Freundinnen mit einer Mischung aus Gesang, Schauspiel und Seemannsgarn die Männerdomäne Seemannslieder kapern. Ohne Folklore, mit Pep und Witz. „Zwei Freibeuterinnen auf der Suche nach goldenen Schallplatten in den internationalen Hitgewässern“, schrieb ein Konzertveranstalter. Schon damals arbeitete das Team mit dem Saxofonisten, Keyboarder und Produzenten Taco van Hettinga zusammen. Das ist der Mann, der Bettis Debüt-Album den Motown-Sound verpasste. „Ohne ihn hätte ich diese musikalische Richtung vermutlich nicht eingeschlagen.“ In der Corona-Zeit löste sich das Duo auf.

Wiebke erschuf Betti, und Tacos Studio auf dem Bernie-Areal auf St. Pauli wurde zur künstlerischen Keimzelle. Dort arbeiten auch die Jungs von Fettes Brot. Damit schließt sich ein Kreis.

„Mit 16 Jahren habe ich ein Fanforum der Band mitgeleitet“, sagt Betti. König Boris fungierte sogar als Testhörer, Lieblingssong: „Schade“. Dokter Renz, alias Martin Vandreier, half ihr bei den Texten für ihre erste EP. Hamburg hat sich für die Musikerin als das perfekte Ökosystem erwiesen. Dennoch kann auch sie von
ihrer Kunst nur schwer leben. „Von den Streaming-Umsätzen wird keiner reich“, bringt sie es auf den Punkt. „Und mit fast 40 Jahren lässt sich die finanzielle Unsicherheit schwerer aushalten als mit 20 Jahren.“ Deshalb unterrichtet sie zwei Tage in der Woche an einer Grundschule im Hamburger Osten. Das ist keine Notlösung, sie mag den Job wirklich. Ihre Eltern waren Lehrer, unterrichten liegt ihr quasi im Blut. Außerdem seien ihre Schülerinnen und Schüler die „geilsten Kinder Hamburgs“. Wenn sie abzuheben droht, brächten diese sie ganz fix runter.

Ein Alltag zwischen Klassenzimmer, Probenraum und Bühne. Ein Leben mit Brüchen. Nicht immer spielt das ideal zusammen, vor allem, wenn es darum geht, eine zusammenhängende Tour zu planen. Aber alles hat seinen Preis, Betti zahlt ihn gern. Weil sie so die Balance zwischen Bodenhaftung und Ambition halten kann. Platz für Träume ist auch noch. Von Hotelsuiten mit schweren Samtvorhängen, in denen sie auf der Tour nächtigt. Von der großen Showtreppe, mehr Streichern, Bläser. Dem großen Besteck. Sie erzählt mit einem Augenzwinkern davon. „Elphi, Schauspielhaus, Thalia – ich baue sehr auf euch.“

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