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Ihr Terminkalender kommt manchmal nicht hinterher. All die Orte, Menschen, Fernsehstudios, Shootings, Podcast-Aufnahmen, Charity-Veranstaltungen, Camping-Abenteuer. Und dazwischen eine Frau, die das ohne Management plant und offenbar trotzdem immer gut gelaunt ist. Bettina Tietjen, vor allem bekannt durch ihre Fernsehsendungen „DAS!“, die „NDR Talk Show“ und „Tietjen campt“, wechselt fast täglich von einem Job zum anderen, routiniert wie DJs an ihren Plattentellern. Dazwischen schickt sie mir zum Interviewtermin noch die Route zu und organisiert einen Parkplatz. Alles zack, zack, sonst wär’ der Batzen nicht zu schaffen. Wer sie trifft, darf etwas abhaben von ihrer Energie. Sie erzählt am liebsten lustige Geschichten, und wenn jemand ihren Humor teilt, schmückt sie das Ganze noch aus, weil es ihr selbst so viel Spaß macht, mit anderen laut zu lachen. Zu jedem Stichwort hat sie eine Anekdote parat. Nie sucht sie nach einem Namen. Die Wechseljahrs-Demenz scheint an ihr, heute 66 Jahre alt, vorbeigeflogen zu sein.
Kaum jemand ist so lange beim Fernsehen wie sie. Die NDR-Sendung „DAS!“ mit täglich wechselndem Studiogast feierte gerade 35-jähriges Jubiläum. Fast genauso lange sitzt Bettina Tietjen dort auf dem roten Sofa. „Ich glaube, neben der Unterhaltung tut den Zuschauern die Verlässlichkeit in der unsicheren Zeit gut.“ Am Tag der Live-Sendung erhält sie von ihrer Redaktion ein mehrseitiges Dossier mit den wichtigsten Infos zum Gast, daraus schreibt sie sich Stichworte auf eine Karteikarte, den Rest prägt sie sich in kürzester Zeit ein. Das Gespräch will sie, bis auf An- und Abmoderation, frei führen statt abgelesen. Ähnlich läuft es bei der „Talk Show“. In den letzten 29 Jahren hatte die laufend wechselnde Titel: „Herman und Tietjen“, „Tietjen und Hirschhausen“, „Tietjen und Bommes“ usw. Die Co-Moderatoren wechseln, Tietjen bleibt. Kollegin Ina Müller nennt sie deshalb schon: „die schwarze Witwe des NDR“.
Ihr Dauerplatz dort liegt ohne Frage mit an ihrer gewinnend unverfälschten Art. So kommt sie auch heute zur Aufzeichnung in weißen Hotelpuschen ins Studio, zieht sich ihre High Heels erst an, sobald sie in der Runde sitzt. „Sorry, das ist mir sonst zu unbequem“, sagt sie zu den anwesenden Zuschauern, bevor die Kameras laufen. Die lachen.
Eine Frau flüstert ihrem Mann zu: „Die ist immer so authentisch.“
Tatsächlich kümmert es Bettina Tietjen wenig, was irgendwer über sie denken könnte. „Einmal stand online über mich: ,Du blöde Kuh, wann gehst du endlich in Rente?‘“, sagt sie. „So was interessiert mich nicht. Ich arbeite, solange ich das noch gut kann. Jeden Geburtstag feiere ich mit Party und Tanz. Ich habe eine kleine Leuchtreklame, da steht dann immer: ,Endlich 65‘, ,Endlich 66‘. Jahr für Jahr ändere ich die Zahl. Man kann doch froh sein, wenn man das Alter erreicht.“ Falten sind für sie kein Manko, sondern normal. „Eine Schönheits-OP mache ich nur, wenn die Haut über den Augen so hängt, dass ich nichts mehr sehe.“
Bettina Tietjen ist herrlich uneitel. Deshalb erzählt sie in Interviews und Podcasts auch Dinge, die andere Promis verschweigen würden. Dass sie zum Beispiel beim Packen alle Klamotten in den Koffer wirft, statt sie schön zu falten, oder wie sie nach einem langen Stau auf den Elbbrücken abfahren musste, um im Gebüsch zu pinkeln. Die Fans schätzen sie für diese Ehrlichkeit. Kein Chichi – das Gesicht des Nordens ist ein Mensch wie du und ich. Vielleicht hat sie dadurch nie einen Shitstorm oder eine schlechte Boulevardzeile erlebt. Die Moderatorin wohnt in Harburg, liebt die bunte Kultur. Privat geht sie eher campen statt in Fünfsternehotels. Ihr Van ist 27 Jahre alt und 360.000 Kilometer gelaufen.
„Im Urlaub trage ich auch immer noch Bikini“, erzählt sie. „Meinem Mann sage ich dann: ,Fotografier mich bloß nicht darin! Ich möchte weiter denken, dass ich beim Aus-dem-Wasser-Steigen aussehe wie Ursula Andress im James-Bond-Film.‘“ Alter, Figur, Missgeschicke – für sie nichts zum Hadern, sondern die Basis für einen Gag. Über ihre Erlebnisse unterwegs, wie ihr Mann ihr beim Campen aus Versehen eine Rippe brach oder sie mit ihrem Sohn im Zelt neben Wölfen schlief, hat Bettina Tietjen ein amüsantes Buch geschrieben. Mit „Tietjen sucht das Weite“ ist sie gerade auf Lesereise durch Deutschland. Ein Bestseller, wie ihre vier Sachbücher davor. Aktuell denkt sie über ihren ersten Roman nach.
Bettina Tietjen ist die Lebensfreude in Person. Ein Mensch, der jeden Tag mit ganz viel Positivem füllen will. Was so unbeschwert wirkt, liegt zum Teil in ihrer Natur, auch am Aufwachsen in Wuppertal, aber ist ebenso begründet in Schicksalsschlägen, die ihr früh gezeigt haben, wie sehr man sein Leben genießen sollte, solange das noch geht.
Bettina Tietjen war sieben Jahre alt, als ihre kleine Schwester starb. Schon mit 30 verlor sie ihre Mutter, später erkrankte ihr Vater an Demenz. Über die letzte Zeit mit ihm hat Bettina Tietjen das Buch geschrieben „Unter Tränen gelacht“. Seit Jahren ist sie Schirmherrin beim DRK-Hospiz in Hamburgs Süden, besucht dort auch gern mal Gäste oder Bewohner, die sie kennenlernen möchten. Außerdem unterstützt sie das Ronald McDonald Haus in Kiel, das Familien schwerkranker Kinder in der Nähe einer Klinik ein vorübergehendes Zuhause bietet. „Ich weiß dadurch sehr zu schätzen, wenn es einem gut geht. Es macht mich dankbar und demütig. Das Schöne im Leben kann viel zu schnell vorbei sein.“









