Peter Urban

DIE STIMME DES NORDENS

Text: Regine Marxen
Fotos: Jan Northoff

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 47

Auf Fotos aus den 70ern sieht er aus wie Frank Zappa. Schnurrbart, schulterlange, dunkle Mähne. Voll sind Peter Urbans Haare noch heute, nur das Dunkle ist gewichen. Der Schnurrbart ist weg, und nach insgesamt acht Hüftoperationen ist ein Gehstock sein Begleiter. Aber seine Stimme, die klingt unverändert. Diese Stimme. Sie begleitete Generationen von Radiohörern vor allem im norddeutschen Raum mit Sendungen beim NDR wie dem „Nachtclub“ oder der „Nightlounge“. In Deutschland ist sie untrennbar mit dem Eurovision Song Contest verbunden. Denkst du an den ESC, denkst du an Peter Urban. Der Mann ist Kult und ein Stück Radiogeschichte.

Aufgewachsen ist der 72-Jährige in Quakenbrück im Landkreis Osnabrück. Schön und beschaulich war es dort. Einen Tick zu beschaulich für den jungen, musikverliebten Peter, der bereits mit 18 Jahren nach London reiste, um Konzerte zu besuchen und Bands zu entdecken. Kein Wunder, dass es ihn nach dem Abitur zum Studium in die Großstadt, nach Hamburg zog. „Die englandähnlichste Stadt, die ich kenne“, sagt er. „Hier traten weltbekannte Bands auf, die Musikszene war vielfältig.“ Er studierte Englisch und Geschichte mit Nebenfach Pädagogik. Das Ziel: Lehrer. „Weil man das damals so machte.“ Das war ganz im Sinne seiner Eltern, Urbans Vater war Schulrat und später Regierungsdirektor in der Schulverwaltung, seine Geschwister Lehrer. So hätte es laufen können. Tat es aber nicht. Statt sich nach dem ersten Staatsexamen konsequent ins Lehrerdasein zu stürzen, promovierte er 1977 mit seiner Arbeit über die Texte angloamerikanischer Populärmusik. „Eine wilde Zeit“, erinnert er sich. „Ich schrieb an meiner Doktorarbeit und wohnte in der Bismarckstraße ganz nah am ,Onkel Pö‘. Ich bin dann nach dem Schreiben gegen 24 Uhr noch mal rübergegangen und entweder hat die Band noch gespielt oder man traf sich auf ein Bier. Das war praktisch mein tägliches Vergnügen.“ Er selbst trat dort auch auf – mit seiner Rockband „Bad News Reunion“, die er unter anderem mit dem Blues-Musiker Abi Wallenstein gegründet hatte. Alte Freundschaften wie jene mit Udo Lindenberg stammen aus dieser Zeit. „Der kam oft, um mitzuspielen, und zertrümmerte irgendwelche Snare-Felle. Es wurde lange gefeiert, es wurde viel getrunken, es war viel los. Wenn man den aktuellen Lindenberg-Film sieht, denkt man, das haben die sich ausgedacht. Aber das war wirklich so.“ Und wie hart feierte er selbst? Kurzes Lachen, dann sagt er grinsend: „Also, ich habe manche Sachen gar nicht bemerkt, weil ich ein bisschen zu naiv war. Ich habe, denke ich, ein bisschen weniger gefeiert als andere.“

Vielleicht ist das das Erfolgskonzept des Moderators und Journalisten Peter Urban: Er kennt die schönen Seiten der Nacht, weiß aber auch, wann er zu Bett gehen muss. Schließlich muss man am Tag danach abliefern. Längst arbeitete er zu „Onkel Pö“-Zeiten neben dem Studium beim Rundfunk oder schrieb für Magazine wie „Sounds“. Eine Karriere als Musiker kam für ihn nicht infrage. „Dafür fehlte mir ein bisschen das Feuer.“ Stattdessen holte ihn schließlich der „Musik für junge Leute“-Macher und NDR-Moderator Klaus Wellershaus als rechte Hand in seine Sendung. Er sollte Urbans Mentor werden.
Der Rest ist Geschichte. Urban wurde freier Redakteur und Moderator beim NDR, 1988 schließlich heuerte er dort fest an. „Das war der Moment, in dem auch meine Eltern endlich beruhigt waren, dass ich etwas Sicheres mache.“ 2002 bis 2013 leitete er die „Nachtclub“-Redaktion, seit 1997 moderiert er den Eurovision-Song-Contest-Zirkus für die ARD. Nur zweimal setzt er aus: 2009 wegen einer Hüftoperation – und 2020.
In diesem Jahr findet der Gesangswettbewerb ob der Corona-Krise nicht statt. Peter Urban mag dieses Format. Sehr sogar. Das ist spürbar. Seine Kommentare sind elegant-witzig, aber nie bösartig. Sie machen ihn auch jenseits der norddeutschen Gefilde berühmt, und nicht wenige der deutschen Zuschauer freuen sich auf seine Moderation mehr als auf die musikalischen Beiträge. Seine Stimme kennt man – von München bis nach Flensburg.

Große Künstler hat Peter Urban während seiner Laufbahn getroffen. Bruce Springsteen zum Beispiel. „Er empfing mich in einem kleinen Raum im CCH hier in Hamburg nach dem Konzert. Nass geschwitzt, mit freiem Oberkörper, aber bereit, mit mir zu sprechen. Oder Joni Mitchell, eine beeindruckende Persönlichkeit als Künstlerin und als Malerin. Wir haben viel mehr über ihre Malerei gesprochen als über ihre Musik. Oder David Bowie, ein menschlich souveräner, toller Typ. Oder Harry Belafonte, als Mensch und Persönlichkeit absolut beeindruckend. Ein solch großer Mann, der neben Martin Luther King gestanden und die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung mitbestimmt hat. Und der sitzt da und ist freundlich. Nicht nur höflich, sondern engagiert und interessiert. Das war echt schwer beeindruckend.“ Auch nervige Interviews hätte es gegeben. Klar. Elton John zum Beispiel. „In der Zeit, als ich ihn traf, hatte er, glaube ich, keine gute Phase. Das Interview war auch viel zu früh am Tag; er kam damals mit dem Motorrad angefahren, genervt und mit schniefender Nase.“ Stundenlang könnte Peter Urban so weitererzählen. Über Yoko Ono, die so gar nicht anstrengend war, sondern zart und zugewandt. Über Keith Richards, herzlich, wunderbar und verdammt gut am Glas. Oder über die amerikanische Country-Sängerin Bonnie Raitt, die er seit 1988 kennt und mit der ihn eine tiefe Freundschaft verbindet. Und über Udo natürlich. „Den sieht man immer noch, das ist ’ne ständige Sache, die bleibt.“

Das ist eine beachtliche Karriere, und das, obwohl er nie ein Volontariat oder eine Sprecherausbildung absolviert hat. Dem NDR ist er über all die Jahre treu geblieben. „Anfang der 90er habe ich ein Angebot bekommen, Chefredakteur bei VH1 zu werden. Ich habe wirklich überlegt. Ein Jahr nach der Eröffnung wurde das Programm wieder eingestellt. Ich bin heilfroh, dass ich das nicht gemacht habe.“ Da kommt sie durch, die elterliche Erziehung. Lehrer wurde er nicht, aber Sicherheit ist ein Thema. „Ich bin zutiefst dankbar, dass ich im geschützten Rahmen vorstellen und spielen konnte, was ich wollte. Ich hatte nie irgendwelche Vorgaben. Das weiß ich sehr zu schätzen.“ Eigentlich ist Peter Urban seit 2013 im Ruhestand. Eigentlich. Als freier Mitarbeiter moderiert er für den NDR weiterhin den „Nachtclub“ sowie „Die Peter Urban Show“. Ohne Vorgaben. Er macht, was er kann: richtig guten Musikjournalismus, Perlen im ansonsten eher überraschungsarmen Formatradio-­Gedudel. Das Medium hat sich verändert über die Jahre, seine Stimme bleibt. Was für ein Glück. Für uns alle.

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