Ruben Jonas Schnell

BYTEFM

Text: Jörg Fingerhut | Fotos: Jan Northoff

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 55

Die frühen 2000er waren eine komische Zeit. Musikalisch, modisch. Vor allem für das Radio. Vorher gab es eigentlich nur öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder private Sender mit viel Werbung und nervenden Jingles. Dann schwappte über das World Wide Web eine wahre Flut von Inter­net­radios in unsere Wohnungen. Plötzlich konnten wir am heimischen PC alles hören, was wir wollten. Es gab zwar kaum kabelloses Internet und auch keine Smartphones, aber immerhin. Neue Vielfalt!

Mitten in diese Entwicklung kam ein ziemlich lockiger Musikjournalist und gründete 2007 das Internetradio ByteFM. Das klingt in dem Kontext erst mal nicht originell. Denn zu dieser Zeit gab es in Deutschland bereits mehrere tausend davon. Allerdings hatte der studierte Musikwissenschaftler Ruben Jonas Schnell damals schon etliche Jahre Erfahrung und zahllose Meriten unter anderem beim NDR gesammelt. Als Gastgeber des legendären „Nachtclubs“ sorgte er seit den späten 1990ern dafür, dass wir Musik auch abseits ausgetrampelter Chart-Pfade kennenlernten. Und mit dem, was er bis dahin in einzelnen Sendungen für den NDR machte, sollte ein eigener Sender entstehen: Der Fokus bei ByteFM lag und liegt nicht auf einem einzelnen Genre, sondern auf guter Musik. Keine Rotationen, dafür handgemachter Musik­journalismus, der sich mit Künstlern und Bands auseinandersetzt, die nicht alle schon die großen Hallen füllen.

Am 11. Januar 2008 startete mit der markanten Bassline von Joy Divisions „Transmission“ der Sendebetrieb von ByteFM. Das Programm stemmte eine ganze Reihe namhafter und zunächst ehrenamtlicher Moderatoren, von denen ein Großteil auch für die Öffentlich-Rechtlichen arbeitete. ByteFM ist definitiv nicht als Konkurrenz zu diesen angetreten. Sondern als Ergänzung, die die besten deutschsprachigen Moderatoren und Autoren, Musik-Formate und Programme unter
einem werbefreien Dach bündelt. Aber wie sollte so ein Sender perspektivisch und dauerhaft finanziert werden? Wären Hörer bereit, für das Programm zu bezahlen? Das ist eine Frage, die wir heute, da die meisten von uns wahrscheinlich gleich für mehrere Audio- und Video-Angebote dauerhaft zahlen, etwas entspannter beantworten würden. 2007 schien diese Hürde ungleich höher. Denn für hochwertigen Hörfunk-Musikjournalismus gab und gibt es doch die GEZ und vereinzelt ein paar private Formate und Programme. Oder?

Jedenfalls kristallisierte sich nach relativ kurzer Zeit ein Modell heraus, das eigentlich bis heute den Sendebetrieb sichert: „Freunde von ByteFM“! Ruben hat es bis heute geschafft, dass rund 8000 Menschen dem Verein „Freunde von ByteFM“ beigetreten sind und dem Sender mit einem jährlichen Beitrag nicht nur eine ideelle, sondern auch eine wirtschaftliche, monetäre Berechtigung geben. Kurios: Genau diese Berechtigung scheinen verschiedenste Sparprogramme der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten der Popkultur sukzessive abgesprochen zu haben. Und so sind in den letzten Jahren arrivierte Formate und Sendungen gekürzt oder ganz gestrichen worden. Nebenbei davon betroffen: der eingangs erwähnte „Nachtclub“, der inzwischen auf NDR Blue versteckt und nicht mehr von Ruben Jonas Schnell moderiert wird.

Im Gegensatz dazu geht ByteFM einen erstaunlichen Weg. Denn nach anfänglichen Auszeichnungen wie dem Grimme Online Award, dem Musikpreis HANS oder dem LeadAward schafft Schnell mit seinem Team etwas Bemerkenswertes. Er überzeugt 2019 mit einem Konzept die Landesmedienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein und bekommt den Zuschlag für die Hamburger UKW-City-Frequenzen 104,0 und 91,7. Seit Januar 2022 ist das kleine Internetradio ByteFM terrestrisch zu empfangen. Und es ist vor allem im Auto eine ganz erstaunliche Erfahrung, zwischen den verfügbaren Privatsendern und den NDR-Frequenzen plötzlich das nach wie vor werbe- und jinglefreie ByteFM zu hören. Es ist einfach ein maximaler Kontrast. In Berlin ist der Sender seit März 2022 auch via DAB+ zu hören. Eine der ersten Sendungen für die neu angebrochene terrestrische Zeit ist ein altbekanntes und hochgeschätztes Format: Goetz Steeger präsentiert hier jetzt seinen „PopKocher“, der lange Jahre im NDR lief.

Damit beginnt das nächste Abenteuer. Denn die Streaming-Abrufe eines Internetradios kann man perfekt tracken und analysieren. Man sieht sofort, was funktioniert und was nicht. Terrestrisch ist die theoretische Reichweite ungleich größer. Allerdings auch nahezu nicht messbar. Die terrestrischen Zahlen werden auch heutzutage noch durch Telefonumfragen erfasst. Und zwar werden dafür tatsächlich Festnetzanschlüsse angerufen. Ob er die Kosten für den UKW-Betrieb stemmen kann? Schnell ist gewohnt optimistisch: „Wir sind immer wieder erstaunt, wer uns in Hamburg nicht kennt oder noch nicht hört. Jetzt setzen wir mit UKW eben auch auf Zufallsbekanntschaften.“ Ganz offensichtlich gibt es auch heute einen Bedarf für kuratiertes Musikradio, für musikbezogenes Autorenradio, für Popkultur oder Musik-Feuilleton. ByteFM ist mit seinen vielen Musiksendungen und den vielen Moderatoren und Autoren wie eine überragende Kompassnadel im Meer der ganzen Streaming-Dienste.