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Svenja Weber

DIALOGHAUS HAMBURG

Als Chef-Visionärin führt Svenja Weber das Dialoghaus Hamburg nicht nur an einen neuen Standort. Sondern in eine Zukunft, in der Sozialunternehmen wirklich bekommen, was sie verdienen. Mit Herz, Verstand und freundlicher Beharrlichkeit.

Text: Regine Marxen | Fotos: Jan Northoff

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Vertraue Deinem Herzen. 2022 hat sich Svenja Weber diese Worte auf den rechten Unterarm tätowieren lassen. In geschwungenen Buchstaben, da, wo sie sie immer sehen kann. 2022, das war das Jahr, in dem sie den Geschäftsführerinnen-Posten beim Dialoghaus Hamburg übernommen hat. Und zur Chef-Visionärin wurde. Denn die gemeinnützige Gesellschaft, bekannt für ihre Dauerausstellungen „Dialog im Dunkeln“ und „Dialog im Stillen“, befand sich zu dem Zeitpunkt in finanzieller Schieflage, das Schiff drohte zu kentern, als Svenja ­Weber an Bord kam. Das war ihr bewusst, sie kannte die Zahlen. Allein an Corona-Krediten mussten 700.000 Euro zurückgezahlt werden. Wenige Jahre zuvor hatte Weber einen Burn-out erlitten, 2019 schrieb sie öffentlich in einem Blogpost über ihren Weg aus dieser Krise. Über ein Jahr hat es gebraucht, bis sie sich mental und körperlich wieder stabil fühlte. Warum bloß hat sie dann einen Job übernommen, der schon mit einer Krise beginnt? Weil sie eines verinnerlicht hat. So sehr, dass sie es nicht nur ihren zwei inzwischen erwachsenen Kindern mit auf den Weg gibt, sondern sich sogar auf den Körper hat schreiben lassen: Vertraue deinem Herzen. Die Intuition ist dein bester Ratgeber.

Ein Herzensprojekt also. Das war es bereits für seinen Gründer. Andreas Heinecke hatte die Idee für das Sozialunternehmen 1996. 2000 eröffnete er das Dialoghaus am Alten Wandrahm in der Hamburger Speicherstadt. Er entwickelte das Konzept nach seinen Erfahrungen mit einem blinden Kollegen beim Südwestfunk und bekam einige Preise dafür, unter anderem den Deutschen Gründerpreis als Sonderpreis 2011. Heinecke ging’s, der Name sagt’s, um den Dialog. Besucher schlüpfen in den Ausstellungen „Dialog im Dunkeln“ und „Dialog im Stillen“ in die Lebenswelt von Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung. Workshops, auch in und für Unternehmen, und weitere Formate wie „Dinner in the Dark“ runden das Profil ab. Der Perspektivwechsel der Besucher schafft Empathie und Aufmerksamkeit, er soll Berührungsängste und Vorurteile abbauen.

Das Dialoghaus war nie als Ausstellungshaus geplant, sondern als Erlebnisort. Das macht es einzigartig. Ein Wegfall würde eine Lücke in der Hamburger Kulturwelt hinterlassen. Aber das Wissen darum reichte nicht, es zu retten. Es brauchte eine Vision, gepaart mit Sachverstand. Hat Svenja Weber. Sie kann Wirtschaft und war schon zuvor in Führungspositionen unterwegs. Nach ihrer Zeit als Executive Director an der ISS International Business School of Service Management und als New Business Development Managerin bei Earlyshare wechselte sie konsequent in Richtung soziales Unternehmertum. Sie war Geschäftsführerin bei „Das Geld hängt an den Bäumen“ und Mitglied der Geschäftsleitung bei „Wir bewegen Kids“. Als Initiatorin von „Schmidt trifft Schmidtchen“ und durch ihr Engagement bei Hamburg@work bringt sie nicht nur unternehmerisches Denken mit, sondern auch Kontakte.

Das alles half, das Dialoghaus in und durch eine Planinsolvenz in Eigenverwaltung zu führen. Danach gründete sie mit der Dialogue Impact gGmbH eine neue, schuldenfreie Gesellschaft, übernahm Teilbetriebe und Mitarbeitende. „Es war unvermeidbar“, sagt sie. Und schmerzhaft für alle Beteiligten, weil Mitarbeitende gehen mussten. Die Zahl der Angestellten reduzierte sich von einst rund 100 auf aktuell 81 (Stand Mai 2026). Das gehört zum Preis, den die Sanierung gekostet hat.

Mission erfolgreich. Aber das strukturelle Problem bleibt. Warum müssen gemeinnützige Organisationen überhaupt ständig ums Überleben kämpfen? Warum fließt die gesellschaftliche Wirkung nicht in deren ökonomische Bewertung ein?

Antworten auf diese Fragen hat Svenja Weber noch nicht erhalten, das macht sie müde. Projektförderungen sind stets befristet. Stellt sie sechs Anträge, ist nicht garantiert, dass auch nur einer von ihnen angenommen wird. Ihr Planungshorizont: ein halbes bis Dreivierteljahr. „Das Thema, dass man immer auf der Suche nach Geld ist, habe ich, seitdem ich im Sozialunternehmertum arbeite“, sagt Weber. Bei „Das Geld hängt an den Bäumen“, bei „Wir bewegen Kids“, jetzt hier. 110.000 Menschen besuchen nach eigener Aussage das Dialoghaus jährlich. Sie kommen zurück mit einem anderen Blick auf die Fähigkeiten von Behinderten. Unternehmen rekrutieren danach anders. Teams kommunizieren besser. Was ist uns das wert, für die Stadt, für den Arbeitsmarkt, für den sozialen Zusammenhalt? Weber will, dass Sozialunternehmen für das bewertet werden, was sie der Stadt tatsächlich bringen. Weniger Langzeitarbeitslose, mehr inklusive Bildung, Fachkräfte, die sonst fehlen würden.

Ihr großes Ziel ist es, Organisationen so zu stabilisieren, dass sie aus den „immer wiederkehrenden existenziellen Herausforderungen“ herauskommen und die Wirkung im Vordergrund steht, nicht die Finanzierung. In ihrem Kopf wächst ein Garten voller Ideen. Optimismus ist ein guter Dünger. Ein Beispiel: Der Unternehmer Kühne will Hamburg eine neue Oper schenken. Naheliegende Reaktion wäre Ärger. Weber geht das eher so an: Was wäre, wenn ein Euro von jedem Ticket in einen Wirkungsfonds für Hamburger Sozialunternehmen flösse? So arbeitet ihr Kopf. „Ich überlege, wie ich Dinge kombinieren kann.“ Hamburg verfolgt als Stadt die Social-Entrepreneurship-Strategie, eine Allianz für Sozialunternehmer und Förderprogramme. Sie soll Projekte vernetzen, sichtbar machen und finanzieren, die mit unternehmerischen Mitteln ein gesellschaftliches oder ökologisches Problem lösen wollen. Bingo. Findet sie gut. Weil Sozialunternehmen so nicht als Bittsteller behandelt werden, sondern als das, was sie sind: eine stabilisierende Wirtschaftssäule. Eine realistische Utopie, so nennt Svenja Weber ihre Denkweise. Utopie, weil ihre Idee von Wirtschaften sich nur schwer mit dem Kapitalismus versteht, der unser ökonomisches Handeln derzeit dominiert.

Realistisch, weil es möglich ist, Zukunft zu gestalten. Auch, wenn’s manchmal schwerfällt. „Wenn ein Weg nicht geht, gehe ich zurück, denke neu, nehme einen Umweg. Aber ich komme wieder.“ Was nicht passt, kann sie passend machen. Damit wären wir beim Parkhaus. Die Kaimauern am Alten Wandrahm müssen saniert werden, das ­Dialoghaus muss umziehen, und das bis 2028. Der neue Standort: das ehemalige Parkhaus an der Großen Reichenstraße, auf der Domachse zwischen Hamburger Innenstadt und Hafencity. Zentrale Lage und im Gegensatz zum jetzigen Standort barrierefrei. Derzeit müssen Rollstuhlfahrende an manchen Stellen im Haus die Treppen hochgetragen werden. Für eine Organisation, die für Inklusion steht, ist das „eigentlich nicht vorstellbar“. Der Umzug ist im Grunde eine Chance. Noch läuft die Machbarkeitsstudie. Mehrere Akteure müssen dabei zusammenwirken. Finanzierung, Umbau, Timing, solche Dinge. Svenja Weber zweifelt nicht daran, dass es gelingen wird. „Alles ist machbar. Bis etwas dagegenspricht.“

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