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Christian Redl

 

 

AUTORIIN: MEIKE WINNEMUTH

FOTO: THOMAS LEIDIG

Kommen Sie doch einfach in die Wohnung“, sagte er am Telefon, und mein Herz hüpfte. Die Wohnung, muss man wissen, war vor neun Jahren mal meine, er war der Nachmieter. Ich habe da gern gelebt und war seitdem nie mehr da. Keine Ahnung, auf welches Wiedersehen ich mich mehr freute: das mit ihm oder das mit meinem alten Zuhause.
Christian Redl wohnt seit 1980 in Hamburg, seit gut 30 Jahren in St. Georg. Bevor er in meine Wohnung zog, lebte er ein paar Häuser weiter in derselben Nebenstraße der Langen Reihe.

 

Man traut ihm diese Beständigkeit gar nicht zu, und damit geht es schon mal los: damit, was man ihm zutraut. Was man ihm unterstellt. Es gibt nur wenige Schauspieler, die sofort solche archaischen Reflexe auslösen. Man schaut in diese (Verzeihung, aber das Wort benutzt er selbst) Visage und denkt: Vorsicht jetzt. Kein falsches Wort, sonst fängst du dir eine. Seine Präsenz ist immer leicht beunruhigend, spannungsgeladen, brenzlig – und genau davon lebt der Mann seit Jahrzehnten hervorragend. Gestern war er noch in Berlin, morgen hat er schon das nächste Auswärtsspiel. Er tourt gerade mit einer Lesung über echte Kriminalfälle aus „stern Crime“ (und wurde dafür von einer Lokalzeitung schaudernd als „Stimme des Grauens“ tituliert, was ihn sehr amüsiert), im Herbst ist er als Polizeichef Jackie Brown im hoch besetzten und langerwarteten „Dreigroschenfilm“ zu sehen und als Reichskanzler Friedrich Ebert in „Kaisersturz“, einem Dokudrama über das Ende der deutschen Monarchie 1918. Er bereitet „Die Zofen“ von Jean Genet vor, mit seinem Freund Ulrich Tukur plant er einen Abend mit Balladen und Gedichten. Er hat also verdammt gut zu tun, was für einen Schauspieler immer noch die große Ausnahme ist, erst recht in diesem Alter. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mit 70 mal so kommod leben würde.“ 70, was bedeutet das für ihn? „Der Beginn des Winters.“


Wir sitzen am Esstisch, er hat Kekse hingestellt. Es ist verrückt: die vertrauten Räume, darin das aus Hunderten von Rollen vertraute Gesicht, und doch bin ich angespannt. Geradezu albern. Nichts ist dümmer, als Schauspieler mit ihren Rollen zu verwechseln, aber bei ihm muss man sich regelrecht anstrengen, nicht in diese Falle zu tappen. Und das, obwohl ich großer Fan seines Kommissars Krüger aus der vorzüglichen ZDF-Reihe „Spreewaldkrimi“ bin, dieses wortkargen, aber mitfühlenden Melancholikers, den er seit 2006 spielt. „Als deutscher Schauspieler endet man immer als Kommissar. Dabei sind das nicht die interessantesten Rollen, Bösewichte sind viel spannender.“ Wobei die Kommissare heutzutage den Bösewichten kaum noch nachstehen, was seelische Abgründe angeht, das muss auch Redl zugeben. „Stimmt, die haben alle einen Hau.“  


Zum Fernsehen kam er erst spät. „In den Achtzigern war ich einer dieser Verpeilten, die sagten, Fernsehen, igitt, das macht man doch nicht.“ Schauspielerei hatte gefälligst am Theater stattzufinden. Und Redl fand sehr statt: Schauspielschule in Bochum, dann Engagements in Wuppertal, Frankfurt, Bremen. War er schon damals auf die düsteren Gestalten spezialisiert? „Na, den jugendlichen Helden habe ich jedenfalls nie gegeben. Ein Kollege hat damals gesagt: Christian wirkt, als sei er 500 Jahre alt.“ Von 1980 bis 1993 gehörte er zum Ensemble des Schauspielhauses, spielte unter Peymann, Bondy, Minks, Zadek. „Wenn man Zadek ohne psychischen Schaden überlebt hat, kann einem nichts mehr passieren.“ Doch ganz ohne Maleschen ging es trotzdem nicht ab: „Ich habe jahrelang im ‚Dorf‘ in der Langen Reihe gesessen, damals
die klassische Schauspieler-Absturzkneipe. Wenn man Erfolg hatte, musste man was trinken. Wenn nicht, auch. Wenn gerade nichts
passierte, erst recht.“


Mit 43 passierte ihm dann die Rolle, die Segen und Fluch war: „Der Hammermörder“. Ab da war er festgelegt auf die Abteilung Kriminelle Energie und Abgründe. Einerseits gut für die Rente, andererseits auf Dauer mächtig einseitig.

 

„Ich habe viele Rollen nicht gekriegt, weil meine Visage zu eindeutig ist. Ich habe eben kein neutrales Gesicht, in das man alles hineinprojizieren kann.“


Dabei ist er Allrounder. Er kann Komödie, er kann singen, er hat ein wunderschönes Album namens „Sehnsucht“ mit eigenen Liedern gemacht. „Aber damit wollte ich nicht auf Tour. Ich hatte keinen Drang, mich selbst darzustellen.“ Entschuldigung, aber – als Schauspieler nicht auf die Bühne wollen? „In einer Rolle traut man sich viel mehr, die schützt. Viele Schauspieler sind wahnsinnig schüchtern.“ Er auch? Er lächelt. Gelassen sei er erst mit 61 geworden. Er ist verheiratet „mit der Liebe meines Lebens“, einer Grundschuldirektorin in Gelsenkirchen, die ihn, wie er sagt, mit einer ganz neuen Realität bekannt gemacht hat. Man muss sich Christian Redl als glücklichen Menschen vorstellen. Ach so, und die Wohnung? Wunderschön.

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 39

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