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Paul Bethke

 

 

AUTOR: JÖRG FINGERHUT

FOTOS: LEA ARING

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 43

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Vor über 20 Jahren entschließt sich ein sechzehnjähriger
Hamburger Schüler, für drei Monate nicht in die USA oder nach England, sondern nach Sri Lanka zu gehen. Aus drei Monaten werden ungefähr zwei Jahre inklusive Abitur und einer lebenslangen Beziehung (zu dieser Insel südlich von Indien), deren erstes Kind 2009 eine Limonade wird. 

Wir sitzen mit Paul Bethke in seinem Büro zwischen Millerntor und „Grüner Jäger“. Draußen ist Hamburger Schmuddelwetter, aber wenigstens reden wir über eine warme Region. „Jeden Tag passieren da Sachen, mit denen du einfach nicht rechnest. Es passiert nicht das, was du dir vorgenommen hast. Sondern einfach irgendetwas anderes.“ Paul erzählt mit einer Gelassenheit und Unaufgeregtheit von Sri Lanka und dem Leben dort, dass ich mich in meiner Jeans fast overdressed fühle. „Die Gespräche dort sind komplett anders. Menschen, die du dort kennenlernst, fragen dich nicht nach deinem Job oder deiner Position. Da ist eine Neugierde für ganz andere Bereiche. Wie: Woran glaubst du? Woran glauben deine Kinder?“ 

Nach den beiden ersten Jahren in Sri Lanka bleiben für ihn Fragen, aus denen ein wesentliches Thema wird: Wieso ist diese Region dermaßen wirtschaftlich abgehängt? Warum können Menschen, die – wie wir – hart arbeiten, nicht – wie wir – ihr Leben planen und träumen? Dabei interessieren Paul die größeren Zusammenhänge. „Ich wollte die Unterschiede verstehen.“ Also studiert er in England, Deutschland und zuletzt an der Sorbonne in Paris Volkswirtschaft. Und als er quasi direkt im Anschluss 2006 als Entwicklungshelfer nach Sri Lanka darf, um dort den Wiederaufbau nach dem verheerenden Tsunami von 2004 zu leiten, da hätte die Geschichte hier eigentlich auch enden können. „Als Deutscher mit Studium bist du ja automatisch erst mal Experte.“ Nur war Paul plötzlich in einer Position, die ihm so gar nicht behagte. „Man zahlt keine Steuern, du fährst im Pick-up von A nach B, sitzt in den großen Hotels und wirst wie ein Kolonialbeamter behandelt. Genau das wollte ich ja nicht! Zudem hatten wir echten Mittelabflussdruck – was für ein Terminus: Wir mussten Geld ausgeben, weil wir es sonst fürs nächste Jahr nicht wieder genehmigt bekommen hätten – ob die Maßnahme an sich nun sinnvoll war oder nicht. Also habe ich da nach drei Monaten wieder aufgehört und bin zurück nach Hamburg.“

Dort wird aus der relativ vagen Idee, Menschen in Entwicklungsländern zu helfen, die konkrete Überzeugung, das nicht durch das Sammeln von Spenden oder im Auftrag großer Organisationen zu machen. Sondern mit einem Produkt, das so gut ist, dass ein guter Teil der Erlöse an die Hersteller vor Ort zurückfließt. „Es war nie mein Ziel, Getränke zu verkaufen.“ Aber im Kopf hat er dabei seit Längerem diese leckeren Erfrischungsgetränke, die er damals in Sri Lanka kennengelernt hat. Also sitzt er im Sommer 2008 mit seinem alten Kommilitonen Felix Langguth in einem Garten, schreibt Businesspläne und führt auf dem Höhepunkt der Finanzkrise filmreife Gespräche mit Bankern: „Unsere ganze Bank wankt! Warum sollte ich jemandem, der keine Ahnung von der Getränkebranche hat, so viel Geld leihen?“ Quasi parallel trägt er die beiden Marken Lemonaid und ChariTea ein, schaut sich Hersteller für Tee und Früchte in Sri Lanka, Indien, Ruanda und Südafrika an.

„Dann haben wir uns daran gemacht, einen Abfüller zu finden. Aber niemand war darauf vorbereitet, dass da jemand kommt und sagt, wir haben hier echten Tee und wollen daraus Eistee machen. Wir haben in Deutschland mit gut 200 (!) Abfüllern gesprochen. Und ein einziger hat dann 2009 gesagt, dass er das zwar auch nicht könne, aber mit uns jetzt einfach was bauen wolle.“ Paul war immer klar, dass seine Idee nur funktionieren würde, wenn das Design der beiden Getränkemarken Lemonaid und Chari-Tea komplett überzeugt. Zufällig ist er mal über diese stylishen Glühwein-Flaschen gestolpert, hat recherchiert und herausgefunden, dass schwedische Designer dafür verantwortlich waren. Er hat sie einfach angesprochen, und sie haben letztlich das komplette Packaging für Lemonaid und ChariTea übernommen – einfach weil sie die Idee überzeugt hat. Zu regulären Konditionen hätten die Jungs die Schweden nicht buchen können.

Schon wenige Monate nach dem Start 2009 hätten Paul und
Felix zumindest die in monatelanger Kleinstarbeit erarbeiteten Businesspläne komplett in die Tonne hauen können. Weil nämlich der Einkaufsvorstand einer der größten Handelsketten den Kontakt zu den beiden gesucht hat. Das Angebot? Die beiden Marken kommen
ab sofort ins Sortiment, stehen in jeder Filiale. Sie haben sich ein Wochenende Bedenkzeit erbeten. Und? „Wir haben das damals abgelehnt, weil wir nicht wollten, dass so viele Menschen unser Produkt sehen und gar nicht wissen, was dahintersteht. Das Komplettpaket ist eigentlich dreistufig: Die Flaschen sehen gut aus, Limo und Eistee schmecken und sind nachhaltig produziert. Aber wir müssen es dem Kunden vorher erklären. Am Regal im Supermarkt haben wir nicht mehr die Möglichkeit zu erklären, warum unsere Limonade teurer verkauft wird als die andere im Nachbarregal.“

Paul hat damals aus Sri Lanka eine sehr undeutsche Gelassenheit mitgenommen, die immer mal wieder zu Entscheidungen führt, die rein rational und nach streng deutschem Sicherheitsdenken nicht immer die klügsten zu sein scheinen. Als Ende 2018 jemandem in einer Behörde in Hamburg auffiel, dass Lemonaid für eine Limonade eigentlich zu wenig (sic!) Zucker hat, da haben die Jungs diese erstaunliche Diskussion mit der Behörde nach einer Weile öffentlich gemacht. Ergebnis? Das Amt hat die Abmahnung zurückgenommen, und auf Bundesebene arbeite man jetzt an einer Anpassung der Leitsätze des Lebensmittelbuches. Wäre dieser Move nach hinten losgegangen? „Dann wäre es wohl existenziell geworden. Wir haben ja keine Etiketten, die wir mal eben hätten neu drucken können. Alle Infos zu den Getränken sind mit Keramik direkt in die Flaschen graviert. Und ob wir den Markennamen Lemonaid für ein Getränk hätten weiter verwenden dürfen, das dann explizit keine Limonade gewesen wäre … völlig offen …“  

Heute gibt es vier Sorten ChariTea und vier Sorten Lemonaid, von denen rund 15 Millionen Flaschen pro Jahr über ausgewählte Supermarkt- und fast alle Biomarkttresen gehen. Über 100 Menschen arbeiten für Lemonaid Beverages. Und es überrascht irgendwie nicht, dass auch die Unternehmenskultur besonders ist. Es gibt für inzwischen 25 Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika einen eingetragenen Verein, über den bisher vier Millionen Euro in die verschiedenen Projekte geflossen sind. Eine Million wird es allein 2019 sein. Jeder Mitarbeiter kann und soll zwei Wochen pro Jahr diese Projekte besuchen. Denn es geht nicht nur um die finanzielle Unterstützung vor Ort, sondern auch darum, dass die Mitarbeiter hinter der Idee stehen. Sie machen dann z. B. bei der Tee-Ernte in Südindien mit und lernen nicht nur die Arbeit, sondern auch die Menschen vor Ort kennen. „Was wissen wir hier schon davon, wie jemand in der untersten Kaste in Indien lebt und arbeitet?“

Kurz vor unserem Gespräch ist Paul mit seiner hochschwangeren Verlobten nach Sri Lanka gereist, damit der gemeinsame Sohn im warmen Colombo das Licht der Welt erblickt. Am Check-in Richtung Sri Lanka sagt die Mitarbeiterin der Airline, dass die Tickets gesperrt seien. „Kann es sein, dass Sie schwanger sind?“ „Äh … ja.“ Und als der Puls von Paul kurz ein bisschen beschleunigt, sagt die Mitarbeiterin freundlich: „Herzlichen Glückwunsch!“ Und schaltet die Tickets frei. Gelassenheit ist Trumpf.

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