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Ralf Gauger

 

 

AUTORIN: REGINE MARXEN

FOTOS: JULIA SCHWENDNER

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 42

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Grelles Grün dominiert derzeit Ralf Gaugers Umfeld. Viereckige Aufkleber mit schwarzen Lettern drauf, die auf Fensterscheiben, Treppengeländern, Türen und Regenrinnen überall auf dem Hinterhof der Bernstorffstraße 117, kurz Bernie, verteilt sind. Sogar auf den Kindersitzen der an den Hauswänden geparkten Fahrräder gegenüber seiner Werkstatt prangen sie gut sichtbar auf der Rückenlehne. Über der Einfahrt zum Hof, gleich neben der „BernsteinBar“, hängt ein großes signalgrünes Banner. Die ersten Herbstwinde haben es ordentlich verwirbelt, aber die Buchstaben lassen sich noch entziffern: „Viva la Bernie“. Rettet unsere Heimat vor dem Verschwinden.


Seit mehr als einem Jahr, seitdem das 4700 Quadratmeter große Areal von zwei Immobilieninvestoren gekauft worden ist, herrscht in der Bernie 117 der Ausnahmezustand. „Der Schock, wenn der Brief vom neuen Vermieter kommt“, an den erinnert sich Ralf Gauger bestens. Die Angst vor Mieterhöhungen, Nachverdichtung, Verdrängung stand im Raum. Nicht unbegründet, wenn man sich die Entwicklungen auf dem Hamburger Wohnungsmarkt anschaut. Doch die Bernie ist etwas Besonderes. Nicht nur, dass hier prominente Künstler wie Rocko Schamoni oder die Fetten Brote arbeiten: Wer diesen Hof kauft, hat es mit einer ziemlich wehrhaften Mieter-Gemeinschaft zu tun. Statt sich ihrem Schicksal zu ergeben, starteten sie die Viva-la-Bernie-Kampagne, gründeten einen gleichnamigen Verein, vernetzten sich mit der Politik und der Handwerkskammer, sammelten Fürsprecher, trommelten in den sozialen Netzwerken gegen die Verdrängung an und unterbreiteten den neuen Besitzern sogar ein Kaufangebot von insgesamt sieben Millionen Euro. Und mittendrin befindet sich Ralf Gauger, Initiator und Sprecher der Bernie-Bewegung.
„So was wie das hier kannst du in keine Excel-Tabelle einpreisen“, sagt Gauger. Er sitzt an seinem Schreibtisch und blickt aus dem Fenster auf die Hofeinfahrt. Seit 25 Jahren ist er mit seiner Firma in der Bernie zu Hause. „So was kannst du nicht bezahlen. Wir sind hier eine gewachsene Gemeinschaft. Hier wohnen und arbeiten 110 Menschen. Das darf man nicht zerstören. Orte wie diese machen das ganze Viertel aus.“ Genau das wollte er den neuen Besitzern erzählen, damals, als er das Gespräch mit ihnen suchte, kaum dass deren Brief hereinflatterte. „Ich bin ja nicht doof“, sagt er. „Ich kenne ja beide Seiten. Die emotionale und die Zahlen-Seite.“
Klar, bei den Finanzen kennt sich Gauger aus, gerade wenn es um Immobilien geht. Zusammen mit seinem Partner Onno Röhrs leitet er zwei Bauunternehmen, eines in der Bahrenfelder Straße und die Hamburger Aufbau GmbH auf St. Pauli. 


Insgesamt 40 Mitarbeiter beschäftigt er. Das Baugeschäft läuft gerade richtig gut, und auch Ralf Gauger lässt Geld ungern auf der Straße liegen. „Natürlich bin ich auch der kapitalistische Unternehmer. Ich schaue schon, dass es meiner Familie, mir und meinem Konto gut geht.“ Aber der 51-Jährige ist eben auch Handwerker, erdverbunden, ein Freund der offenen Worte. Er ist kein Anzug-Typ, der seine Baustellen besichtigt, sondern einer, der selbst mit anpackt. Und er hat eine klare Vision, wie soziales Miteinander geht. Und für diese setzt er sich ein – und das nicht erst seit gestern.
Ralf Gauger ist geborener Hamburger. „Born in Horn. Aber in diesem Fall Langenhorn.“ Sein Vater ist Handwerker, das Anpacken und die zielorientierte Denke sind ihm quasi in die Wiege gelegt worden. Aufgewachsen in einer spröden Beamtensiedlung, wo es außer Polizei und Post nicht viel gab, fängt für ihn das Leben in den frühen 80er-Jahren an. Mit 15 Jahren entdeckt Gauger die autonome Szene; er besetzt Häuser in der Hafenstraße und die Rote Flora. „Punk und Politik. Aber mit Bücherlesen. Das war ja nicht bei allen so“, sagt er. 1991 wird er praktisch aus dem Nichts hinaus verhaftet. Man wirft ihm vor, mit einem Freund Betonplatten auf die Zugstrecke Hamburg–Itzehoe gelegt zu haben, um den Zug entgleisen zu lassen. Die Anklage ist nicht haltbar, die Medien sprechen von einer Schmierenkomödie des Hamburger Staatsschutzes. 


Ein halbes Jahr sitzt er in Untersuchungshaft, über zwei Jahre zog sich der Prozess. Am Ende werden Gauger und sein Freund von allen Vorwürfen freigesprochen – und Hamburgs Innensenator Werner Hackmann tritt zurück. Noch heute wundert sich Gauger, was damals passiert ist. Aber jemand wie er lässt sich nur schwer beeindrucken. Statt aufzugeben, macht er in dieser Zeit seine Tischlerlehre in den Phoenixhöfen. Eines Abends geht er im „Störtebeker“ in der Hafenstraße ein Bier trinken. Ein Kumpel fragt ihn, ob er am nächsten Tag mit anpacken kann auf einer Baustelle. „Du bist doch Tischler. Eine Decke machen.“ Daraus wurden drei Decken – und am Ende zwei Firmen. Ralf Gauger ist das, was man einen erfolgreichen Unternehmer nennt. Ihm gehört sogar ein Hostel: das Backpackers St. Pauli. Das dazugehörige Haus in der Bernstorffstraße, in der er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern wohnt, hat er eigenhändig geplant und gebaut. „Damals musste ich bei den Banken für den Plan, ein Hotel auf St. Pauli zu bauen, stark werben. St. Pauli, wer will da schon hin, hieß es.“ Das hat sich geändert, so wie sich das gesamte Viertel geändert hat. Ralf Gauger aber hat sich seine politisch-soziale Haltung bewahrt. „Ich arbeite sieben Tage die Woche. 20 Prozent meiner Zeit setze ich ein, um meiner sozialen Vision in meinem Viertel ein wenig näher zu kommen. Und dafür nutze ich auch meine Firma.“ Er bringt sich aktiv ein ins Quartiersgeschehen, hilft beim Bau des Sankt Pauli Museums oder des „Golden Pudel Clubs“, war Teil der „Unser Hamburg, unser Netz“-Bewegung, organisierte Lesungen gegen Atomstrom mit Nina Hagen und Günter Grass. Er ist ein Netzwerker, der keine Angst vor großen Namen oder Gegnern hat. Oder vor Investoren.

 

„Ich kann mich gut streiten, aber es macht mir keinen Spaß. Im Grunde sind wir jetzt an einem Punkt angelangt, wo wir durch irre viel Action, Arbeit und Kampf die neuen Eigentümer dazu gebracht haben, uns einen Mietvertrag für 20 Jahre anzubieten. Das ist schon ein Erfolg. Aber wir wollen mehr. Wir wollen dieses rund 100 Jahre alte, gewachsene Stück Pauli dem Markt entziehen und sichern.“


An dieser Idee halten Gauger und die Bernie-Hofgemeinschaft fest. Für ihn hat die Auseinandersetzung Symbolcharakter für ganz Hamburg. Das motiviert ihn, alle Gesprächskanäle offen zu halten. Auch wenn das Ganze allmählich an seine Substanz geht. „Ich müsste mich wieder viel mehr um meine Baustellen kümmern“, sagt er. „Aber jetzt sind wir schon so weit gegangen, diesen Weg müssen wir zu Ende gehen.“

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