Stephan Garbe

 

 

GIN SUL

 

 

Text: David Pohle
Fotos: Giovanni Mafrici; Markus Schwarze; Altonaer Spirituosen Manufaktur

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 46

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Gin Sul gibt es erst gut sechs Jahre, 2013, kurz vor Weihnachten, begann die unheimliche Erfolgsgeschichte des Gins aus Ottensen. Der Duft des Südens, destilliert im Norden – ein guter Claim. Garbe hat auch eine Vergangenheit als Werber. Aber der Reihe nach. Es ist zehn Uhr morgens, draußen ist es grau. Hier am Bahrenfelder Steindamm, Ecke Kohlentwiete, mitten in Ottensen, ist es sogar noch etwas grauer. Wir nehmen Platz am hohen Holztisch. Eine alte Waage aus Portugal, Zitronenschale, die mazeriert, also in Alkohol liegt, Untersetzer, die wie die handgemachten Kacheln aus Portugal aussehen, die die Wände fluten. Überall stapeln sich Kartons, die noch unter viele Weihnachtsbäume sollen. Eine Destillation hat gerade begonnen, die chromglänzende Anlage blubbert leise vor sich hin. Frischer Zitronenduft streift ahnungsvoll den Raum, verzieht sich. Wie der Gedanke. Nein, heute ist es wirklich noch zu früh.


Garbe war nie angestellt, hatte nach dem Abitur aus dem Sanitätsbataillon der Bundeswehr heraus seine erste Firma gegründet. Irgendwas mit Werbung. „Michel, Alster, Ole“ war ein Slogan, der von ihm kam und Ole von Beust erfolgreich half, Erster Bürgermeister zu bleiben. Mit Mitte 30 hatte Garbe genug. Genug davon, Ideen zu entwickeln, sie vorzutragen, auf Bedenken, auf Rückversicherungen, auf Zweifler zu treffen. Zugegebenermaßen etwas früh für eine Midlife-Crisis stieg er aus der Werbung und dem Alltag aus. Erst mal. Da er ein paar Jahre vorher sein altes Wohnmobil, einen ’75 Benz, bei den Eltern seines portugiesischen Freundes Miguel geparkt hatte, lag Portugal nahe. Auf dem Trilho dos Pescadores, dem 75 Kilometer langen Wanderpfad der Fischer an der Costa Vicentina, verliebte er sich in den alten Hippie-Ort Odeceixe an der rauen Westküste. Dabei – handylos, völlig frei und offen im Kopf – fiel ihm auf, dass an der kargen, wilden Küste überall Wacholder wuchs. Außerdem Zistrose. Und ziemlich fette Zitronen. 
„Das ist für mich der Duft von Portugal, wenn man ankommt, das 
Fenster öffnet und dieses Gefühl atmet“, sagt Garbe. Der heute 43-Jährige war immer schon ein Gin-Aficionado, hatte über Jahre viele Gins aus aller Welt gesammelt, natürlich auch getrunken. Aber ein Gin aus Portugal war nicht dabei.

 

„Meine Frau Maren sagte dann, mach das doch einfach selbst.“

 

Und Garbe machte. Las sich ein in Destillationsverfahren, Gesetzgebung und machte ein Praktikum bei einem Obstbrandhersteller. „Ich hatte richtig Bock auf die Sache, Portugal und Gin, zwei Leidenschaften, für die ich wirklich brenne.“ Voller Enthusiasmus präsentierte der Hamburger sein Konzept dem Bürgermeister vor Ort, hörte monatelang nichts mehr. Er wollte in einer dem Verfall preisgegebenen Grundschule die Destillerie einrichten, Botanicals im Schulgarten züchten, vor Ort leben. Dann kam die harte Absage, es bestünde kein Interesse. 3500 lange Kilometer fuhr Garbe nach Hamburg zurück, viel Zeit, um über das Platzen seines Traums nachzudenken. Erstmals hatte er eine echte Niederlage eingesteckt, war an den Mühlen der lokalen Bürokratie schlicht abgeprallt. „Geduld ist und war nicht meine Stärke, vielleicht habe ich ein paar Knöpfe zu viel gedrückt damals.“ Doch kaum zurück fasste Garbe neuen Mut, fragte einen Freund, ob auf dessen Gewerbehof mal was frei würde. Wurde es. Am selben Nachmittag mietete Garbe per Handschlag die Räume einer alten Tischlerei. 100 Quadratmeter. Und Garbe ging, wie er sagt, „all in“ mit allem Geld, was er hatte, in das größte Risikowagnis seines Lebens.
Einen Tag vor Heiligabend 2013 kam die letzte Genehmigung, der TÜV hatte sein Go gegeben, ein Explosionsgutachten lag vor. Und Garbe schmiss die Destille an. Im Januar 2014 lieferte er den ersten Karton aus. Ans 25hours Hotel Bikini in Berlin. In Hamburg nahm Jörg Meyer von der legendären Bar „Le Lion“, seit Langem im Ruf stehend, eine der besten Bars der Welt zu sein, Gin Sul ins Sortiment. Und mit dem aufkommenden Rückenwind fing Garbe an, sein Ding zu machen, die ersten vier Monate komplett allein, dann auch mit Unterstützung von Freunden, die Flaschen abfüllten, Kartons verpackten und auch sonst halfen, etwaige Zweifel gar nicht erst aufkommen zu lassen. 


Inzwischen hat er mehrere Angestellte, Celia aus Portugal ist hier die Grande Dame, seit 2014 an Bord. Und der Businessplan? Da lacht Garbe, nie habe er so etwas gehabt, auch keine Excel-Tabellen mit Zahlenkolonnen. „Wenn man mit Herzblut ein gutes Produkt macht, dann findet sich immer jemand, der das goutiert. Wir sind uns stets treu geblieben, haben nie an den Preisen gedreht, immer noch dieselbe Rezeptur wie 2013“, sagt Garbe und ergänzt: „Wenn alle Freude am Produkt haben, dann ist das gut für alle. Für den Barkeeper, für die Bar, für deren Gäste, für den Handel und natürlich für uns.“


Inzwischen ist die alte Tischlerei erheblich größer geworden, eine gläserne Manufaktur, wo jedermann herzlich willkommen ist, einen Blick in das Herz der Gin-Sensation zu werfen, die niemand mehr missen möchte. All die schmucken Tonflaschen, die in Deutschland in der Nähe von Montabaur produziert werden, werden hier gefüllt. Und das bleibt auch so, eine größere Anlage hat Garbe schon ins Auge genommen. Dafür ist noch Platz. Für Copycats aber, Lohnabfüllungen und platt ausgedachte Storys hat Garbe, man sieht es ihm förmlich an, wohl nur Verachtung über. Gin Sul gibt es inzwischen fast überall, jede gute Bar in Deutschland, die etwas auf sich hält, hat Garbes Gin. Es läuft richtig gut. Bei der Absatzmenge lächelt er vielsagend und hält sich bedeckt. „Aber du kannst diesen Moment nicht einfrieren. Es muss immer weitergehen, sonst bleibst du stehen und wirst womöglich überholt und abgehängt.“ Da traf es sich ganz gut, dass Jägermeister vor geraumer Zeit auf einen Drink vorbeikam. Man verstand Garbes Willen nach Unabhängigkeit, aber Garbe verstand beim zweiten Gin Tonic auch, dass die Braunschweiger ihm international viele Türen würden öffnen können. Sogar in einer albanischen Bar in Tirana hat er seine eigene Flasche gefunden. Dabei war er auf Motorrad-Tour mit seinem Freund Bene. Das war wohl noch Zufall. Aber eigentlich doch eher logisch. 

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