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Yusra Mardini

 

 

AUTOR: JÖRG FINGERHUT

FOTO: THOMAS DUFFÉ

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 44

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Was in Hamburg unvorstellbar erscheint, hat die Schwimmerin Yusra Mardini in ihrer Heimatstadt Damaskus erlebt. Aber sie hatte Glück, denn die Granate durchschlug zwar das Dach der Schwimmhalle. Aber explodierte nicht. Sondern sank langsam und bedrohlich auf den Grund des Beckens wie ein absurd großes Spielzeug.

 

Yusra ist heute 21 Jahre jung. Vor vier Jahren hat sie sich entschlossen, Syrien zu verlassen. Dabei war die Granate beim Schwimmtraining nicht mal ausschlaggebend für diese Entscheidung. Viel schlimmer war für sie die Normalität des Krieges. „Man registriert den Angriff, weiß nicht, woher er kommt und durch wen. Aber das Leben geht nur wenig später einfach weiter. Diesen Alltag wollte ich nicht für mein Leben.“ Mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Sara macht sie sich 2015 auf den Weg in ein Leben ohne Krieg. Es beginnt eine Flucht, die 25 lange Tage dauert und den ungezählten Flüchtlingen aus den umkämpften Gebieten ein Gesicht und eine Stimme geben wird. Zwischen dem türkischen Festland und der griechischen Urlaubsinsel Lesbos erlebt sie dreieinhalb dunkle Stunden, von denen sie später Hunderten Journalisten, Politikern aus der ganzen Welt sowie Barack Obama und dem Papst berichten wird. Aber die Flucht beginnt erst mal mit zwei Flügen: von Damaskus nach Beirut. Dann weiter nach Istanbul. Von da über Land Richtung Küste. Und in ein viel zu kleines Boot mit 20 weitestgehend fremden Menschen rüber nach Europa. 500 Euro Bargeld hat sie da noch und ein wasserdicht eingewickeltes Smartphone. Brille und Schuhe verliert sie. Ob sie zwischen Damaskus und Hamburg jemals die Hoffnung verloren hat? „Das ist nicht meine Art. Nein!“ Auch nicht, als der Außenborder auf dem Weg nach Lesbos ausfällt und es dunkel wird. Gemeinsam mit Sara, auch eine exzellente Schwimmerin, geht sie ins Wasser, um das Boot zu stabilisieren, die fremden anderen und auch sich zu retten. Dreieinhalb Stunden! Und sicher war das tatsächlich die schwierigste Situation der Flucht. „Wir sind beide gute Schwimmer, es wäre eine Schande, wenn wir hier ertrinken würden.“ Sie haben ihr Ziel vor Augen, kommen aber einfach nicht näher. Sie denkt zurück und sagt:

 

„Gerade zwei Monate vor der Flucht habe ich ein Rennen über 10 Kilometer auf dem Meer gewonnen. Vielleicht hat Gott mich da ja schon getestet?“

 

Zu schaffen machen ihr auf dem weiteren Weg von Griechenland über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich vor allem demütigende Szenen. In Griechenland und Ungarn verweigern Händler ihr mehrfach den Verkauf von Lebensmitteln. „Kurz vorher war ich noch die talentierte Schwimmerin, die für Olympia trainiert. Plötzlich behandelt man mich wie ein Tier – obwohl ich mich oder mein Verhalten ja gar nicht verändert habe.“ Aber sie relativiert sofort und erzählt, dass sie wirklich überall auch wunderbare, hilfsbereite Menschen kennengelernt habe. „Sogar wenn du eigentlich niemandem vertrauen solltest, gibt es selbst auf der Balkanroute in den schlimmsten Situationen auch Menschen, die dir helfen wollen. In jedem Land! So wie den ungarischen Taxifahrer, der wie der Teufel fuhr, damit wir unseren Bus Richtung Deutschland erwischen konnten.“

 

Angekommen in Berlin, trainiert sie bei den Wasserfreunden Spandau und wird tatsächlich für das Team „Refugee Olympic Athletes“ nominiert, das 2016 in Rio unter olympischer Flagge starten darf. 300 Mails mit Interviewanfragen erreichen sie innerhalb der nächsten Nacht. Eine neue Dimension der Aufmerksamkeit folgt, als sie nach den Spielen, wo sie über 100 Meter Freistil und Schmetterling antritt, nach New York eingeladen wird, um den „World Leaders Summit on Refugees“ der UN zu eröffnen. Sie muss immer noch lachen, als sie daran denkt, wie sie zu Beginn vor Aufregung ins Stocken gerät und die anwesenden Staatschefs erst mal mit einem freundlichen (aber improvisierten) „Ladies and Gentlemen …“ begrüßt. Der beeindruckendste Typ, mit dem sie gesprochen hat? „Der Papst, dem ich 2016 den Bambi überreichen durfte. Auch wenn ich keine Christin bin: Er war warmherzig. Er hat mich sehr berührt.“ Seit zwei Jahren ist Yusra Mardini nun UN-Sonderbotschafterin für Flüchtlinge des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, wurde vom „Time Magazine“ 2016 zu einem der 30 einflussreichsten Teenager der Welt gewählt. Aktuell trainiert sie in Hamburg mit einer 14-köpfigen Trainingsgruppe für Tokio 2020. Und möchte studieren. Am liebsten Politik, weil sie auch ein politischer Mensch ist. „Aber meine Mutter rät mir davon ab, weil ich viel zu direkt bin. Leider geht Schwimmen und Studieren nicht parallel. Nach Tokio entscheide ich, ob ich weiter schwimme.“

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