Porträt –

Albert Schindehütte

 

 

AUTOR: JOACHIM OTTE

FOTOS: GIOVANNI MAFRICI

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 43

» MAGAZIN BESTELLEN

„Früher sah ich ihn nur selten und auch nur selten mit Vergnügen. Da hatte er seine genialische Phase, was er gern öffentlich ausdrückte. Heute wohnt er unten in unserm Haus und maskiert sich als freundlicher Nachbar, was -allen Beteiligten nur recht sein kann.“

Keine Ahnung, wie es damals um die Nachbarschaftlichkeit des Künstlers Albert „Ali“ Schindehütte bestellt war. Heute befremdet die Bemerkung von Peter Rühmkorf, die er 1975 in einem Text für einen Schindehütte-Katalog
unterbrachte. Noch immer wohnt Ali unten in jenem Haus in Oevelgönne, und sollte er je eine Maske getragen haben, hat er die längst abgelegt, um den freundlichen Nachbarn zu enthüllen, der er ist. Heute kann man, immer
mit Vergnügen, häufig einen Schindehütte in Oevelgönne sehen, weil nämlich 30 Anwohner-freunde einen bei sich zu Hause hängen haben. Ali ist kein freundlicher Nachbar; er ist ein freundlicher Mitbewohner.

Global Village Oevelgönne. Die große weite Welt fährt in bunt gewürfelten Hochhäusern vorbei. Kinder quieken im Sand. Die Hunde kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen. Das kleine Dorf in der Millionenstadt. Der Rosenzweig am fein geschmiedeten Ornament – und der Riesenkran auf der anderen Seite. Die filigrane Kalligrafie – und der 2 x 3,60 m große,
mit der Straßenwalze aufs Papier gebrachte Holzschnitt. Einer der Gründe, warum der Mark-Twain-artige Charakterkopf Schindehütte so gut zu Oevelgönne passt, liegt in seinem Werk. Wie Oevelgönne selbst bildet es in seinen extremen Gegensätzen eine ästhetisch umwerfende Einheit. Schindehüttes Feder- und Tuschezeichnungen sind bisweilen von einer schwerelosen Leichtigkeit, die ebenso beeindruckt wie seine massiven Holzschnitte, die man hart und wuchtig nennen kann, nicht aber schwer. Denn fast jede Ali-Arbeit hat etwas Spielerisches. Der Ausdruck reicht vom Derben bis zur totalen Verfeinerung, aber immer gibt es Humor, Ironie, Groteskes, Fantastisches. Was so auch für sein Leben gilt.

 

Der im hessischen Schauenburg als Metzgersohn aufgewachsene Schindehütte versuchte sich zunächst, „noch nach dem Schweinestall stinkend, den ich morgens ausgemistet hatte“, als Schaufensterdekorateur. Kein gutes Ende. Schließlich wollte Ali als Matrose die große weite Welt befahren. Aber warum nicht spaßeshalber mal all die Zeichnungen und Skizzen, die man ohnehin produziert, seit man einen Stift halten kann, an die Werkkunstschule Kassel schicken. Deren Vertreter meinte: Was wollen Sie, Sie sind doch schon fertig. Doch Ali blieb, und sein Lehrer Karl-Oskar Blase machte ihn noch fertiger. Er machte auch die erste Ausstellung, 1959. Da war Ali 19 Jahre alt. Zwei Jahre später zog er nach Berlin, wo er mit vier ähnlich Gesinnten die Werkstatt Rixdorfer Gruppe gründete, die bis heute
existiert. „Fünf Bohemiens, die lieber schluckten  als druckten“, schrieb der „Spiegel“. Apropos: Rudolf Augstein fand sich einst in einer Ab-stellkammer einer Wohnung in der Hamburger Innocentiastraße wieder, in die Schindehütte 1968 gezogen war. Ali brauchte Geld und schloss ab. „Ich mach’ erst wieder auf, wenn du mir 1000 Mark gibst.“ Der so Erpresste willigte ein – für eine Mappe mit Schindehütte’schen Werken.

 

Eine von vielen Anekdoten, die davon künden, dass Ali zu jenen Kreativen gehört, bei denen Kunst und Lebenskunst zusammengehören. „Wenn man als Künstler einen offenen Geist hat, wird man durch alle sozialen Schichten gespült“, sagt er, bevor er darauf hinweist, dass er gleich wegmüsse, um sich mit Rocko Schamoni zu treffen. Schindehütte war mit Roger Willemsen befreundet – und kannte Fritz Honka, weil auch Ali, vor langer Zeit, im „Goldenen Handschuh“ ein und aus ging. Mehr als einmal hat er in der Hamburger Obdach-losenstation „Pik As“ genächtigt – und wurde von Otto von Habsburg als „einzig legitimer Nachfolger von Alfred Kubin“ gelobt. 

Es ist ein buchstäblich märchenhaftes Leben: Schindehütte ist entfernt verwandt mit dem Schauenburger Johann Friedrich Krause, der eine wichtige Quelle für Grimms Märchen war, und um diese Märchen-Achse dreht sich viel von Alis Œuvre. 1997 gründete Ali in Schauenburg die „Märchenwache“, die er bis heute mitbetreut.

Seit 1974 wohnt Ali, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Bigs Möller, in jener „wunderlich verwürfelten Häuserzeile mit dörflichem Kleinleuteklassizismus“ (Rühmkorf). Er ist nicht nur ein wichtiger Hamburger Künstler, sondern auch ein einmaliger Hamburger Zeitzeuge. Doch die Zeit bezeugt auch ihn, seit 60 Jahren: Er arbeitet an einem Buch über seine Ausstellungen 1959–2019. Am 27. Juni 2019 feierte Albert Schindehütte seinen 80. Geburtstag.

Newsletter

Hamburg von seiner schönsten Seite.

Jetzt eintragen!