Koloss vom Elbpark

BISMARCK-DENKMAL

Fotos: Kultursponsoring Kaercher.com/David Franck

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 48

Er drohte zu stürzen, ganz von allein. An dem Koloss im Elbpark nagte der Zahn der Zeit. Die Sanierung der 625 Tonnen schweren Granit­statue des Reichskanzlers Otto von Bismarck ist in vollem Gange. Der Alte Elbpark, eine echte Schmuddelecke in Hamburgs schönster Lage, wird gleich mit angepackt.
Bismarck, eine umstrittene Figur – heute, aber auch schon zu seinen Lebzeiten. Was bei der Enthüllung vor 114  Jahren in der Symbolik
dieses Denkmals von vielen auf Anhieb verstanden wurde, muss heute erklärt und in einen
zeitgeschichtlichen Kontext gesetzt werden. Die aktuellen Debatten um den deutschen Kolonialismus und Rassismus zeigen, wie groß der Bedarf ist. Ein Denkmal zu stürzen oder zu verunstalten, und damit aus heutiger Perspektive unliebsame Kapitel der Geschichte quasi unsichtbar zu machen, kann nicht der Weg sein. Zumindest, wenn die historische Bedeutung des Dargestellten so vielschichtig ist. Im Gegenteil, dieses Wahrzeichen Hamburgs ist genau der richtige Ort, um aus der Vergangenheit zu lernen: Im Sockelbau ist die Einrichtung eines Museums vorgesehen.
Was mag dem Hamburger Bankier Max von Schinckel durch den Kopf gegangen sein, als er 1898, nur ein paar Tage nach dem Tod des Fürsten, die Errichtung eines Denkmals vorschlug? Dankbarkeit für wirtschaftliche Vorteile? Die Speicherstadt war größtenteils mit 40 Millionen Reichsmark „Fördergeld“
erbaut worden. Ein guter Deal, den der Senat mit dem Eisernen Kanzler 1881 gemacht hatte,
im Gegenzug für den fast unvermeidbaren Zollanschlussvertrag. Der Erwerb überseeischer Kolonien war weitaus mehr Initiative von Hanseatischen Kaufleuten als im Sinne Bismarcks, der lange ein entschiedener Gegner war. Ein pragmatischer Politiker, lag seine Priorität auf einem Kräftegleichgewicht innerhalb Europas. Schließlich gab Bismarck doch nach, die rücksichtslos expansionistische Imperialpolitik Wilhelms II. kam erst nach seinem Tod zu ihrem schrecklichen Höhepunkt. Was bewegte die Hamburger Denkmal-Stifter noch? Die Sicherung der Gunst des Kaisers für die Zukunft? Wilhelm  II. erwiesen die Hamburger
mit einem bronzenen Reiterstandbild seines
Großvaters vor dem eben fertiggestellten Rathaus die schuldige Ehre. Früh dran war von Schinckel mit seiner Initiative für dessen Ex-Kanzler auch nicht gerade. Eine wahre Denkmal-Welle war schon durchs Land gegangen, 105 Stätten wurden es weltweit. Doch das Hamburger Denkmal unterschied sich davon deutlich durch seine alle übertreffende Größe. Und einem ganz neuen Ansatz in der Bismarck-
Darstellung: Granit statt der üblichen Bronze, eine Reverenz an die Statuen des Ritters Roland, Symbolfigur für die Marktrechte und die bürgerliche Freiheit einer Stadt. Das Schwert hält Otto allerdings gesenkt, mit beiden Händen
stützt er sich darauf: die Pose einer mittelalter­lichen Palastwache. Ein glatzköpfiger Ritter,
der „Wacht nach dem Weltmeer halten sollte“, wie es schon im Entwurf formuliert ist. Die Stadt und das Reich im Rücken, den strengen Blick elbabwärts gerichtet: die Ikonografie eines
wehrhaften Beschützers – schlicht und gut, ein
subtiler Seitenhieb auf das wilhelminische Machtpathos. Die Kapitäne aus allen Ländern der Erde, unseren Hafen ansteuernd, werden diese weithin sichtbare Bildsprache sehr gut verstanden haben. Ein Hamburger Eigenweg, typisch die Pfeffersäcke, könnte man sagen. Auch dieser Aspekt der Denkmals-Geschichte ist zu spannend, um ihn nicht mit der unübersehbaren Größe der Statue im kollektiven
Gedächtnis der Hamburger zu verankern.

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