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Vollgepumpt
HOYER MARINE
Sie sind die fahrenden Tankstellen im Hamburger Hafen: die Bunkerboote der Hoyer Marine. Durch sie bleiben die Touri-Fähren beweglich und der Hurtigruten-Dampfer kommt bis nach Norwegen. Schiffsführer Krischan nahm uns eine Schicht lang mit an Bord
Text: Andrea Hacke | Fotos: René Supper
BRÜCKE 10, sieben Uhr morgens, Wettervorhersage: 100 Prozent Regen. Klingt nach Tristesse, wäre da nicht unser Treffen mit Schiffsführer Christian Heinrich Malchow, überall Krischan genannt. Groß, kräftig, immer einen Spruch parat. Sein Arbeitsplatz ist das Bunkerboot „Palmaille“, mit dem große Pötte und Fähren im Hafen betankt werden. Wegen seines Gefahrenguts liegt es an den Landungsbrücken versteckt hinter einem Absperrgitter. Eine lange Gurke unter den Schiffen, nicht breit, dafür 40 Meter lang. Die Reling endet schon unter Kniehöhe. Das wird also nichts, sich während der Fahrt dort festzuhalten. Im Steuerhaus sitzt Krischan vor seinem ersten Kaffee. Die Tasse eher ein Eimer. „Dann muss ich nicht so oft aufstehen“, sagt Krischan und lacht. Er ist seit fünf Uhr auf, ist schon von Neu Wulmstorf bis an die Elbe gefahren, wirkt aber trotzdem so zufrieden wie andere im Wellnesshotel eingemummelt in ihren Bademantel.
Heute ist er wie an jedem Wochentag der Mann im Hafen, der lostuckert mit dem Boot der Hoyer Marine GmbH, sobald einem Schiff in der Nähe Schiffsbetriebs- oder Schmierstoffe fehlen. Seine „Palmaille“ ist, wie noch zwei weitere Bunkerboote der Firma, eine Art schwimmender Tante-Emma-Laden für den Hafen – ausgestattet mit Öl, Fetten zum Schmieren, Frischwasser, Frostschutz, Putzlappen und dazu Diesel. Bis zu 220.000 Liter passen unter Deck. Bunkern bedeutet hier tanken – und Krischan sowie seine Decksmänner Lasse und Freddie machen’s auf dem Wasser möglich. Entweder fahren sie zur Anlegestelle des Kunden und legen seitlich an. Oder der Kunde fährt selbst ans Bunkerboot – dann wirft Krischan sein Lasso rüber, trifft sofort eine Klampe und zieht das ganze Boot mal eben an die Bunkerseite ran.
Ein Blick auf den Auftragszettel von heute gibt an: Einige Fähren warten auf Diesel, dazu die „Finnmarken“ vor ihrer Reise nach Norwegen. Und das Schiff „Princess“ braucht Wasser. Aber gemach. Beim Abbiegen in die Fahrrinne der Elbe erklärt Krischan erst mal alle Regeln: „Rauchen nur im Steuerhaus!“ Krischan zeigt auf die Aschenbecher an jeder Tür und guckt zum ersten Mal streng. „Die größte Gefahr an Deck ist das Wegrutschen!“ Und wenn wir später vom Bunkerboot runterwollen oder wieder rauf, dann bitte, wenn er in der Nähe ist. „Der Abstand zur Anlegestelle kann auch mal groß sein. Beim Rübersteigen wärt ihr jedenfalls nicht die Ersten, die in die Elbe fallen.“ Draußen schüttet es, die Wellen klatschen an die Seite. Wir bauen auf seine Hände. Krischan steuert als Erstes das „König der Löwen“-Schiff an. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag müssen alle Fähren betankt werden, damit die Touristen immer easy von A nach B kommen.
Für den Tag mit der Presse hat sich Krischan ein Sweatshirt angezogen, auf dem noch Farbe aus dem letzten Sommer hängt. Authentisch sein lautet hier das oberste Gebot. Dazu trägt er eine Dockermütze auf dem Schädel, Sicherheitsschuhe, in seiner Hose stecken Handschuhe und ein Messer, „wie es sich für einen echten Matrosen gehört“. Die Handschuhe kommen zum Einsatz, sobald es ans Betanken geht. Die Männer ziehen dann den dicken, 40 Meter langen Schlauch vom Bunkerboot an die Fähre. Das ist mühsam – und wirkt, als würden sie ein ganzes Krokodil hinter sich herziehen. An der Seitenwand der Fähre stellen Schilder an jeder Öffnung noch mal klar, was hier rein darf: „Brennstoffübernahme“, zum Beispiel. Wäre ja auch ungünstig, wenn Diesel oder Öl in einem Frischwassertank landeten.
Krischan wartet auf das Go fürs Betanken und die genaue Menge, doch auf dem Nachbarschiff regt sich nichts. Viele Minuten vergehen, unser Schiffsführer wird unruhig, schließlich warten noch andere auf ihn. Dann sieht er etwa sechs Kollegen mit Kaffeebechern auf der Anlegestelle stehen. Krischan macht ein Gesicht wie Tom aus „Tom und Jerry“, bevor er die Maus mal wieder attackiert, und ruft laut: „Hat mal einer Bock zu bunkern oder wat?“
Hat gesessen, es kommt Bewegung in die Gruppe. Der Kollege naht, Krischan dreht die Ventile fürs Pumpen auf in einem Raum, der trotz Durchzug riecht, als würden wir mitten in einem Tankkanister stehen. 20 Minuten lang fließt der Diesel ins Nachbarboot. Decksmann Lasse nimmt parallel eine Probe als Qualitätsnachweis. Die wird ein halbes Jahr lang aufbewahrt, falls mal irgendwer an der Güte des Diesels zweifelt. Wie ich sehe: Dieser steuerfreie Diesel ist rosafarben. Nach dem Tanken das Ganze umgekehrt: Räder zudrehen, Schlauch zurück an Bord, aufrollen. So geht das den ganzen Tag durch. Das Gym für die Armmuskeln wird damit unnötig.
Krischan guckt auf die Uhr, der zweite Auftrag ist futsch: Das geplante Schiff für die nächste Ladung musste weiter. Kurz ärgert er sich, dann fällt Krischan ein, dass er uns in der unverhofften Pause die neue Bunkerstation der Firma am Johannisbollwerk zeigen kann, gegenüber der „Cap San Diego“. Seit diesem Jahr können Schiffe auch diese als Tankstelle nutzen. Und Krischan könnte hier nachladen, wenn sein Bunkerboot zu leer wird. Er gibt dem Kollegen dort über Funk Bescheid: „Schnucki, haste schon ’n Schlüppi an? Dann kommen wir jetzt mal vorbei.“ Er lacht in sich hinein. Die gute Laune ist rasch zurück.
Sanft lässt Krischan die „Palmaille“ an die Station gleiten. „Geht nicht immer so fein“, sagt er. „Wer die Tide falsch einschätzt, ditscht auch mal unsanft ran.“ Auch auf der Elbe kommen durchaus mal „Near Misses“ vor, knapp am Schlimmen vorbei, aber äußerst selten. Nur einmal hat ihm ein Schlepper ein Sechs-Meter-Loch in die Seite gerissen. „Das war der Wahnsinn. Aber das Wichtigste ist: Unter meiner Führung gab es noch nie einen Personenschaden.“ Wir klettern rüber zur Hoyer-Tankstation – lange Beine sind von Vorteil. „Das ist das gute Stück. Mit vier Tanks à 90 Kubikmetern.“ Krischan streicht über die Schläuche und die blitzeblanken Regale. Er sieht so stolz aus, als wäre das seine neue Eigentumswohnung.
Seit er 17 ist, arbeitet Krischan auf dem Wasser, erst auf Touri-Schiffen, um Stadtfremden in breitem Hamburgisch den Hafen zu zeigen. Das macht er heute noch ab und zu am Wochenende, denn er mag den Kontakt zu Menschen, Kinder mal kurz ans Ruder lassen oder einem Opa die Technik erklären.
2020 wechselte Krischan auf die Bunkerboote. Meist auf die „Palmaille“, sozusagen sein Heimatboot, wo Krischan seit der Aufstiegssaison unter Sankt-Pauli-Flagge fährt. Eine Dauerkarte fürs Stadion hat er sich bisher noch nicht gegönnt, aber der Chef weiß: Sobald der Verein in Hamburg spielt, steht Krischan im Stadion auf der Gegengerade. Im Steuerhaus hängen Sankt-Pauli-Aufkleber, auf einem Schild steht: „Love Sea-Watch. Hate Fascism.“ Von seinem Bunkerboot will Krischan nicht mehr weg, auch nicht als Rentner: „Die ,Palmaille‘ ist zwar von 1958. Die könnte auch gut in den Museumshafen, aber ich hänge dran.“
Wir fahren weiter zum Bunkerkunden „Finnmarken“, eins der Postschiffe der Reederei Hurtigruten. Bereits seit 1893 verbinden deren Schiffe den Süden mit dem Norden, brachten einst Post sowie Waren nach Norwegen und luden diese entlang der Küste ab. Heute transportieren die Schiffe vor allem Reisende, die die Fjorde kennenlernen wollen. Zum Betanken des großen Schiffs wechseln wir auf das Bunkerboot „14“, modern, da von 2015, mit Platz für 480.000 Liter Diesel. Das Betanken dauert hier zwei Stunden. Krischan hat nun Zeit, beißt in mitgebrachte Chicken McNuggets und sagt: „Was Schöneres als den Job kann ich mir nicht vorstellen. Hier bin ich mein eigener Herr, halte Klönschnack mit Kollegen. Außerdem ist es ein geiles Gefühl, sich hier mal ein bisschen wichtig zu fühlen.“
Er ist dem Hafen dankbar. „Der Job hat mich mit 17 aus einer sehr dunklen Zeit gerettet“, erzählt er. „Vom Dämon Alkohol. Aber hier hat mir ein Kollege damals gesagt: ‚Du bist doch ein cooler Macker. Lass das mal raus statt das Arschloch.‘ Das habe ich dann gemacht.“ – Und wie: Nach der Ausbildung zum Matrosen machte Krischan noch das Binnenpatent, heute zeigt er Auszubildenden mit viel Ruhe und Motivation den Weg. Er ist verheiratet und frischer Papa. Krischan ist angekommen, auf der Elbe wie an Land. Da kann man schon mal breit grinsen, auch bei Sturzregen früh um sieben.
Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 70
















