Seilschaften

GERMAN ROPES

Text: Regine Marxen
Fotos: Julia Schwendner

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 47

Hamburgs – und Deutschlands – größte Reeperbahn ist 342 Meter lang und liegt in Hausbruch. Irritiert? Kein Wunder. Nicht nur Einheimische denken beim Namen Reeperbahn sofort an St. Paulis sündige Vergnügungsmeile. Deren Ruhm reicht weit über die Stadt-, ja sogar über die Landesgrenzen hinaus. Aber, Pardon, diese Reeperbahn ist schon längst keine echte mehr. Schließlich stellen Seiler, auch Reepschläger genannt, hier keine Seile mehr her. Das war einst die ursprüngliche Funktion der schnurgeraden Reeperbahn: Für die Produktion von langem Tauwerk braucht man Bahnen von mindestens 300 Meter Länge. Statt Faserstränge zu flechten oder zu drehen, wird auf St. Paulis berühmtester Straße inzwischen getanzt, geknutscht, gefeiert. Ganz anders in Hausbruch. Hier findet handfestes Handwerk statt. Hier werden Taue, Seile und Schnüre für die ganze Welt produziert.

„Mich hat keiner gedrängt. Aber ich habe immer gewusst, dass ich das Unternehmen übernehmen möchte“, sagt Stefanie Lippmann.­ Vor gut 20 Jahren ist die 51-Jährige in die Geschäftsführung des Unternehmens eingestiegen. Sie leitet den Familienbetrieb damit in fünfter Generation und ist die erste Frau in der Führungsriege. „Schon mein Vater sagte immer: Man muss es wollen und können.“ Wollen wollte sie, können kann Stefanie Lippmann auch. Sie ist ausgebildete Seilerin, hat ihre Ausbildung in München gemacht. 40 Mitarbeiter hat sie, gern könnten es mehr sein. „Es ist sehr schwer für uns, Auszubildende oder auch Arbeiter zu finden.“ Herausforderungen, die sie annimmt. Wie ihre Vorfahren vor 170 Jahren. 1850 gründete der Seilermeister Friedrich Lippmann das Unternehmen auf Altenwerder. Drei Generationen lang produzierte die Familie an diesem Ort, dann musste der Betrieb ob der Hafenerweiterung umziehen. In Hausbruch fand man unter der Leitung von Stefanie Lippmanns Vater Klaus eine neue Heimat. Er machte das Unternehmen fit für die Zukunft, vereinte fundiertes Wissen um das Handwerk mit neuen Ideen. Nur eine weitere Reeperbahn gibt es noch in Deutschland, sie befindet sich ebenfalls im Hamburger Osten. „Der Markt“, sagt Stefanie Lippmann, „ist umkämpft. Es gibt viele billige Seilereien, und man braucht nicht für alle Seile eine Reeperbahn. Die billigsten aber können und wollen wir nicht sein. Wir stehen für Qualität.“

Das heißt vor allem: Das Seil muss neben der einwandfreien Herstellung zum Anwendungszweck passen. Und die sind vielfältig – was dem Tauwerk-Unkundigen oft gar nicht auffällt. Dem Profi Stefanie Lippmann schon. „Unser Umfeld ist voll von Seilen!“ Seile für Katzenkratzbäume, Angelschnüre, Trapezkünstler-Seile, Springseile, Schiffstakelage … „Daran denken die meisten immer zuerst, an Schiffstauwerk. Tatsächlich aber ist das inzwischen der kleinste Teil unserer Aufträge.“
Es sind unter anderem Taue für Kinderspielplätze auf der ganzen Welt, die heute auf der Reeperbahn in Hausbruch entstehen. Einen Tag – die Vorbereitungszeit nicht mitgerechnet – nimmt die Herstellung eines solchen Werks in Anspruch. Aus vielen Einzelseilen wird auf einer der beiden Bahnen ein dickes Tau gedreht, immer wieder neu und von vorn. Dabei müssen die Arbeiter oft von der einen Seite der Reeperbahn auf die andere wechseln. „Am Ende des Tages kann es gut sein, dass man hier seine zwölf Kilometer gelaufen ist.“
Rund 3000 Produkte umfasst der hauseigene Katalog. Immer wieder kommen Spezialaufträge herein. Zum Beispiel die roten Riesen-Bommelmützen, die 2008 Litfaßsäulen zierten und für die energetische Sanierungen von Häusern warben. Sie waren Teil der Kampagne des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und tourten durchs ganze Bundesgebiet. In Hamburg standen sie vor dem Hauptbahnhof. „Gut zwei Meter Durchmesser hatten sie, die Bommel herzustellen, war wirklich herausfordernd.“ Es gibt wenige, die mit so einer Begeisterung über Seile berichten wie Stefanie Lippmann. Wenn sie in der Fertigungshalle steht, in der große und kleine Garnrollen sich lautstark auf unzähligen Flechtmaschinen drehen und zahlreiche Seilschlagmaschinen die unterschiedlichsten Seilwerke entstehen lassen, haut sie die Fachbegriffe nur so raus, der Laie steht und staunt. Fragen beantwortet sie schnell und kundig, Fehler in den Bezeichnungen korrigiert sie freundlich, aber bestimmt, gern garniert mit dem Zusatz „Das wird oft falsch gesagt.“ Das ist ihr Metier, hier ist sie groß geworden. So wie ihr Sohn.

Tom heißt der, ist 22 Jahre alt und hat eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht. Ende dieses Jahres, so seine Mutter, werde auch er in den Betrieb einsteigen. Ein gutes Zeichen, viele Familienunternehmen kämpfen um eine Nachfolge. Aber noch hält Stefanie Lippmann die Stränge in der Hand. In der Firma und auf der Elbe. Die Hamburgerin ist begeisterte Seglerin, und natürlich stammt die Takelage auf ihrem Boot aus der eigenen Firma. Auch ihr Mann ist Teil des „German Ropes“-Kosmos, er leitet das Geschäft für Bootszubehör in Finkenwerder. Kennengelernt haben sie sich in der Firma, lieben gelernt erst nach Stefanies Zeit in München. Die Geschicke der Familie Lippmann sind eng mit dem Unternehmen verwoben. Ein festes Tau, gut verarbeitet, beständig. Seit 170 Jahren. Auf der größten Reeperbahn Deutschlands gehen noch lange nicht die Lichter aus.

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