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Lighthouse Zero

Eigentlich liegt das Konzept für ein Haus auf dem Mond griffbereit zur Hand. Weil die Realisierung noch dauern könnte, hat sich Arne Weber mit dem visionärfuturistischen Wohnturm einen umsetzbaren Lebenstraum selbst erfüllt.

Text: David Pohle | Fotos: René Supper und Matthias Plander

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Eine Stadt voll des prallen Lebens! Die Menschen und Orte, die sie bunt machen, porträtiert DER HAMBURGER besonders gern. Mit Begeisterung besuchen wir einen einzigartigen Wohnturm im Raumschiff-Design und eine Bücherbox – einst als Provisorium erbaut, nun dauerhaft unter Denkmalschutz.

Im verglasten Fahrstuhl rein ins Innenleben des Lighthouse Zero an exponierter Lage vom Baakenhöft in der Hafencity. Futuristisches Design ohne Ecken und Kanten. Erinnert an vieles, z. B. das Raumschiff Enterprise, Captain Kirk heißt hier Arne Weber.

Dieses Ding steht da seit zehn Jahren. Spektakuläre 20 Meter hoch, 360-Grad-Panorama, eingetragen als 3-D-Marke beim Patentamt, ein Haus ohne Ecken. Und doch nur ein Muster, gedacht als Vorbild für viele fantastische Standorte an Bergen, in Wüsten oder anderen Traumlagen weltweit. Der Standort Baakenhöft/Hafencity ist so einer. Im Masterplan Olympic City für Hamburgs erste, 2015 von einer Mehrheit abgelehnte Olympiabewerbung, schon ein zentraler Ort. Ende Mai wird wieder abgestimmt. Mit anderem Konzept.

Und noch nie war ein Presseteam oben. Wir haben Anfragen gestellt, die abschlägig beschieden wurden, wir haben unsere Kontakte bemüht, vergeblich. Wir haben auf Pollern gehockt und Daumen gedrückt. Und jetzt, zwei Wochen nach der letzten Mail, hat der Erbauer ein Einsehen gehabt.

Wie kommt man auf so ein Projekt? Das beantwortet Arne Weber gern. Der Seniorchef und Inhaber von HC Hagemann, einem der ältesten deutschen Bauunternehmen in privater Hand, ist schon oben, erwartet uns mit ausgestreckter Hand, als wir dem verglasten Fahrstuhl entsteigen, womöglich selbst überrascht, dass es Journalisten mit Schreib- und Fotografierabsicht auf seine liebste Ebene geschafft haben. Mit seiner Zustimmung. „Ich muss das vorher lesen“, brummt er freundlich-bestimmt.

„Von Traditionen kann man sich nichts kaufen, wichtig ist, wie man in der Gegenwart dasteht“, eröffnet die Firmenchronik 150 Jahre HC Hagemann, 1869 von Heinrich Carl Hagemann gegründet. Und wirft die erste Tradition normaler Firmenchefs, die Kunst der Selbstbeweihräucherung, schon im Format über den Haufen: Im Comic-Stil ist „Alligator im Anschnitt“ – so heißt die Chronik tatsächlich – erschienen. Auf dem Cover: der Mond. Darauf ein Haus von Hagemann. Impossible is nothing. Das Zitat kommt natürlich von Arne Weber, der sich selbst wegen seines Muts zum kalkulierten Risiko, zum Neuen, zum Schwierigen auch Spinner nennt und sich immer schon am liebsten an die Sachen rangetraut hat, die andere weder sehen noch umsetzen können.

Der erste Computer im Unternehmen? Natürlich von Weber. Zum anfänglichen Unmut – „alles Quatsch“ – seines Vaters. Mit Hightech ist es wie mit dem lieben Gott. Man glaubt daran. Oder man lässt es, sagt Weber. Er glaubte. Immer neu, nie Stillstand, so hat HC Hagemann schon viele Projekte in der Stadt umgesetzt. Zu den besonders aufmerksamkeitsstarken gehören die Entwicklung des verfallenen Harburger Binnenhafens zum Channel Hamburg, wo sich heute auch der Firmensitz befindet und bei dem man sich fragt, warum nur Weber dem Standort so ein Potenzial zugetraut hat. Und weil es so irre ist, hier die Geschichte dazu: Arne Weber und der damalige Bezirksamtsleiter Jobst Fiedler debattieren in einer Pizzeria über den Verfall des Binnenhafens. Weber: „Man müsste an den Kanälen wohnen können. Mit einem eigenen Bootsanleger vor der Tür.“ – „Ein Port Grimaud des Nordens!“, rief Fiedler. Zitat aus der Chronik: „Und dann begannen sie, auf Servietten und Bierdeckeln eine Stadt zu entwerfen, in der Wohnen, Wasser und Arbeiten eine Symbiose bildeten.“ 35 Jahre später ist alles Realität. „Dinge anders machen, das ist mein Erfolgsrezept“, lächelt Weber zufrieden.

Hinzu kamen der Neubau der Kattwykbrücke (wichtigste Brücke im Hamburger Hafen), die Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße B4/75, die Sanierung der Röhren des Alten Elbtunnels. Und auf Helgoland ist das Bauunternehmen auch seit über 100 Jahren tätig, hat die Lange Anna mit 850.000 Tonnen Stahlbeton gestützt, den Hafen nutzbar gemacht und – kurzum – nach den Bombardements des Zweiten Weltkrieges eigentlich die ganze Insel saniert.

Auf seinen vielen Touren auf Deutschlands einzige Hochseeinsel kam Weber oft am Leuchtturm Großer Vogelsand vorbei, 50 Meter Baukunstwerk in der Elbmündung nahe Neuwerk. Überflüssig geworden nach der Einführung von GPS. Vom Abriss bedroht. Weber will daraus ein Hotel machen, aber mit den Auflagen des Wasser- und Schifffahrtsamts ist keine Rentabilität zu machen. Weber lässt vom Vogelsand ab, von der Leuchtturm-als-Wohnraum-Vision nicht. Und zum Glück hört Arne Weber auch nicht auf den knorrigen Ex-Bundeskanzler und Hamburger Ehrenbürger Helmut Schmidt, der, launig an seiner Menthol-Zigarette ziehend, meinte, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen.

Weber findet ein anderes, zu ihm passendes Zitat. Woodrow Wilson, 28. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, sagte: „Wer keine Vision hat, vermag weder große Hoffnungen zu erfüllen, noch große Vorhaben zu verwirklichen.“ Als hätte er Weber gekannt. Und der legt los. Mindestens ein Jahr antichambriert er in Hamburg, überzeugt am Ende die entscheidenden Stellen und bekommt die Erlaubnis, für fünf Jahre sein Lighthouse am Baakenhöft aufzustellen.

Innerhalb von sechs Monaten realisiert er das einzigartige, futuristische Projekt, das inzwischen ins elfte Jahr geht und Eindruck schindet. Manche nennen es Ufo, andere fliegende Untertasse, neuerdings assoziiert man ob der neuerlichen Bewerbung sogar die olympische Fackel, kaum einer ahnt, dass es sich um einen Musterturm für eine besonders lässige Art des Wohnens handelt. Die Etage mit 320 Quadratmetern, großen Fensterfronten, die ganztägig viel Tageslicht hereinlassen, energieautark und mit minimalem Verbrauch dank Photovoltaik und modernster Dämmtechnologie, die Lamellen können per Hand oder automatisch – dem Stand der Sonne folgend – um die ganze Plattform fahren. Und oben eine Sonnenterrasse, die es so kein zweites Mal gibt. So durchdacht.

Aber die Tage des Lighthouses sind gezählt. Hier soll ab 2030 Hamburgs neue Oper entstehen. Was wird passieren, wenn die Stadt das Grundstück für den Bau der neuen Oper beansprucht? „Dann werden wir es vermutlich abreißen. Eine Versetzung, generell mit großem Aufwand möglich, ist noch nicht komplett vom Tisch.“ Er macht gute Miene dazu, tippt sich mehrfach mit dem Daumen gegen die Brust: „Das ist immer noch mein Lighthouse.“ Gelegentlich ist er noch da, arbeitet, befasst sich mit Planungen für künftige Bauvorhaben, schaut auf die Hafencity Universität und das Westfield-Einkaufszentrum, genießt die meditative Ruhe auf 20 Metern Höhe. Weber hätte sich gewünscht, dass sein Lighthouse in das Konzept der neuen Oper integriert worden wäre, z. B. als Übernachtungsmöglichkeit für gefeierte Dirigenten oder große Solisten.

Olympia in Hamburg? Einfach mal machen!

PS: Zum Namen der Chronik: Bei den Verhandlungen mit chinesischen Interessenten kam es zu einem legendären Essen in Peking – auf dem Tisch ein kompletter Alligator, der zum Verzehr in Scheiben geschnitten wurde. Nicht ahnend, dass er eines Tages den Titel für eine denkwürdige Jubiläumsschrift liefern sollte.

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 71

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