Das älteste Festmahl der Welt

MATTHIAE-MAHL

Text: Simone Rickert | Fotos: René Supper

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 50

Begangen seit 1356 an einem Freitag um den Matthias-Tag am 24. Februar, zum Frühlingsbeginn und Auftakt des Geschäftsjahres. Eine historische Anordnung sieht vor, dass die Matthiae-Mahlzeit nur stattfindet, „wenn die Zeitläufte es erlauben“. Dass diese heute greifen würden, konnte sich vor einem Jahr niemand vorstellen: Covid-19 war eine ernst zu nehmende Krankheit in einer chinesischen Provinz. Wir durften 2020 hinter die Kulissen schauen und bringen die Traditionsveranstaltung hier zumindest zu Papier. Vorfreude bei allen Beteiligten, Stolz, dabei sein zu dürfen, und ein fast royaler Glanz lagen in der Luft  …

Nadine Petermann faltet Servietten. Mit einer Ruhe und Akkuratesse, die bewundernswert ist inmitten des geschäftigen Treibens im Großen Festsaal am Nachmittag vor dem großen Tag. Eine nach der anderen, 400 Stück, ein paar auf Reserve, nebenbei hat die Ratsdienerin sogar Zeit, mit uns zu plaudern. Sie macht das nicht zum ersten Mal, es ist ihr zwölftes Matthiae-Mahl. Konzentriert legt sie das Fächermuster, den ganzen Tag ist sie damit beschäftigt. Niemand hilft ihr, damit alle Servietten exakt gleich werden.

So richtig in Hektik ist hier niemand, die Vorbereitungen sind perfekt geplant. Seit 1356 hat man ein bisschen Erfahrung gesammelt. Nur werden heute deutlich mehr Gäste bewirtet. Beim ersten historisch belegten „Convivium Eines Ehrbaren Rates“ waren 40 Gäste geladen, heute sind es 400. Schon damals war es Sitte, Vertreter der „Hamburg freundlich gesinnten Mächte“ einzuladen, erster ausländischer Ehrengast war der holländische Gesandte. Das hat man beibehalten, ein Ehrengast aus dem Ausland, einer aus dem Inland, die weiteren Ehrengäste sind die Ehrenbürger der Stadt, Hannelore Greve, Uwe Seeler, John Neumeier, Michael Otto und Kirsten Boie plus Begleitung. Sie sitzen mit dem Ersten Bürgermeister und der Präsidentin der Bürgerschaft Carola Veit am Ehrentisch.

Die Vorbereitungen beginnen wie bei jeder guten Feier mit der Gästeliste. Die Protokollchefin Juliane Scholz-Foth fängt damit genau am Morgen nach der Mahlzeit des letzten Jahres an und ist am Morgen des 24. noch nicht fertig, Stand jetzt 378 Gäste. Es kommen noch Absagen, die Tischordnung muss aktualisiert werden. Der ausländische Ehrengast Jens Stoltenberg, NATO-Generalsekretär und wegen Verhandlungen in Syrien spontan unabkömmlich, schickt seinen offiziellen Vertreter Mircea Geoana. Ehrengast aus dem Inland ist Heiko Maas. Wochen vorher wird der Festsaal auf Hochglanz gebracht. Parkett, Marmor, Gemälde: Geputzt und poliert wird bis unter die 15 Meter hohen Decken. Herr Trogmann, Ratsdiener und schwindelfrei, lässt auch die drei Kronleuchter herunter, die von Weitem so leicht und elegant aussehen. An dicken Stahlseilen hängen je 1,5 Tonnen Kristall, sieben Meter Durchmesser: Glühbirnen wechseln, Staub entfernen – zu dritt schafft man höchstens zwei Leuchter am Tag.

Mit dem Polieren des Silbers fangen die acht Ratsdiener auch schon nach Weihnachten an. Im Mittelalter bekamen nur Minister und Ritter ein Messer zum Essen, das galt als besondere Ehre und Zeichen der Courtoisie – vielleicht traute man einfach auch nicht jedem hundertprozentig über den Weg. Der Rest aß seinen Kapaunenbraten mithilfe der Finger. Heute werden 3550 Silberbesteckteile gedeckt. Und das ist nur ein Teil des berühmten Silberschatzes. Auf eineinhalb Stockwerken lagert hinter Türen aus Panzerglas und Wänden aus Stahl das Ratssilber. Nur einmal im Jahr, zu diesem Anlass, werden alle Teile herausgeholt: Prunkpokale, Schalen und Tafelaufsätze stammen größtenteils aus der Zeit von 1897 bis 1914. Carsten Rogge ist der Bankettchef und oberster Ratsdiener, er zeigt uns den Holbein-Pokal. Auf den ist man hier besonders stolz: Der 65,5 Zentimeter hohe Deckelpokal im Renaissance-Stil ist ein Gastgeschenk des englischen Königs Edward VII., der die Stadt im Juni 1904 besuchte. Nach einer Zeichnung Hans Holbeins wurde er 1861 für Queen Victoria gefertigt, verziert mit Diamanten und anderen Edelsteinen. Edward brachte ihn als Gegengabe, die Freundschaft zweier Staaten besiegelnd. Mit diesem Symbolwert steht er immer in Sichtweite des Ehrentisches. Der Schatz hat natürlich auch seinen eigens abgestellten Bewacher: „Aber außer einem Pfefferstreuer ist hier noch nie etwas weggekommen“,
versichert Herr Voigt.

Am Morgen des Festmahls gibt Frau Richter vom seit Jahren bewährten Veranstaltungsservice den Ton an. Freundlich und bestimmt überwacht sie das Eindecken der Tische. Besteck für vier Gänge, wenn irgendwo in zehn Meter Entfernung ein Messer schief liegt, Frau Richter hat dafür Augen im Hinterkopf. Mit Wasserflaschen beschwerte Paketschnüre werden über die acht 16,25 Meter langen Tische gespannt, damit jedes Gedeck exakt gleich ausgerichtet werden kann, Millimeterarbeit. Am Morgen nach dem Fest wird übrigens alles von Hand gespült … Zwischendurch ergießt sich ein wahres Blütenmeer in den Raum: 468 Sträuße, Gestecke und Blütenkränze werden geliefert. Drei Frauen haben daran die ganze Nacht gearbeitet und schmücken jetzt die Tische und Vorzimmer. Die grünen Kristallgläser mit Blattgold-Auflage werden als Letztes gedeckt.

„Die Wappen ganz nach vorn!“ Frau Richter lacht, doch der Kellner, den sie gerade zum zweiten Mal korrigiert, nimmt das offensichtlich sehr ernst. Hier dabei zu sein, ist für alle eine Ehre. 3000 Stück feines Porzellan mit Goldrand und Wappen wird zum Einsatz kommen. Serviert wird dieses Jahr zum ersten Mal im „Roll-out“, das bedeutet, die Speisen werden schon fertig angerichtet aufgetragen. Die Choreografie, in der 80 Kellner heute Abend Punkt 19.05 Uhr zum Ausschenken des ersten Glases Riesling „Glaube-Liebe-Hoffnung 2017“ an 378 Plätze ausschwärmen, ist genauestens geplant. Es ist wie im Ballett, jeder Schritt muss sitzen, dazu spielt das Kammerorchester auf der Empore. Damit das auch fast so harmonisch aussieht wie auf Neumeiers Staatsopernbühne, bekommen die Kellner vor jedem „Akt“ eine Video-Präsentation gezeigt, wissen genau, welche Speise (Standard, vegetarisch, auf diverse Allergien abgestimmt) sie an exakt welchen Platz tragen werden, wer vor und hinter ihnen geht und mit wem sie Blickkontakt halten müssen, damit sie in acht Reihen gleichen Schritts laufen. Um es vorwegzunehmen – es wird klappen wie am Schnürchen.

Das LKA ist für die Sicherheit zuständig. Die meisten Maßnahmen sind geheim, es gilt das höchste Sicherheitsprotokoll. Um 12.00 Uhr rückt pünktlich der Beamte Biel mit seiner Hundestaffel an. Sieben Spürnasen schnüffeln sich durch den gesamten Saal und das Treppenhaus, um Sprengstoff zu suchen, den ein Mensch mit bloßem Auge nicht erkennen könnte. Die junge Belgische Schäferhündin Aischa geht mit ihrem „Frauchen“ Peters jeden einzelnen Stuhl ab, da wird natürlich auch mal einer bewegt, damit Aischa besser schnuppern kann. Frau Richter, die zehn Minuten vorher den letzten Stuhl exakt an der Tischkante justiert hatte, bekommt ganz leise eine Krise.

Vestibül und Garderobe des Sitzungssaals der Bürgerschaft liegen hinter dem Festsaal und dienen heute als Backstage-Bereich. Hier richten 20 Köche vom „Blauen Hummer“ die vier Gänge an. Gurkenpappardelle, Entenleberpralinen, weißes Tomatensüppchen, Duett vom Holsteiner Rind und Kalb und Pistazien-Crumble (nur ein Auszug) geliefert und für alle Gäste à point serviert. Eine logistische Meisterleistung von Chefkoch Christoph Lühmann und seinen Kollegen, die seit einer Woche darauf hinarbeiten. Auf der Empore spielt sich das Kammerorchester der Hochschule für Musik und Theater ein, unter der Leitung von Bruno Merse. Georg Philipp Telemanns (Musikdirektor von Hamburg) 1733 eigens für diesen Anlass komponierte „Sonata à 4“: Eine Geige gesteht, doch ein wenig Lampenfieber zu haben – die Akustik im Saal sei hervorragend. Am Abend werden die insgesamt zwölf Stücke auf dem
Programm dann durch angeregte Unterhaltung doch etwas gedämpft werden, es ist schließlich wirklich „nur“ Tafelmusik. Gegen 17.15 Uhr wird es langsam feierlich, aber nicht ernst: 15 Polizeischüler in historischen Gala-Uniformen nehmen im Treppenhaus ihre Plätze ein, Handschuhe werden zurechtgezupft, Kordeln gerichtet. Mit Würde wachen sie über die Gäste, die ab 17.45 Uhr eintreffen und bald auf der Treppe Schlange stehen, um am oberen Absatz von der stellvertretenden Protokollleiterin Petra Schulze jeweils mit Namen und einem herzlichen „Moin“ begrüßt zu werden. Peter Tschentscher nimmt die Ehrengäste persönlich in Empfang, geleitet sie in sein Büro, wo sie sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen. Die meisten kennen sich, Wiedersehensfreude, feine Abendgarderobe – beim Stehempfang im Konferenzzimmer ist die Stimmung blendend, und um 18.58 Uhr haben alle ihre Sitzplätze gefunden, nur um sich Punkt 19.05 Uhr wieder zu erheben: der Einzug der Ehrenbürger und Ehrengäste mit dem Bürgermeister. Carsten Rogge steht am Rand des Podiums und gibt unauffällig per Talkie das Signal für die Kellner. Die Türen öffnen sich, und die perfekte Choreografie wird zur Aufführung gebracht. Nadine Petermann schenkt am Ehrentisch ein, als Letztes dem Gastgeber.

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