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Torwächter

SCHAARTORSCHLEUSE

An der Schaartorschleuse, direkt neben dem Stella-Haus, sitzen für die Öffentlichkeit unsichtbare Helden: Schleusenmeister, die Hamburg das ganze Jahr vor Überflutung schützen.

Fotos: Matthias Plander | Text: Andrea Hacke

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im Ausnahmezustand: „Steigt das Wasser noch? Oder nicht mehr?“ Ständig klingelte das Telefon, erinnert sich Schleusenmeister Uwe Walinowski an seine bisher höchste Sturmflut vor der Schaartorschleuse im Jahr 2022. Damals stand das Wasser auf der Elbe 6,5 Meter hoch, lockere vier Meter über dem gewohnten Hochwasserstand. Polizei, Feuerwehr, das Wasserwerk, das Technische Hilfswerk, die Schleusenmeister, alle sind in einer solchen Situation in Kontakt. Wie immer bei Hochwasser galt es, Hamburg vor Überflutung zu bewahren – die Stadt liegt größtenteils drei bis sechs Meter über dem Meeresspiegel und würde ohne Schleusen und Sperrwerke sicher überspült.

Vier Jahre nach dem Sturmflutdrama 1962 mit einer Wasserhöhe von 5,7 Metern entstand zum Schutz der Bevölkerung die Schaartorschleuse. Sie ist benannt nach dem einstigen Stadttor, das hier im Südwesten den Ausgang aus dem mittelalterlichen Hamburg ermöglichte. 2013 wurde die Schleuse zuletzt modernisiert, die Hydraulik erneuert und, sicher ist sicher, die Deichmauer noch mal erhöht.

Die Schaartorschleuse ist die Steuerungszentrale für alle Schleusen auf Alster und Bille, die Mahatma-Gandhi-Brücke, die Lotsenbrücke, die Zitadellenbrücke in Harburg, die Rathausschleuse, das Nikolai- wie Baumwallsperrwerk. Bei nahenden Wassermassen, täglich angesagt vom Bundesamt für Seeschifffahrt, ergreift Walinowski oder einer seiner neun Kollegen, mit denen er sich bei den 12-Stunden-Schichten Tag und Nacht abwechselt, das Notfallprogramm. Erster Schritt: das Nikolai­sperrwerk an der Hohen Brücke schließen, ebenso die Schutztore der Schaartorschleuse, das Baumwallsperrwerk. „Dann sind wir safe.“
Nur selten wird es trotzdem hakelig. „2022 hatte ich Puls“, sagt Walinowski. Wenn er heute davon redet, ist er immer noch in Wallung, beruhigt sich aber gleich selbst: „Bis zu einer Höhe von 8,5 Metern halten die Tore.“ Und wenn nicht? „Dann laufe ich auf den Michel. Auf sicher!“, sagt er und lacht, weil er das für kein realistisches Szenario hält.

Seit mittlerweile 21 Jahren macht der frühere Schlosser hier den Job des Schleusenmeisters. Bei ruhiger Lage der Elbe lässt er die Alsterschiffe, Barkassen, in den wärmeren Monaten auch Sportboote und Kajaks kontrolliert zwischen Fluss und Außenalster wechseln. Im Sommer bis 22 Uhr nachts. Meistens ist das ein entspanntes Rein- und Rausgeschwimme mit kleinem Plausch nebenher. Es hat sich in der Schleuse aber auch schon eine Barkasse mit 80 Leuten aufgehängt, weil sie das Seil fälschlicherweise am Poller festgemacht hatten. Oder eine Familie mit Kindern an Bord ließ ihr Seil beim Schleusen zu früh los, wodurch sich ihr Bötchen im Kreis drehte. Seltene Fälle, bei denen der Schleusenmeister als Retter in der Not verdammt schnell reagieren muss.

Daneben ist es Walinowskis Hauptaufgabe, den von der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft vorgegebenen Pegel auf der Alster und in den Fleeten zu halten. Wer bisher als Spaziergänger dachte, dort gäbe es einen von Gott gegebenen Wassergleichstand: nope! Nur durch die Arbeit der Schleusenmeister tritt die Alster nicht übers Ufer – und wir brauchen dort keine Gummistiefel.
Das angestrebte Maß für die Außenalster liegt bei drei Metern, dann bekommen die Uferpflanzen ihr Wasser, die Alstertouristik hat überall genug Wasser unterm Kiel, stößt aber auch nicht unter den Brücken oben an. Allerdings bleibt dieser Pegel von Natur aus nie gleich: Niederschläge, Wasserzuläufe, schmelzendes Eis im Winter sorgen für reichlich mehr Zentimeter. Und dann kommt Herr Walinowski ins Spiel, berechnet, welche Wassermenge er in die Elbe ableiten muss, um auf Normalmaß zu kommen. Der Fachbegriff für das Umschichten heißt „Wasser ziehen“. Im Sommer, bei viel Bootsverkehr, passiert das bevorzugt nachts, damit vor der Schleuse kein ewig langer Stau entsteht.

Solange zum Fluss ein Gefälle herrscht, die Flut also noch weit genug weg ist, lassen sich vom Schleusenhäuschen aus pro Sekunde unfassbare 100.000 Liter Richtung Elbe bewegen. Ein Riesenschwall Power. „Wenn da jemand reinfiele“, sagt Walinowski, „wäre der ruckzuck an der Kaimauer oder drüben beim Musical ,König der Löwen‘.“ Walinowski erinnert an Christoph Maria Herbst in „Stromberg“ – ernster Auftritt, immer einen Spruch in petto.
Jeden Pegel von hier bis zum Fuhlsbütteler Wehr hat er im Kopf. Mathe liegt ihm, Physik auch. Könnte alles so einfach sein, wäre da nicht die kleine Mistkröte, das Wetter, das gern alles anders macht als im Wetterbericht angekündigt. Fatih Çaliskan, Schleusenbezirksvorsteher im Alsterrevier und damit Vorgesetzter von 23 Schleusenmeistern, arbeitet heute mit Walinowski an der Schaartorschleuse und erzählt: „Manchmal sitzen wir kurz im Aufenthaltsraum, angekündigt war Sonne, dann regnet es. Schon geht das Geratter im Kopf los: ‚Was kommt da runter?

Muss ich Wasser ziehen?‘ – Oder andersrum: Eine Regenfront entlädt sich woanders, und statt der einkalkulierten 200 Liter fallen nur 20. Dann aber Kopf an und alles von vorn!“ Ein Zuviel des Guten ist auf den Alsterfleeten ebenso problematisch wie ein zu niedriger Wasserstand. Dadurch könnten die Boote dann aufsetzen. „Außerdem stehen in Hamburg einige Brücken und Gebäude, wie auch das Rathaus, im Wasser auf Eichenpfählen“, sagt Çaliskan. „Wenn die zu lange zu viel Luft bekommen, gammeln die. Das geht überhaupt nicht.“

An der Schaartorschleuse sind, abgesehen von sonn-, feiertags und nachts, immer zwei Schleusenmeister parallel im Einsatz: Einer ist vor Ort, der andere agiert als Läufer, fährt andere Schleusen oder Sperrwerke im Gebiet ab, kontrolliert sie auf Mängel, checkt die Tore, um zu wissen: Haken hinter, läuft!
Der Mensch steht hier aus Sicherheitsgründen vor der Technik, denn an sich gäbe es bei Störungen auch einen Alarm in der Schaartorschleuse. So laut, dass selbst ein Murmeltier im Winterschlaf große Augen machen würde. Sobald das Signal erklingt, muss Walinowski zur Kontrolle: ein Fehlalarm? Eilt die Reparatur, oder kann die später behoben werden? Safety first, egal, ob tagsüber oder nachts um drei.

Wer an der Schaartorschleuse arbeitet, braucht ein breites technisches Wissen über alle Systeme im Gebiet, denn da gilt nicht das Prinzip: Kennste eine Schleuse, kennste alle. Und falls während einer Schicht an der Schaartorschleuse mal der Strom ausfiele oder ein Hydraulikschlauch am Tor abreißen würde, hat der Schleusenmeister zu wissen, wie er das Ganze per Hand regeln kann. Er muss einschätzen können, wann er bei einer Störung die E-Techniker herbeirufen sollte. Oder aber die Taucher. Die rücken immer dann an, wenn der Wasserablauf an einer Schleuse durch irgendetwas gehemmt ist. An der Rathausschleuse fanden sie in der Tiefe schon ein Wahlplakat – ein versenkter Olaf Scholz. An der Schaartorschleuse sind es doch eher alte Gartenmöbel, die offenbar von Bewohnern mit Grundstück am Fleet ins Wasser entsorgt worden sind. Zweimal fanden die Taucher hier auch schon eine Leiche.

Von all dem ahnt der Durchschnittsbürger nichts, wenn er friedlich per Boot oder Kajak durch die Schleuse schippert und sich darüber freut, dass die schweren Tore beim Absenken am Ende ein Geräusch machen, als würde im Gelände ein Wal schwimmen. Die Schleusenmeister sind es gewohnt, dass ihre wichtige Arbeit im Hintergrund passiert und draußen wenig gesehen wird. Sie beschweren sich nicht, zucken mit den Schultern und sagen: „Ist halt so.“ Umso schöner, wenn es ab und zu mal anders kommt, ein Barkassenführer in der Schleuse seine Gäste animiert und ruft: „Für den Schleusenmeister: ein dreifaches Hurra!“ Alle Arme gehen hoch. – Uwe Walinowski freut sich darüber leise: „Ich habe dann jedes Mal Gänsehaut.“

Diesen Artikel finden Sie in Ausgabe 72

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