Die Kunst der Hasenjagd

TINA OELKER

Text: Simone Rickert | Fotos: René Supper

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 51

Tina macht Tee. Erst mal anwärmen, die Künstlerin gibt nicht viele Interviews, empfängt uns herzlich und führt durch ihr Studio in einem der charmanten Altbauten mit Fenster zum Hof im Karolinenviertel.

Obwohl sie nicht viel Zeit hat, ihr erster Kunstbildband wird gerade fertig, „Von Hasen und Göttern“. Ihre Werke hängen an den Wänden der gemütlichen Küche, lehnen im Flur und in den beiden Ausstellungsräumen. Hasen und Götter sind ihre liebsten Motive, mitunter auch Abstraktes, intensive Farben, wandfüllende Formate. Sie wirken stark, lebendig, mutig, haben einen Teil von Tinas expressiver Lebensart in sich aufgenommen.

Kunst ist ihr Leben, nur so kann sie es sich vorstellen, egal was es kostet, Zeit, Kraft oder Geld. Nie würde sie etwas anderes machen wollen, keine Kompromisse. Auf der Fensterbank in der Küche ist wohl ihr Lieblingsplatz zum Plaudern. Sie schlägt entspannt die Beine übereinander und dreht sich mit ihren schlanken Fingern eine dünne Zigarette zum Tee. „Irgendein Laster muss man schließlich haben“, sie kann herzlich laut lachen und in der nächsten Minute wieder mit brennender Ernsthaftigkeit von ihrer Kunst sprechen. Das war schon in der Schule so, nur wusste das in Hamm, Westfalen, niemand so recht zu schätzen. 2007 hat sie ihr 1000-Hasen-Projekt gestartet, streng durchnummeriert, jeder Hase anders. „100 kann ja jeder“, lacht sie. Sie meint das mit den Hasen wirklich ernst. Keine puscheligen Kaninchen, Hasen: wild, kraftvoll und nicht domestizierbar.

Irgendwann muss man es fragen: „Liebe Tina, wie, bitte, bist du ausgerechnet auf den Hasen gekommen?“ Und da gelangen wir zum Kern ihres Schaffens – der Quelle ihrer unbändigen Kreativität – und später auch zu den Göttern. Den wichtigsten Hasen ihres Lebens traf sie 1994 während des Studiums in New York an der Art Students League, wo schon Pollock, O’Keeffe, Lichtenstein ihren Stil fanden. Auf einem Platz zwischen World Trade Center und Hudson River stand die riesige Skulptur eines Hasen im Sprung von Barry Flanagan. „Ich fühlte mich auf einmal zu Hause mitten in NYC“, das Mädchen vom Land, aufgewachsen im Bauernhaus mit Hühnern, einem Pferd, Katzen, Schützenfest. 2001, die eingestürzten Türme des World Trade Centers rüttelten damals alle durch, wollte sie ihn wiedersehen. Also ging Tina (Sternzeichen Schütze) auf ihre erste „Hasenjagd“, doch die Bronze war nicht mehr zu finden, weg.
Aber die Idee ließ sie nicht mehr los. Inzwischen war sie in Hamburg gelandet. Ideen hat sie mehr als genug, es ist eher so, dass sie einen Fokus zu brauchen scheint, einen Reibungspunkt. Sie stürzte sich also in die Hasenforschung, tauchte total ein und präsentierte 2004 ihr „Hasendiplom“ der HFBK Armgartstraße bereits in ihrer eigenen Produzentengalerie mit einem großen „Schützenfest“. Nicht nur Kunstwerke, sondern auch Texte, Wissenschaft, Lyrik, sie hat alles aufgesogen, was dem Hasen in der westlichen Kulturgeschichte angedichtet wird. Als frühlingshaftes Attribut der Germanen-Göttin Ostara, in den griechischen Sagen als Begleittier der Liebesgöttin Aphrodite und ihres Sohns, des zweigeschlechtlichen Hermaphroditos. Sie ging als Treiber mit auf echte Jagden. Ob Rammler oder Häsin sieht auch ein Jäger nur am Geschlecht, die Tiere sind gleich groß, gleich stark, ebenbürtig. Sogar eine Genderdebatte ließ sich also am Beispiel des Hasen führen, Mann, Frau, Zwitter, „im Geist sehe ich da keinen Unterschied“.

2010 eröffnete sie das Kunsthaus „Hasenmanufaktur“ am Hafentor 7. Sie liebte das große Gebäude, weitere „Schützenfeste“, ein neues Motiv, der „Black Arts Club“ mit Lesungen zu ihren Porträts von Intellektuellen bis Mystikern, Oscar Wilde, C. G. Jung, Annie Horniman – Tina liebt das Theater, also die Bühne mit Schauspielern, aber auch das Spielerische, den Schwung der großen Idee. Sie liebt und braucht die Auseinandersetzung, aber irgendwann wurde es ihr zu viel.

Ihre Kunst war inzwischen so bekannt, dass zwei Werke gestohlen wurden, kopiert wurde sie auch. Als dann noch das Hafentor 7 abgerissen wurde, brauchte sie eine Pause, zog sich zurück in diese Atelierwohnung, „und das hat echt gutgetan. Ich hatte unterschätzt, wie fragil der kreative Prozess ist“, großes Strahlen im Gesicht. Tina hat sich Zeit genommen, alte Bilder noch mal angeschaut, Tagebücher hervorgeholt, ihr schöner Küchenschrank ist voll mit Sekundärliteratur. Die griechischen Mythen und Sagen haben ihr neuen Mut eingeflößt, an der Wand in der Küche hängt eine prachtvolle Pallas Athena, die Göttin, die schon mit Helm und Rüstung geboren wurde. Die letzten fünf Jahre ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz, das Gestalten ihres Kunstbuchs hat ihr Balance gegeben. Sobald wie möglich möchte sie eine Ausstellung dazu machen, mit vielen Gästen. Tina ist weiterhin auf der Jagd, aber nicht mehr als Treiber. Und der Hase springt munter hindurch, durch das ganze komplexe Gesamtprojekt.