Lieblingsmesser

TORSTEN NITZSCHE

Text: Regine Marxen | Fotos: Oliver Hauser

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 56

„Acht Tage die Woche“ ist Torsten Nitzsche hier. Also eigentlich immer, das sagt er selbst. „Was soll ich zu Hause, ich habe hier alles.“ Alles, das sind Schleif-, Bohr- und Drehmaschinen, Sägen, Zangen, Hämmer. Unter der Decke hängt an einem Kran Holz zum Aushärten. Alles, was er braucht, um Messer herzustellen oder zu reparieren, vom Griff bis zur Klinge. Die Schmiede ist Nitzsches Biotop, er hat sich hier gut eingerichtet. Wenn er allein arbeitet, hört er laut Musik. Dann singt Zaz ihre französischen Nouvelle-Chanson-Lieder, während er den Hammer auf den glühenden Stahl der Klinge zur schwungvollen Melodie von „Je veux“ oder „Si jamais j’oublie“ prallen lässt. Seine Lederschürze schützt ihn vor Funkenflug, auf seiner Stirn glitzert der Schweiß. Meistens aber hat er Gäste. Zum Beispiel die zwei Teenager-Jungs, die regelmäßig in seiner Werkstatt an ihren Projekten arbeiten – eine gute Sache, sagt er, das Handwerk brauche Nachwuchs. Oder jene Menschen, die mit seiner Hilfe etwas Eigenes schaffen wollen. Ihr eigenes Lieblingsmesser.

Das ist die Nische, die der 61-Jährige besetzt. In seiner Werkstatt auf einem Handwerkerhof in Groß Borstel bietet der Hamburger unter anderem Messerschmiedekurse an. Sie richten sich an Paare oder Einzelpersonen, große Gruppen unterrichtet er grundsätzlich nicht. Zu gefährlich, immerhin sei Hitze und Schärfe im Spiel. Die Arbeit des Schmieds ist eine körperliche, da geht es mitunter ganz schön zur Sache. Sie hat aber auch ihre feinsinnigen, detailverliebten Momente, spätestens dann, wenn es um die Gestaltung des Griffs geht. Und genau dieses Zusammenspiel macht ihn glücklich. „Holz und Metall, was für eine tolle Mischung.“

Auf diese Mischung ist Torsten Nitzsche erst spät gestoßen. Gelernt hat er vieles: Flugtriebwerkmechaniker, Schweißer für Luft- und Raumfahrt, Servicetechniker für Windenergie, Sportwissenschaftler. Er ist Multitalent und Unternehmer. Vor 22 Jahren hat er seine auf Industriekletterei, Höhen- und Baumarbeiten spezialisierte Firma ropeworx-­Höhenarbeiten gegründet. 16 Jahre hat er sie geleitet, bis ihm seine Geschäftsführerin bestätigte, was er selbst schon ahnte: Er war überflüssig geworden. Er hatte innerhalb des Betriebs schlicht nichts mehr zu tun. Zeit für Neues. Ein Praktikum in Berchtesgaden brachte ihn zum Messerschmieden. Er machte Lehrgänge, vertiefte sich in die Materie, eröffnete schließlich seine eigene Schmiede. Den Namen Lieblingsmesser verpasste er sich erst später. „Mich besuchten immer wieder Kunden, die hatten tatsächlich ein Lieblingsmesser. Das war zum Beispiel das Brotmesser von der Oma, das sie sich irgendwann gekauft hat für eine Mark, und der Griff war ab.“ Ein anderer Kunde hätte von ihm das Buckelsmesser seines Großvaters überholen lassen. „Mit dem hat der Opa immer die Stulle geschmiert. Der Horngriff war nur noch rudimentär vorhanden, ich baute einen Holzgriff und habe die Hornintarsien eingearbeitet.“ Nitzsche begann, Griffe für die Messer herzustellen. Er macht Stumpfes scharf, Kaputtes heil. Er rettet und schmiedet Lieblingsmesser.

Natürlich kann man bei ihm auch fertige Messer kaufen. Aber wer das will, braucht Durchhaltevermögen. „Wenn jetzt ein Mensch hier reinkommt und sagt: ‚Das Messer will ich haben.‘ Dann sage ich: ‚Kriegst du nicht.‘ Dann versuche ich ihn zu überreden, dass wir zusammen ein Messer bauen. Der überwiegende Teil entscheidet sich dafür.“ Über drei Termine zieht sich diese Zusammenarbeit hin. Der erste von ihnen ist mit um die sieben Stunden Dauer der längste. „Der Tag beginnt mit dem Schmieden, mit dem Ausschneiden, dem Schleifen und endet mit dem Härte-Prozess. Nach dem Härten kommt die Klinge in den Anlassofen. Das dauert zweimal eine Stunde, der Kunde ist dann nicht mehr ­dabei. Der kommt im Idealfall an einem Folgetag wieder. Ich bin dann vorher da und habe die Klinge so weit geschliffen, dass wir zusammen den Griff kleben können.“ Ungefähr zwei bis drei Stunden würde das dauern. Im letzten Schritt würden sie den Griff bearbeiten und das Messer schärfen. Zack. Fertig ist das individuelle Schneidewerkzeug.
Was so einfach klingt, ist es natürlich nicht. Auch für den Profi ist das Schmieden alles andere als Routine, da kann viel schiefgehen. „So ein Kochmesser zum Beispiel ist schon sehr dünn und sehr lang, da kann sich beim Härten viel verziehen im schlimmsten Fall. Das wäre eine Katastrophe.“ Das kann passieren, tut es aber selten. Inzwischen. Nitzsche hat in seiner Karriere als Schmied viel Lehrgeld bezahlen müssen. Gerade zu Beginn hat er sich oft ge­ärgert, wenn Klingen krumm wurden, ganz plötzlich, wenn nach viel Mühe dann doch irgendetwas schiefging und alles umsonst zu sein schien. „Ich habe so oft gesagt: ‚Jetzt mach’ ich zu. Jetzt reicht’s! Jetzt hörst du auf!‘ Ganz oft.“ Manchmal tut er das immer noch, aber immer seltener. Fehler gehören zum Lernen dazu, und Torsten Nitzsche ist einer, der nicht so schnell aufgibt. Dieses Gefühl, es geschafft zu haben, das gibt er in seinen Kursen weiter. Wenn er das schnittige Schmuckstück am Ende – hübsch in Leder verpackt – an seinen Schöpfer oder auch seine Schöpferin überreicht, blickt er meist in vor Begeisterung und Stolz leuchtende Augen. „Weil keiner damit rechnet, dass das Ergebnis dann doch so gut wird.“

Sicherlich, würde Nitzsche seine Schü­ler und Schülerinnen sich selbst über- und allein vor sich hin schmieden lassen, sähe das Ergebnis anders aus, nämlich wie ein Anfängermesser, wenn überhaupt. Egal, immerhin war man dabei, hat Hand angelegt. Aus einem Alltagsgegenstand wird ein emotionales Objekt. Eines, das gut in der Hand liegt, scharf daherkommt und schick anzuschauen ist. Es sammelt Geschichten, in Stahl und Holz verpackt, die seine Besitzer weitergeben können. Eine von ihnen beginnt in Groß Borstel – und erzählt von einem Mann, der aus Messern Lieblingsmesser macht.