Um die Welt

VENDEE GLOBE

Text: Simone Rickert | Fotos: Quin Bisset; Andreas Lindlahr; Imagebank/Brian Carlin; Andreas Lindlahr; Eloi Stichelbaut; Ricardo Pinto/Team Malizia

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 49

Auf dem Outrigger an Deck sitzt es sich sehr gemütlich in der Sonne, jedenfalls während unseres Ausflugs bei wenig Wind auf der fast spiegelglatten Kieler Förde, zum ersten von einigen Interviews mit Boris Herrmann, Skipper der „Seaexplorer – Yacht Club de Monaco“. Im Südpolarmeer, bei 30 Knoten (gut 55 km/h) Speed auf einer Segeljacht, die von Welle zu Welle fliegt, wird das anders. Es ist trotzdem der große Traum von Boris, an der Regatta Vendée Globe teilzunehmen, auf den er seit vielen Jahren hart hinarbeitet. Rund 30.000 Seemeilen wird er zurücklegen, das entspricht ungefähr der Länge des Äquators. Start ist in Les Sables-d’Olonne im französischen Département Vendée, Richtung Süden, links ab Afrika, der Südpol bleibt steuerbord und am Kap Horn wieder links abbiegen, zurück nach Vendée, wer zuerst ankommt, hat gewonnen. Allein auf einem Boot des Typs IMOCA 60, ohne Zwischenstopp. Wer einen Hafen anlaufen oder fremde Hilfe auf See annehmen muss, ist raus: Das Segelrennen um die Welt hat einfache, harte Regeln und wird als der Mount Everest dieses Sports bezeichnet. Ein netter Vergleich, doch den Mount Everest haben schon 10.000 Menschen bestiegen, 500 sind sogar ins Weltall geflogen. In den vergangenen acht Auflagen der Vendée sind 167 Jachten an den Start gegangen, nur 89 haben auch das Ziel erreicht. Boris ist der erste Deutsche, der diese sportliche He­rausforderung annimmt.
Warum tut sich einer das an? Was ist das für ein Typ? Weder irre noch größenwahnsinnig, ein sehr vernünftiger Mann, jüngst Familienvater geworden, dessen Traum einfach ein bisschen anders aussieht als der von anderen Leuten. Sportsgeist, ein gesunder Ehrgeiz, getrieben von der Liebe zum Meer. Schon als kleiner Junge war er meist mit seinem Vater allein auf Segeltour, wenn sie im Watt trockenfielen, hatte er den größten Sandkasten der Welt zum Spielen. In Bremen und Barcelona, möglichst nah am Wasser, hat er BWL studiert, doch ziemlich bald nach dem erstklassigen Abschluss auch seine erste Um-die-Welt-Regatta gewonnen. Aus dem ambitionierten Hobbysportler wurde ein souveräner Unternehmer.
Allein zu segeln, hat für ihn keinen besonderen Reiz, mit Co-Skipper oder Freunden zusammen macht es mehr Spaß. Aber so sind diesmal eben die Regeln. Kommunikation mit der Außenwelt ist erlaubt, solange keine Tipps gegeben werden, und sie ist ihm sehr wichtig, damit er sich „nicht so abgeschnitten von der Welt“ fühlt. Nachrichten, Podcast-Episoden, Kommentare aus den sozialen Netzwerken leitet sein Team ihm weiter, auch mit den anderen Skippern wird gechattet: „… über alles, nur nicht übers Wetter.“
Mit seiner Frau Birte, der fünf Monate alten Tochter Marie-Louise und der Mini-Spaniel-Dame Stormy Lilly, gerade in den Flegeljahren, wohnt er in der Hafencity. Von Hamburg aus lenkt er sein Projekt, wie man in dieser Branche bescheiden ein Unternehmen nennt. Über die Jahre hat er sich ein erstklassiges Team von 15 Leuten aufgebaut, dessen Verdienste um seinen Erfolg er nicht müde wird, zu betonen: vom Bootsbauer über die Team-Managerin, den Co-Skipper bis hin zu den Sponsoren.
Er plant fokussiert, ein bisschen Glück gehört aber auch dazu: „Wie bei einem Up-and-Down-Rennen auf der Alster: Wer den Winddrehern, dem Zufall die meisten Chancen gibt … am Ende gewinnen immer die Guten.“ Zufall war es, dass er beim Basteln am Steg Pierre Casiraghi kennenlernte, sie halfen sich gegenseitig, inzwischen sind sie dicke Freunde und Pierre, Vice President des Yacht Club de Monaco, ist Co-Skipper und Sponsor des Projekts. Das letzte Mal zusammen Segeln waren sie mit Greta Thunberg über den Atlantik und haben es genossen, endlich mal wieder Zeit zum ausführlichen Quatschen zu haben. Wie groß der Medienrummel darum wurde, hat sie alle doch überrascht, die Ankunft in New York ein Spektakel mit Empfang durch eine Segel-Flottille der United Nations. Unbeabsichtigt, aber wieder eine wahrgenommene Chance: Das Hamburger Logistik-Unternehmen Kühne + Nagel wurde daraufhin zusätzlicher Hauptsponsor.
Vor allem aber hat Boris Birte für sich gewonnen. Sie ist Pädagogin und hat für das Team die „Ocean Challenge“ ausgearbeitet: ein Education-Tool, das Kinder über das Abenteuer Hochseesegeln für den Schutz der Meere sensibilisiert. Schulklassen können das Rennen online begleiten, per Video-Chat mitten auf dem Ozean live dabei sein. Im Südpolarmeer werden 80 Prozent unseres globalen CO2-Ausstoßes absorbiert. Die „Seaexplorer“ führt ein kleines Forschungslabor mit sich, das laufend Daten sammelt und an das Institut GEOMAR in Kiel übermittelt, die kein Expeditionsschiff je
liefern könnte – sie bewegen sich einfach nicht in diesen Gegenden.
150 Tage hat Boris im Schnitt während der letzten zehn Jahre auf See verbracht, allein zur Vorbereitung der Vendée Globe zwölfmal den Atlantik überquert: „80 Prozent des Erfolgs bei dieser Regatta sind eigentlich schon vor dem Start festgelegt.“ Das Potenzial von Boot und Skipper sind definiert durch das Training, die technische Vorbereitung. Bewusst tritt er mit einer Jacht an, die nicht ganz neu ist. Andere müssen ihre frisch vom Stapel gelaufenen Sportgeräte erst testen, die Modernisierungen auf der „Seaexplorer“ sind erprobt: Spektakulär sind die neuen Foils, wie Tragflächen eines Flugzeugs muss man sich die Dinger vorstellen. Sie haben die Kraft, ein Schiff, das 7,6 Tonnen verdrängt, bei gutem Wind fast komplett aus dem Wasser zu heben. Bei glatter See, wie jetzt auf der Förde, ein Traum, auf dem Ozean ein Ritt über die Wellenkämme. Der Geräuschpegel unter Deck wird nervenaufreibend bis zur Tortur, jeder Aufprall ein Schlag in den Nacken. Boris liebste Neuerung an Bord ist sein Navigationssessel, 180 Grad schwenkbar um den Computer und er federt das Härteste ab. Schlaf ist das teuerste Gut an Bord: meist nur 15-Minuten-Powernaps, höchstens eine Stunde, wenn auf einer Etappe mal sehr wenig los ist. Sobald Manpower gefragt ist, geht es richtig zur Sache, körperlich. Den Segelwechsel fährt kein Bordcomputer: 240 Quadratmeter Genua wiegen 100 Kilo, mehr, wenn sie nass ist. Die muss er dann mithilfe eines Flaschenzugs aus dem Luk hieven, auf dem offen Vorschiff, im Sturzflug ins nächste Wellental. Und wenn oben im Mast etwas zu klarieren wäre? „Da hab’ ich echt ganz wenig Lust drauf.“
Sind das die Momente, in denen er sich fragt, warum noch mal er das macht? „Die gab es früher öfter, sie werden aber weniger. Das geht irgendwann weg!“, sagt er so entschlossen, dass wir beide lachen müssen. Die Toleranzgrenze solchen Situationen gegenüber steigt. Wenn das ein Hobbysegler in seinem Jahresurlaub macht, denkt er vielleicht an die anderen schöne Dinge, die er stattdessen hätte machen können. Aber für Boris ist das wie ein normaler Tag im Büro: „Mal ist es schön und mal eben nicht so schön.“
Wovor er am meisten Angst hat, lässt er sich nach langem Schweigen nur mühsam aus der Nase ziehen: zwei Dinge. Erstens, an Bord einen Fehler zu machen, der die ganze jahrelange Vorbereitung, die gesamte Leistung seines Teams zunichtemacht. Das würde ihn ins Mark treffen. Muss gar nicht um sein Wohl und Leben gehen. Zweitens, und das ist eine unberechenbare Gefahr: ein Objekt unter Wasser zu rammen. Die zwei Ruder ziehen sich zwar bei Berührung automatisch hoch, schlafende Wale werden auf ihrer Frequenz durch einen Mini-Sender am Kiel aus dem Weg geweckt. Aber ein von einem Frachter verlorener Container, ein ungekennzeichnet illegal fischender Trawler oder ein Eisbrocken könnten den Foils zum Verhängnis werden. Auch hier gibt es inzwischen Warnmechanismen, und die Risiken schätzt Boris realistisch ein: „Birte ist mehr besorgt um mich, wenn ich hier auf der Autobahn bin, als wenn ich auf dem Ozean herumfahre.“ Vielen Dank auch für dieses Interview, am Telefon, auf der Fahrt nach Frankreich – und bonne chance!