Der Brendler

 

 

ERNST BRENDLER

TROPEN- UND MARINEAUSSTATTER

 

 

Text: David Pohle    

Fotos: Uta Gleiser   

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 46

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Eine Bank mit vier cordbezogenen Stühlen vom Altonaer Kindertheater steht seit 25 Jahren 
im ersten Stock und ist eines der jüngeren Einrichtungsstücke bei Tropen Brendler in der Großen Johannisstraße 15 vis-à-vis von Rathaus und Handelskammer. Seit 1879 gibt es Brendler, ein Fachgeschäft im Wortsinn und so von gestern, dass es heute wieder stillschweigend Kauferlebnisse von morgen verspricht, die die etwas orientierungslos gewordene Kundschaft zwischen Internetshops und purer Bequemlichkeit so händeringend sucht. 


Hier gibt es Tropenausrüstungen, Moskito-netze und Marineuniformen, Troyer und Stutzer, Elbsegler und Fischerhemden etc. Und richtige Beratung von gestandenen Verkäufern, die echte Ahnung haben. So wie der elegante Herr Johannsen, dem man im akkuraten Harris 
Tweed – kann man hier natürlich auch erwerben – 80 Jahre nie im Leben ansieht. So etwas nennt man eine Hamburgensie. Also etwas, was es nur in Hamburg gibt und das unverwechselbar ist. Ingrid Osthues, 1959 als eine waschechte Brendler geboren, ist bestens gelaunt und platziert mich auf dem knarrenden Vintagemöbel. Entweder freut sich die Chefin nur, dass ich sie besuche und tatsächlich in die Sitzbank passe, oder das hat Methode. Vermutlich Letzteres. In vierter Generation führt sie das Geschäft, das in Hamburg jedes Kind kennen müsste. Allein der Prospekt ist ein Kunstwerk für sich und ein Fall fürs Museum 
für Hamburgische Geschichte: Schneidige, 
kantige Männer, nur Männer, zumeist Kapitäne, 
Piloten oder andere 007s des Lebens, halten eine filterlose Zigarette oder Pfeife lässig in der Hand, 
das nächste Husarenstück im kernigen Blick. 


Brendlers bislang 140-jährige Historie beginnt in Schlesien mit Ernst, dem Sohn 
einer Tuchmacherdynastie, der nach Hamburg kommt und in der Nähe der Landungsbrücken mit der Uniformschneiderei für die Schifffahrt einen Volltreffer landet. Der Bedarf ist groß, die Schifffahrt nimmt erst mit Segelschiffen von und nach Hamburg richtig Fahrt auf, die Zeit der Flying P-Liner der Laeisz-Reederei geht los, zwischen Vorsetzen, Baumwall und Rödingsmarkt gibt es einen unvorstellbaren Wald von Schiffsmasten und viele Firmen, die sich in diesem Geschäft tummeln. Später kommen Dampfschiffe dazu. Ingrids Vater steht nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem zerbombten Stammhaus an der Admiralitätstraße, wo heute 
die Fleetinsel ist, packt an, macht erst mal in Backbeermus (hamburgisch Platt für „von allem etwas“), vom Ölkanister bis zur Uniform, spezialisiert sich dann erfolgreich auf Uniformen für die Handelsmarine, bis 1962 die große Flut das Lebenswerk erneut fast zerstört. Innen-senator Helmut Schmidt macht sich als Herr der Flut einen Namen und Brendler stoisch weiter. Das Geschäft erholt sich, und 1972 wird der heutige Stammsitz erworben.  


Inzwischen ist auch Rolf Osthues dazugekommen. Ingrids Mann stammt aus Münster, wo seine Familie seit 260 Jahren das älteste Juwe-liergeschäft Deutschlands am Prinzipal-markt führt, trägt eine nie zuvor gesehene Hose aus schottischem Tweedstoff und meint westfälisch 
unaufgeregt, was dem Hamburgischen aber recht 
nahekommt: „Manchmal sind wir Dinosaurier 
in der Welt von Franchise, Global Design, Internet 
und Marketing. Aber höchst lebendige.“ Nachhaltigkeit heißt hier schlicht Qualität. Wer billig kauft, kauft teuer, könnte bei Brendler 
geprägt worden sein. Marineuniformen werden 
„seeecht gefärbt“, damit Sonne und Salzwasser-duschen sie nicht ausbleichen, Lederjacken 
nach Vorschrift der Beschaffungsämter gefertigt 
und eine Geldkatze, die – so die Empfehlung – unterm Hemd am Körper („besonders sicher“) getragen wird, gibt es für den fröhlichen Welten-bummler auch noch. Ein Add-on würde das hier aber niemand nennen. Ich glaub’, ich muss 
mal wieder in die Tropen.

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