Porträt –

Der Punzer

 

 

AUTORIN: REGINE MARXEN

FOTOS: GIOVANNI MAFRICI

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 43

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Vanino & Henkel. Lederkunsthandwerk. 1. Stock steht unprätentiös auf dem rechteckigen Schild links neben dem Treppenaufgang. Hier, unscheinbar in einem Hinterhof in Hamburg-Hamm, nur vier Minuten Fußweg von der U-Bahn-Station Hammer Kirche entfernt, befindet sich eine der letzten Punzer-Werkstätten Deutschlands. 120 Quadratmeter groß ist sie, ungefähr die Größe einer 4-Zimmer-Wohnung; und dieser Raum ist der Albtraum eines jeden Minimalisten. An den Wänden reihen sich prall gefüllte Regale, Kisten, Fächer und Schubladen, reichen bis zur Decke hoch, gefüllt mit unzähligen Metern aufgerollten Leders, mit Prägerollen oder -stempeln und allerhand Materialien. Stühle und Tische mit Leder-Bespannungen stapeln sich übereinander. Dazwischen stehen große Maschinen. Näh-, Spalt- und Riemenschneidmaschinen.

Mittendrin: Mario Marquardt, Herr des Geschehens. Was für den Besucher wie Chaos aussehen mag, ist für ihn eine gut strukturierte Ordnung, die er seit drei Jahrzehnten pflegt. Diese Werkstatt ist ein Stück Heimat für ihn: Auch wenn der 70-Jährige inzwischen eigentlich Rentner ist, steigt er noch immer werktags am frühen Morgen in seinen Volvo 444, um von Finkenwerder aus über die Köhlbrandbrücke nach Hamm zu fahren.


Seit 1931 existiert der Hamburger Handwerksbetrieb. Mario Marquardt ist seit den 80er-Jahren Teil der Firmenhistorie. Fast 20 Jahre arbeitete er an der Seite seines Seniorchefs Kurt Henkel, bevor er 2005 die Firma übernahm. Aus Überzeugung, mit dem guten Gefühl, etwas erschaffen zu können. Zuvor war der Hamburger 23 Jahre zur See gefahren. Bei Landgängen in Lateinamerika, Mexiko und den USA lernte er das Lederkunsthandwerk kennen. Während seiner Fahrten auf hoher See fing er an, Westernsättel herzustellen, er feilte an seiner Technik und beschloss schließlich, dauerhaft von Bord zu gehen und in seiner Heimatstadt eine Ausbildung zum Sattler zu machen. „Die Seefahrt wurde mir einfach zu unromantisch.“ Er heuerte bei Vanino & Henkel an und erlernte das Punzen – und damit ein Stück regionale Handwerkshistorie. Denn es war der Hamburger Georg Hulbe, der  Ende des 19. Jahrhunderts alte Leder-Prägetechniken wiederbelebte. Sein Wappen, die goldene Kogge, gilt noch heute als Zeichen der Punzer und hat in Hamburg einen prominenten Platz: Sie thront auf dem First des Hulbe-Hauses  in der Mönckebergstraße. Von Hulbe stammen unter anderem die Ledertapeten und Ledersessel im Hamburger Rathaus. Mitte der 90er-Jahre waren diese umfangreich restauriert worden – mit Hulbes Original-Lederschnitt- und Punz-Werkzeugen, die niemand Geringeres als Vanino & Henkel besitzt.

„Wir sind damit eine echte Hamburgensie“, sagt Mario Marquardt stolz. Das älteste seiner Werkzeuge ist 180 Jahre alt, einige von ihnen haben einen Wert von mehreren tausend Euro. Die Prägeplatten zum Beispiel werden in Großbritannien hergestellt. Echte Maßarbeit, die immer schwerer zu bekommen ist. Der moderne Konsum lässt der traditionellen Handwerkskunst wenig Raum. Das gilt auch für das Lederhandwerk. Prägestempel, die Punzen, werden zum Beispiel per Kelle gegossen. 
Die wenigsten Gießereien arbeiten heutzutage noch auf diese Art. Ein Handwerkszweig stirbt aus. Mario Marquardt weiß das. Stühle für den Harem des Scheichs von Bahrain, das Schreibtischleder für das Flugzeug des thailändischen Königs oder die Lederkluft für eine Domina: Verwegen bis 
glamourös waren einst die Einträge im Auftragsbuch von Vanino & Henkel. Aber das ist schon eine Weile her.

„Die Aufträge werden weniger“, sagt Mario Marquardt. Derzeit arbeitet er an einem roten Ledersitz für einen Schlüter-Trecker. Ein schöner, alter Clubsessel, allerdings aus Plastikleder, findet er eigentlich fürchterlich. Aber es handelt sich nun einmal um das Ausgangsmaterial. Er selbst arbeitet lieber mit naturgegerbtem Rindsleder. „Hält ewig“, sagt er und kratzt mit den Fingernägeln über die grüne Lederfläche eines Schreibtischs, die er gerade mit goldenen Intarsien verziert. Er zeigt auf die Lederrollen hinter ihm. „Mit dem Material, das ich hier habe, kann ich noch gut drei Jahre weitermachen.“ Und dann? „Dann kommt das alles weg. Dann bastele ich nur noch an meinen Autos.“ Er ist Volvo-Fan und besitzt drei Oldtimer, an denen er schraubt. Einer von ihnen soll eines Tages aussehen wie ein schwedisches Polizeiauto. Ziele hat er, einen Nachfolger für seinen Betrieb aber hat Marquardt nicht. Seine zwei Töchter werden das Geschäft definitiv nicht übernehmen. 
„Warum auch? Es gibt zu wenig Nachfrage. Aber ich bin überzeugt: Es wird auch in Zukunft spezielle Aufträge geben, die einen Punzer benötigen. Den aber gibt es dann nicht mehr. Dann werden wir dieses Handwerk vermissen.“ Noch gibt es ihn, den Punzer in Hamburg-Hamm. Ein Handwerk ohne goldenen Boden und scheinbar ohne Zukunft. Das hat bereits Georg Hulbe bewegt: In der Kogge auf dem Hulbe-Haus hat der Meister persönlich einen „Brief an die Nachwelt“ hinterlassen. Er schließt 
mit den Worten: „Meine Sorge, daß die gute alte solide Technik auf allen Gebieten des Handwerks durch die vielen Theoretiker immer 
mehr zurückgeht, finde ich leider bestätigt. Wie mag das nach 100 Jahren aussehen …?“

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