Glück.

 

 

DAS RAMOLHAUS

 

 

Text: Matthias Iken

Fotos: Ramolhaus; Mauritius Images   

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 46

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Was ist Glück? Viele jagen ihm nach, würden alles dafür tun und noch mehr dafür ausgeben. Dabei ist Glück so einfach: Glück ist der Moment, in dem wir ankommen, uns setzen, die Schuhe 
öffnen. Hinter uns liegt ein langer, kräftezehrender Wandertag. Die Füße schmerzen, die Kehle brennt, der Schweiß ist uns literweise über den Körper geronnen. Endlich sind wir auf dem Ramolhaus 
angekommen, dieser Hütte, die wie ein Adlerhorst in 3006 Meter Höhe auf den Tiroler Felsen thront und gleichzeitig das höchste Gasthaus Hamburgs ist. Rucksack ab. Hinsetzen. Trinken. Viel. 
Glücklich sein. Sehr.


Das Licht der Nachmittagssonne färbt unsere Apfelschorle golden. Der Blick schweift über die Bergkulisse der Ötztaler Alpen, die Gletscherlandschaft des Gurgler Ferner, über uns flattert der österreichische Adler im Wind. Das Leben, es ist gänsehautschön. Viele halten Hamburg ja für die schönste Stadt der Welt. Darüber mag man streiten. Eines aber lässt sich kaum bestreiten: Hamburg hat die schönste Alpenvereinshütte der Welt: das Ramolhaus.
Insgesamt betreibt der Deutsche Alpenverein (DAV) mit seinen 1,3 Millionen Mitgliedern 321 Schutzhütten in den Bergen – manche sind klein und bieten nur ein paar Matratzenlager, andere erinnern fast an Hotels. Sie alle sind das erste Ziel für Menschen, die für mehrere Tage durchs Gebirge wandern. Fast jede Sektion kümmert sich liebevoll um mindestens ein Haus, die Sektion Hamburg und Niederelbe betreibt gleich fünf dieser Refugien. Die Hamburger Sektion hatte nach dem Ersten Weltkrieg und der Annexion Südtirols durch Italien ihr eigentliches Hoheitsgebiet am Ortler verloren, suchte deshalb anderswo ein neues Zuhause – und erwarb 1922 die Hütte vom Obergurgler Martinus Scheiber. Noch heute gilt sie damit als das höchstgelegene Haus Hamburgs, wobei sich die Völkerwanderungen vom hohen Norden in den viel höheren Süden noch in Grenzen halten. Das Ramolhaus als eine von zwei Hamburger Hochgebirgshütten liegt etwas abseits der Wander-Highways, die inzwischen die Alpen queren. Und ist doch gut von Obergurgl, dem höchsten Kirchspiels Österreichs und einer der beliebtesten Destinationen, wenn im März die Hamburger Skiferien beginnen, zu erreichen. Von dort ist es ein Tagesmarsch für ambitionierte Wanderer, rund vier Stunden hin, zweieinhalb Stunden zurück. 1100 Höhenmeter sind zu bewältigen, angesichts eines Startpunktes von 1900 Höhenmetern eine hochalpine Wanderung, an den wilden Wassern der Gurgler Ache entlang.


Aber warum sich beeilen, wenn nicht nur der Weg das Ziel ist, sondern auch das Ziel der Weg – der Weg zur Erholung, zum Abtauchen auf 3006 Meter über Normalnull? Die Bahn bringt Hamburger schnell und preiswert nach Ötz am Anfang des Tals, der Bus gondelt dann den Rest nach Obergurgl, ab da benötigt man nur noch gesunde Füße, gutes Schuhwerk und etwas Ausdauer. Großartige Laune stellt sich von selbst ein. Wandern entschleunigt, es ist die natürlichste Fortbewegungsart des Menschen. Waren unsere Vorfahren einst noch 30 bis 40 Kilometer pro Woche zu Fuß unterwegs, vertreten wir Stubenhocker uns heutzutage nur noch wenige Kilometer die Beine. 

 

Vielleicht wären wir viele Sorgen los, wenn wir häufiger einfach losliefen.


Wir starten am Ortsrand von Obergurgl, dort, wo am Ende des Ötztals das Herrschaftsgebiet von Autos und Smartphones endet. Es dauert nur wenige 100 Meter, und dem Großstädter erschließt sich eine faszinierende Welt. Die Wasser sprudeln fröhlich Richtung Inn und übertönen Schritt für Schritt die Geräusche der Zivilisation. Was eben noch wichtig war, wird nichtig und klein. Wandern ist keine Kilometerfresserei, sondern Metergenuss. Hier ist der Mensch ganz bei sich, er findet sein Maß und seine Mitte. Das Wandern ist die natürlichste aller Geschwindigkeiten, vier, fünf Stundenkilometer sind das Tempo, in dem Kopf, Geist und Gemüt problemlos folgen können. Beim Bergwandern misst sich die Geschwindigkeit nur noch in Höhenmetern – das allein zählt. Die Anstrengung, der meditative Kampf um jeden Meter, pustet den Kopf frei, durchlüftet das Hirn. Auf den Almwiesen blüht das Wollgras, Wildblumen überall. Mal steiler, dann wieder hanseatisch verhalten steigt der Weg an – immerhin verteilt er die 1100 Höhenmeter, was in etwa vier aufeinandergestapelten Hamburger Fernsehtürmen 
entspricht – ökonomisch, er verschwendet sie nicht in einem gehässigen Auf und Ab. Er kennt nur eine Richtung – nach oben. Hinter jeder Kehre liegt eine neue Welt. Um einen langen Weg kurz zu machen. Es dauert. Aber auch der weiteste Weg verkürzt sich mit jedem Schritt. Plötzlich öffnet sich der Blick auf die Hamburger Hütte. Unwirklich thront sie über dem Weg, klebt auf der 
Felsnase wie ein Adlerhorst. Die letzten Höhenmeter sind steil und verlangen dem Wanderer alles ab. Aber dafür sind wir ja da. Wir wollen unsere Grenzen testen, wollen die Erschöpfung kosten, den Berg bezwingen. Nicht nur der atemberaubende Blick macht das Ramolhaus zu einer besonderen Hütte, sondern auch der Service. Hüttenwirt Martin Mraz und seine Mitstreiter kochen auf sehr hohem Niveau für kleines Geld (Halbpension 31 Euro), was Hamburger in den Bergen so lieben: Knödel, Schnitzel, Kaiserschmarrn. Und auch die Betten und Lager sind bestens in Schuss. Angestellt ist Mraz bei dem Pächter Lukas Scheiber vom „Hotel Edelweiss & Gurgl“. Das Vier-Sterne-Superior-Hotel in Obergurgl leistet sich diese Hütte aus Familientradition. Es war Scheibers Urgroßvater Martin, der 1881 das Ramolhaus als erstes Schutzhaus in den Ötztaler Alpen baute. 

 

Die Bewirtung ist das Geschäft des Pächters, die Übernachtungserlöse gehen an die Hamburger Sektion des Alpenvereins. Ein Zuschussgeschäft bleiben die Hütten fast immer. „Sie sind die Seele des DAV, sein Tafelsilber und ganzer Stolz, aber auch seine Last“, sagt Charlotte Brinkmann, Vorstand in der Hamburger Sektion. Die Preise sind gewollt günstig: Mitglieder zahlen 18 Euro für das Bett und 12 Euro im Matratzenlager. Nichtmitglieder müssen jeweils einen Zehner mehr berappen.
Die 3006 Meter machen demütig. Wer das Ramolhaus erreicht, hat viele Ansprüche hinter sich gelassen. Wer braucht WLAN bei diesem Panorama? Oder eine warme Dusche? Eine Hütte ist kein Hotel, aber urgemütlich: Der Ofen bollert, an den großen Holztischen kommt jeder schnell ins Gespräch. Nach Sonnenuntergang öffnet sich auf der Terrasse ein unwirklicher Sternenhimmel. 
Alles wirkt wunderbar aus der Zeit gefallen; so einfach wie intensiv, so karg wie unendlich reich. Einfach leben – auf der Hütte vergisst der Mensch, in welchem Jahrhundert er atmet. Sonst sind Urlauber schon froh, wenn sie den Wochentag vergessen. Vielleicht ist es das, was immer mehr Menschen in die Alpen und zum Wandern bringt: Hamburg gehört mit seinen 22.000 Mitgliedern zu den großen Sektionen im Alpenverein. Gemäß der Satzung verfolgt der Verein den Zweck, das Bergsteigen, Klettern und Wandern zu fördern. Zugleich versteht sich der DAV seit seiner Gründung 1869 als „Anwalt der Berge“. Gerade den Hamburgern – die ihre Sektion schon 1875 gründeten – mit ihrer großen Skitradition wird eine besondere Liebe zu den Bergen nachgesagt. 


Oben auf dem Ramolhaus hängen Kupferstiche von Alster und Elbe. Die Bilder der Hütte wiederum brennen sich in die Hirne und Herzen aller Hamburger ein, die dort gewesen sind. 
Es sind die zeitlosen Erinnerungen an die Wildnis, den Zauber des einfachen Lebens und das große Gefühl des kleinen Glücks.

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