Paper Poetry

 

 

ANNETTE MEINCKE-NAGY

 

 

Text: Simone Rickert    

Fotos: Uta Gleiser

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 46

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Mein kleines Völkchen nennt Annette Meincke-Nagy ihre Skulpturen liebevoll. Sie sitzen und stehen in ihrer ganzen Wohnung verteilt, angenehm stille Mitbewohner bis zur nächsten Ausstellung. Die Büste am Fenster wirkt, als würde sie interessiert die Menschen dort draußen auf der Straße beobachten. Andere scheinen eher mit sich selbst beschäftigt, die Augen geschlossen, den Blick nach innen gerichtet. „Ich bin immer auf der Suche nach Erkenntnis. Die findest du in der großen Welt da draußen, aber gleichermaßen in dir drin. Sie ist dort nur manchmal schwerer zu sehen“, Annette ist eine sehr gesellige Frau, liebt gute Gespräche, lacht herzlich und pflegt einen illustren Freundeskreis. Doch um ihre innere Stimme zu hören, braucht sie Ruhe, morgens beim Spaziergang durch den Park oder hier in ihrer Atelierwohnung. Unruhe, Ego, Emotion Schicht um Schicht wegpacken, während sie ihre Pappmaschee-Skulpturen aus dem Nichts aufbaut. Sie sind nie das genaue Porträt eines Individuums, zwar inspiriert von echten Menschen oder Bildnissen anderer Künstler, doch darüber hinaus geht es Annette um das Schaffen einer Atmosphäre, eines allgemeingültigen menschlichen Seinszustands. Alberto Giacomettis Haltung zur Kunst gefällt ihr. Auch sie liebt die Schönheit, „aber noch mehr interessiert mich die Wahrheit!“ Sie lacht, vielleicht weil ihr das fast zu philosophisch ist:

 

„Wenn ich könnte, würde ich auf einem Berg sitzen und meditieren. Aber das halte ich nicht aus. Ich muss etwas schaffen!“ Und holt Kaffee aus der Küche. 


Die Wände hängen voll mit Gemälden, Fotografien und Illustrationen von befreundeten Künstlern. Kunsttausch nennen sie das, sie beschenken sich gegenseitig. Oft ist Annette selbst porträtiert: Als kinoreife Action-Woman inszeniert von Ivo von Renner; Friedrich Einhoff, ihr Professor an der Fachhochschule, ist mit einem Gemälde vertreten, das Annette zur Verwendung von Sand zur Oberflächengestaltung inspirierte. Ihre verehrte Mentorin und Freundin Almut Heise hat sie in Picasso-Manier à la Dora Maar gemalt, aber mit einem Glas Rosé-Crémant, weil Annette den so gern trinkt. Und als sinnierendes Renaissance-Mädchen im Profil. Eine elementare Facette von Annettes Werk ist damit getroffen: der Purismus und die Ästhetik der Renaissance-Malerei entsprechen ihrem Schönheitsideal. In Budapest hat sie zwei Jahre an der Kunstakademie das Zeichnen gelernt, die harte alte Schule, tagelang vor einem reglosen Modell, so lange versuchen, bis man es hingekriegt hat. Michelangelos Sinn für Proportionen, das ist ihr Maßstab. Sie folgt ihrer Intuition, um die Essenz einer Person herauszuarbeiten.

 

„Es kann nicht jede Kunst jeden Betrachter berühren. Aber wenn mir das mit einem Werk gelingt, ist das der Idealfall, ein wunderbares Geschenk.“


Schon im Studium hat Annette gemerkt, dass die Malerei ihr zwar liegt, ihre wahre Leidenschaft aber dem Schaffen von Körpern gilt. 
Es hat einige Jahre gedauert, bis sie sich die Skulptur zugetraut hat. Überhaupt war es ein großer Schritt für sie, sich als Künstlerin zu begreifen, mit ihren Werken ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In ihrer Familie war das keine Selbstverständlichkeit. Heute ist sie einigen Freunden zutiefst dankbar für Bestärkung und Unterstützung im richtigen Moment. 


So wie es Annette ein inneres Bedürfnis ist, ihre Ideen dreidimensional umzusetzen, so entstehen sie auch – von innen heraus aufgebaut. Aus profanem Kaninchendraht formt sie die Basis: Körper, Arme, Beine, jeden einzelnen Finger. Mit vielen Schichten aus Zeitungspapier und Leim belegt sie dann ihr Objekt. Das sieht im Prozess des Entstehens ziemlich merkwürdig aus: Da sitzt ein grau beklebter Torso, ein Arm aus Draht ragt empor zu seiner Schulter, die es noch nicht gibt – vom Kopf mal ganz abgesehen, der entsteht zuletzt. Die unteren Partien müssen trocknen und aushärten, damit das Ganze nicht in sich zusammensackt. Dafür bedarf es einer sehr konkreten Idee vom fertigen Objekt. „Ich habe ein Gesicht vor Augen, das mich total berührt. Dann versuche ich, mich der Person Schicht um Schicht zu nähern. Doch irgendwann kommt der Moment, in dem ich mich von meiner Vorstellung löse und schaue, wer mir in meiner Kunst da entgegenkommt“, Annette ist eine aufmerksame Betrachterin. Ihrem Arbeitstisch gegenüber ist eine Wand mit Postkarten und Ausschnitten aus Kunstkatalogen behängt, ein Moodboard von Antike bis Pop-Art. Sie arbeitet am liebsten allein in ihrem Atelier, doch von diesen Gesichtern lässt sie sich zusehen. Nicht ganz in der Mitte hängt ein kleiner Spiegel. 


Für das feinere Modellieren nimmt sie schmale Papierstreifen. Jetzt ist die Zeit für ihre Lieblingsstellen: die Nase, wie sie so in die Stirn übergeht – Annette macht die Geste, mit der die feinen Papierstreifen aufgetragen werden, im eigenen Gesicht nach. Und die Augen, die sind für sie wie das Himmelszelt: „Wir blicken damit in die Welt. Aber wenn wir sie schließen, sehen wir die Sterne in unserem Inneren.“ Zurück zum Handwerk: Vorletzter Arbeitsschritt, ein auf dem Herd zusammengekochter Brei aus püriertem Papier und Kleister, verfeinert mit einer Handvoll Quarzsand, bildet das Finish. Das Rezept hat sie sich selbst ausgedacht. Die Oberfläche der Figur wird dadurch ein wenig rau, man könnte meinen, sie sei aus Stein. Ihre Eigenschaften sind aber die von Aquarellpapier, und das ist wichtig für die letzte Schaffensphase, bei der Annette doch wieder zur Malerin wird. „Ich liebe es, die Formen zu machen, aber beim Malen passiert noch mal etwas ganz anderes“, liebevoll trägt sie Lasuren auf, die Farbe sickert ein wenig ein, die Oberfläche bekommt eine bezaubernde Durchlässigkeit. Man muss sie berühren, um ihre Magie ganz zu erfassen – sie hochheben, um die überraschende Leichtigkeit zu begreifen. Sie sind nicht unbedingt zerbrechlich, aber mit Vorsicht zu behandeln, wie eines Menschen Seele. 

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