Holy End

 

 

ST. GERTRUD, ALTENWERDER 

 

 

Fotos: Tommy Hetzel   

Text: Regine Marxen

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 45

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„Wir sind der Fels in der Brandung“, sagt Anneliese Schauberg. Seit 13 Jahren ist die 66-Jährige Vorsitzende des Vereins zur Förderung und Erhaltung der St. Gertrudkirche Altenwerder. 195 Mitglieder hat dieser. Seine Mission: die Kirche und ihre Geschichte zu erhalten. Aus gutem Grund. Denn dieser Ort ist das letzte Überbleibsel einer einst funktionierenden Dorfgemeinschaft.

 

Bis in die 60er-Jahre hinein war Altenwerder eine Bauern- und Fischersiedlung. Im Zuge der Hafenerweiterung wurden seine Bewohner ab 1964 schrittweise umgesiedelt. Groß war der Widerstand, wer will schon Containern, Gleisen und Logistikhallen weichen. Dennoch: Altenwerder fiel der florierenden Hafenwirtschaft zum Opfer. Nur die St. Gertrudkirche blieb. Man kann sie von der A7 aus sehen, ihr Turm lugt zwischen den Bäumen hervor, eine grüne Oase inmitten von Beton und Stahl. Wer den Weg zu ihr sucht, durchfährt ein weitläufiges Industriegelände. Immer schmaler wird der Weg zu ihr, bis der Asphalt zum Feldweg wird. Dann steht sie da, von hohen Bäumen gerahmt, im Schatten zweier riesiger Windräder.

62 Meter hoch ist ihr Kirchturm und damit fast 140 Meter kleiner als besagte Windkraftanlagen. Diese zählen nämlich zu den größten in ganz Europa. „Früher“, sagt Anneliese Schauberg, „fand ich die unheimlich. Jetzt finde ich den Kontrast zur Kirche irgendwie ganz lustig.“ Sie hat eine besondere Beziehung zu den zwei Riesen, am Fuße des rechten verbrachte sie ihre Jugend. Dort stand ihr Elternhaus. Ihre Großeltern liegen auf dem Friedhof begraben. Genauso wie der Altenwerder Marinemaler Johannes Holst. Ein Porträt von ihm hängt auch im Kirchenschiff, links neben der Orgel. Inzwischen ist der Friedhof für Beerdigungen geschlossen. Eine Ausnahme von dieser Regel wurde 2018 gemacht: Elisabeth Schwartau war die letzte Altenwerderin, die hier bestattet wurde. 30 Jahre war sie Küsterin in St. Gertrud. Es ist unter anderem auch ihr zu verdanken, dass die Kirche heute noch steht. Als im Zuge der Umsiedlungen die Landeskirche das Gebäude ohne Zustimmung der Gemeinde an die Hansestadt verkaufte, gehörte sie zu jenen, die für seinen Erhalt kämpften, mit der Stadt verhandelten und Unterstützung bei den umliegenden Kirchengemeinden suchten.

 

Heute zählt St. Gertrud zur Thomasgemeinde Hausbruch, das Grundstück gehört dem Hafenbetreiber HPA, der Hamburg Port Authority. Diese vermietet das Gebäude an die Gemeinde Hausbruch-Neuwiedenthal-Altenwerder. Erst im vergangenen Jahr wurde der Mietvertrag für weitere fünf Jahre verlängert. 

Das Leben geht also erst mal weiter in St. Gertrud. Totenstill ist es hier jedenfalls nicht. Draußen sorgen Hafen und A7 für ein Grundrauschen, drinnen wird an jedem zweiten und vierten Sonntag und an hohen Feiertagen der Gottesdienst zelebriert. Normalerweise kämen da um die 20 Leute, sagt Anneliese Schauberg. Außer an Weihnachten, da kämen über 500 Besucher. „Im Anschluss sitzen wir noch zusammen, trinken Kaffee und freuen uns, wenn Besucher vorbeikommen, um die Kirche kennenzulernen.“ Der Kaffee samt Keksen wird dabei gleich im Kirchenschiff eingenommen. In Ermangelung eines Gemeindehauses hat selbige beschlossen, die hinteren Kirchenbänke zu entfernen und durch Tische, Stühle und eine Pantryküche zu ersetzen. Nicht die einzige Eigenart, die dieser Ort sich leistet. 

Georg Schindler ist Nachfolger von Elisabeth Schwartau. Der ehrenamtliche Küster schaut jede Woche rein, um die Kirchturmuhr aufzuziehen. Dann klettert er die steilen Holztreppen hinauf in den zweiten Stock des Kirchturms, vorbei an der Beckerath-Orgel mit ihren bis zu zwölf Meter hohen Pfeifen. Das Instrument ist noch relativ neu, es wurde nach einem Schwelbrand 1969 installiert. Das Uhrwerk ist eine ganze Ecke älter und stammt aus dem Jahr 1895. Drei Trommeln muss er aufziehen, Drähte führen durch den Holzboden hinauf zu den Glocken. Erst seit 1958 hängen im Turm wieder zwei von ihnen, eine weitere kleine Stundenglocke befindet sich am Turm. Wenn im vierten Stock, ganz oben, die Turmfalken nisten, dann fährt der Küster das Sparprogramm. Dann bleiben Gebetsglocke und Stundenschlag still. Schließlich sollen die Vögel nicht aus dem Nest fallen. Still bleibt es auch für eine Stunde im Oktober, wenn die Winterzeit beginnt. Weil Georg Schindler seine Uhr nur vor- und nicht zurückdrehen kann, hält er diese einfach für eine Stunde an. Dann wartet er, um sie pünktlich wieder in Gang zu bringen. Vielleicht schaut er dann, während die Zeit stehenbleibt, aus dem Turmfenster und betrachtet den Hafen, der niemals schläft. Einst wurde die Kirche auf dem höchsten Punkt Altenwerders, auf einer Sanddüne errichtet. Heute wirkt sie seltsam klein. Aber sie ist da. 

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