Stehet und staunet
Text: Karina Lübke | Illustration: Mone Seidel
Liebe Hambürgerinnen und Hambürger, da seid ihr ja langsam alle wieder. Na, schöne Ferien gehabt? Und gar keine Lust auf Alltag im Großstadtverkehr, der erfahrungsgemäß immer länger ruht als ihr? Nun, es wartet eine tolle Überraschung auf euch: Während ihr eure Sommerferien genossen habt, habe ich im Eilverfahren sämtliche Baustellen in Hamburg fertigstellen lassen. Sogar die am Berliner Tor, vor dem Elbtunnel und am Eppendorfer Marktplatz … Scheeerz – so mächtig bin dann nicht mal ich. Aber dafür habe ich aus der Misere eine alternative Kulturform entwickelt: Stehet und stau(n)et! Unsere Hamburger Baustellen als Bühne und Erlebnisraum. Ladet euch meine königliche Hamburger Stau-App runter, darüber könnt ihr während des Stillstands mobile Services buchen: An euer offenes Autofenster kommen freundliche Straßenhändler auf Rollschuhen oder E-Bikes und bringen Kaffee, Zeitungen, Sonnenbrillen und Handy-Ladekabel; auch kurze Kopfmassagen und eine schnelle Autowäsche sind im Angebot. Mobile Food-Pop-ups bieten Warmhalteboxen mit wechselnden Streetfood-Angeboten an. Und die Bands, die auch beim Reeperbahn Festival auftreten, spielen anschließend noch zwei Wochen weiter als Stau-Show auf mobilen Bühnen aus Paletten. Die angesammelten Aggressionen im Verkehr? Gleich mit aufgelöst.
Aber auch zu Fuß kann man was erleben. Gerade komme ich von einem Drink mit meinem Stammbaum zurück: Es ist die depressive Eiche auf dem schmalen Gehweg am sechsspurigen Lokstedter Steindamm kurz vor dem Siemersplatz, einem der hässlichsten Verkehrsknotenpunkte unserer Stadt. Entsprechenderweise sieht der Baum auch aus, als ob er täglich bereut, um 1800 ausgerechnet hier Wurzeln geschlagen zu haben. Ein großes Schild daneben informiert: „Überstand die Luftangriffe von 1943 auf Hamburg und den Brennholzbedarf der Nachkriegszeit. Als alter Baum wächst er kaum noch, sondern versucht trotz Bodenversiegelung und Autoabgasen zu überleben.“ Ich habe den Longevity-Spezialisten sofort ins Herz geschlossen. Kann ihn zwar nicht zur Erholung aufs Land schicken, aber bei Trockenheit bringe ich abends einen Kanister frisches Wasser mit und leiste ihm, mit einem kalten Bier in der Hand, ein bisschen Gesellschaft und royale Ansprache. Schließlich haben wir ja beide eine Krone. Schaut doch nach dem langen Sommer bitte auch mal bei euren grünen Nachbarn vorbei, lasst etwas Liebe und Wasser da – und euch im Gegenzug von ihnen erden. Einfach an den Stamm lehnen, das hilft.
Immerhin wurde Hamburg im letzten Jahr offiziell als „Europäische Stadt der Bäume 2025“ ausgezeichnet: Wir haben insgesamt etwa 230.000 Straßenbäume, dazu arbeiten 600.000 Parkbäume als Schattenspender und Luftfilter. Zudem hatte ich bei meinem Amtsantritt ja vorausschauend überall im Stadtgebiet Obstbäume und Sträucher pflanzen lassen, die seit ihrer Frühlingsblüte jede Nacht mit klassischer Musik beschallt wurden. Diese Initiative trägt jetzt Früchte: Im Elbhang, am Alsterufer, auf dem Ohlsdorfer Friedhof und in jedem Park prangen zu meinem Wohlgefallen mittlerweile Kirschen, Pflaumen, Äpfel, Birnen, Quitten, Walnüsse und Esskastanien. Endlich ist damit nicht nur im Alten Land, sondern auch auf unserer Elbseite Erntezeit. Ich möchte, dass sich Hambürger, die von den hohen Lebens(mittel)kosten eh schon schwer geeinkaufsbeutelt sind, im Vorbeigehen gratis Vitamine greifen können. Die App „Mundraub“ zeigt dafür übrigens deutschlandweit öffentlich zugängliche Obstbäume, Sträucher und essbare Kräuter an. Aber bitte vorsichtig und schonend, nichts ab- oder ausreißen. Und nur für den Eigengebrauch. Nicht über Nacht alles abernten und damit am nächsten Tag einen Side Hustle auf dem Wochenmarkt aufmachen!
Apropos Naturerlebnisse: Wundert euch nicht, wenn in den nächsten Wochen Post von mir kommt. Spätestens als zur besten Grillsaison ein paar Wölfe im Stadtpark aufgetaucht sind, habe ich die Broschüre „Die Wölfchenschule“ in Auftrag gegeben und lasse sie jetzt an jeden Haushalt versenden – zusammen mit einer kindersicheren Dose Pfefferspray. Ich fürchte besonders um die Haushalte, in denen „Die neue Häschenschule“ von Anke Engelke über einen veganen Fuchs im Buchregal steht, dabei scheinen mir gerade die Eppendorfer und Winterhuder mit ihren obligatorischen Einkaufskörben voller Wein, Brot und Kuchen überfallgefährdet. Rotkäppchen 2.0. Allzu märchenhaft wollen wir es ja nun auch nicht haben. Überraschend viele von euch scheinen sich über Wölfe im Hamburger Stadtbild zu freuen, aber das ist mir für beide Seiten zu riskant. Es scheint mir doch etwas naiv anzunehmen, die hätten auf Dauer mit Hunger im Bauch mehr Angst vor Menschen als umgekehrt. Ich möchte aber auch nicht wissen, wie viele von euch ihm einen Döner kaufen würden, um ein Selfie mit Wolf machen zu können. Deshalb hier vorab noch mal der Knigge der Umweltbehörde bei Wolfsbegegnungen: keine Panik (na ja), nicht anfassen, sich vorsichtig zurückziehen, ohne zu rennen, und notfalls laut klatschen. Oder eben das Pfefferspray aus meinem Care-Paket, siehe oben. Eure Königin.


