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Kristin Kossi

 

 

AUTORIN: REGINE MARXEN

FOTOS: KRISTIN KOSSI; „VINTAGE OF PLAYBOY“; RIKKART.COM

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 41

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Das Gesicht einer jungen Frau, die roten Lippen sanft geöffnet, graublaue Augen, der Blick herausfordernd. Sexy, selbstbewusst. Ganz schön perfekt – wären da nicht die Wimpern am rechten Auge, die spinnenartig Richtung Augenbraue streben. Und die weißen Flecken auf ihrer Haut, die sich aufzulösen scheint.

 

„Was ist Schönheit, was ist dahinter?“, fragt Kristin Kossi. „Ich schaue mit meiner Kunst hinter die Fassade.“


„Out of Space“ lautet der Titel dieses Ölbildes. Es trägt die für 
Kristin Kossi signifikanten Stilmittel. Grob gespachtelte Schichten, 
fließende Farben, eine komplex-lustvolle Symphonie auf großformatiger Leinwand. Kristin Kossis Bilder brauchen Platz, um zu atmen. Sie sind impulsiv. Wuchtig. In ihren Contemporary Portraits malt sie grundsätzlich Frauen. Models oder Celebrities. Als Vorlage dienen Fotografien, die sie unter anderem im Internet entdeckt. Die Farbwelt, in die sie den Betrachter entführt, ist gedeckt; vor allem im Vergleich zu den Werken ihrer Urban-Pop-Art-Serie, in der die Hamburgerin intensive, strahlende Farbtöne einsetzt. In diesen Kompositionen verbindet sie Einflüsse aus Street-Art oder Graffiti, arbeitet mit verspielt comicartigen Motiven und Schriftzügen. Porträt und Pop-Art, das sind die zwei Seiten der Künstlerin 
Kristin Kossi. Eines eint beide: Sie lassen sich nur schwer übersehen. 
Sie fallen einfach zu sehr auf. Wie sie selbst.


Kristin Kossi ist eine Erscheinung. Ungezähmte Afro-Locken umrahmen ihr Gesicht, ihre schlanke Figur ist in einen schwarzen Hosenanzug gekleidet. Feminin, lässig, perfekter Style. Auf Fragen antwortet die 38-Jährige bedacht, vorsichtig. Hat man es als Frau schwer in der Kunstbranche? Sie lacht. „In welcher Branche hat man es als Frau einfach?“ In der Kunst jedenfalls nicht. Vor allem in Galerien werden die Männer immer noch bevorzugt. Da braucht es Beharrlichkeit. Die hat Kossi. Gegen Schubladendenken anzukämpfen, das hat sie schon als Kind gelernt.


Aufgewachsen ist sie in Moskau. Ihr Vater stammt aus Gabun in Zentralafrika, ihre Mutter aus der Ukraine. Als dunkelhäutiges Mädchen übernahm sie in ihrem Umfeld schnell die Außenseiter-Position. „Das hat mich geprägt“, sagt sie. Als die Eltern sich trennten, zog Kristin als 14-jähriger Teenager mit ihrer Mutter nach Hamburg. Die Hansestadt wurde ihr Zuhause, hier studierte sie Modedesign, entdeckte das Modeln, arbeitete für Katalog-Produktionen und lief für Max Mara, Joop oder Jil Sander. Ein Job, bei dem sie gut verdiente, aber aufgrund ihrer Hautfarbe auch diskriminiert wurde. Schublade: exotische Schönheit. Ihre damalige Beziehung zum ehemaligen HSV-Trainer Thomas Doll verlieh ihr zudem den Titel Spielerfrau. Das ärgerte sie. Und noch etwas anderes begann sie zu wurmen: „Als Model bist du nur eine Kleiderstange. Du bist nicht kreativ. Aber als Modedesignerin arbeitest du auch nicht frei, du bewegst dich im Mainstream.“ Die Fashion-Branche machte Kristin nicht glücklich. Wohl aber die Kunst. Sie beginnt zu malen. 2012 beendet sie ihre Modelkarriere und feiert ihr Debüt als Künstlerin mit ihrer ersten Ausstellung in Hamburg. Ein Befreiungsschlag. Und der Umzug in eine neue Schublade.


Ein Ex-Model, das malt? Und dann auch noch die Freundin von 
Thomas Doll? Niedlich. Es waren genau diese Vorurteile, auf die Kossi zu Beginn ihrer Künstlerkarriere stieß. Heute sagt sie selbstbewusst: „Ich weiß, was ich kann. Ich bin Künstlerin. Und Geschäftsfrau.“ In Norderstedt hat sie sich ein 250 Quadratmeter großes Atelier eingerichtet, in dem sie ungestört arbeiten kann. Dann dreht sie die Musik auf – Deep House oder Rock – schaltet das Handy aus und vergisst Raum und Zeit. Auch Auftragsarbeiten zählen zu ihrem Portfolio. Wenn das Thema sie interessiert und herausfordert. Das ist ihr wichtig, der künstlerische Blick über den Tellerrand. Derzeit arbeitet Kossi an etwas für sie vollkommen Neuem: Sie malt einen Mann. Ein Porträt von Leonardo DiCaprio alias Jordan Belfort, dem Börsenspekulanten aus Scorseses Biopic „The Wolf of Wall Street“. „Ein cooler Charakter“, sagt sie. Aber inzwischen ärgert er sie auch. „Er sieht immer noch verdammt weiblich aus. Er braucht mehr Ecken und Kanten.“ Warum sie überhaupt einen Mann malen will? „Ich will sehen, ob ich es kann.“ Logisch. Kossi macht es sich in keiner Nische bequem. Eine Kristin Kossi malt immer wieder gegen Schubladen an.

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