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Nikolaus Gelpke

 

 

AUTOR: DAVID POHLE

FOTO: MATHIAS BOTHOR

Sandtorquaihof im Pickhuben, ganz oben, vierter Stock, viel hamburgischer als an dieser Speicherstadt-Adresse kann man nicht arbeiten. Es ist ein typischer Februartag in Hamburg. Edgar-Wallace-Wetter. Grau, nicht zu kalt. Man fragt sich, ob es jemals wieder richtig hell wird. Nikolaus Gelpke, Jahrgang 1962, groß, sehr groß, schlank, offenbar in guter Form, bittet mich in den Besprechungsraum. Ich stehe vor einer riesigen Weltkarte, tagträume für Momente, da kommt Gelpke und zieht die Karte hoch. Dahinter sind Post-its, diese kleinen gelben Merkzettel, vielleicht hundert. Kleben grob sortiert auf einer großen Tafel. Darauf Themen, die Gelpke und seinem Team irgendwann mal interessant genug erschienen, um weiterverfolgt und – wenn nach gründlicher Prüfung als würdig empfunden – in „mare“ veröffentlicht zu werden. Einige hängen seit über zehn Jahren. Spricht für die Themen. Und die Qualität der Post-its.


Dass Nikolaus Gelpke einmal eine Zeitschrift über die Meere machen würde, war kaum absehbar. Geboren wurde er in der Schweiz, in der Nähe des Zürichsees, aber eine besondere Beziehung zur großen See entwickelte er schon als kleiner Junge in den Ferien am Mittelmeer. Später lernte er tauchen, segeln natürlich auch und antwortete nach dem erkämpften Abitur auf die Frage, was er denn mal machen wolle, dass es irgendwas mit dem Meer sein müsse. Um ihren Jungen auf Kurs zu bringen, ihm Zeit zu geben, sich zu orientieren, schickt seine Mutter ihn nach Halifax, Nova Scotia. An der kanadischen Ostküste lebt Elisabeth Mann Borgese, Tochter des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, Schwester von Klaus, allein mit ihren Hunden in einem Haus am Atlantik.


Elisabeth ist ausgebildete Pianistin, aber auch Wissenschaftlerin. Unter anderem ist sie das einzige weibliche Gründungsmitglied des berühmten Club of Rome und Autorin des Menetekels „Das Drama der Meere“. In
Halifax hat sie eine Professur für Seerecht. Sie signalisiert, er könne bei ihr wohnen und studieren. Unter einer Bedingung: Er müsse sich um ihre Hunde kümmern. Der Beginn einer Lebensbeziehung für Gelpke, die ihn bis heute berührt und prägt: „ Sie wurde für mich zu einer mütterlichen Freundin und Mentorin.“ Elisabeth ist es, die ihm empfiehlt, Meereskunde in Kiel zu studieren und ihm Zugang zu ihrem Netzwerk großer Persönlichkeiten gewährt. Mit Jacques Piccard und seinem Tauchboot geht er dem Genfer See auf den Grund. Doch eines Tages – Gelpke hat inzwischen einen Abschluss als Meeresbiologe – kommt es zu einem Schlüsselgendanken:

 

„Der ,Spiegel‘ ist frech, selbstbewusst, teilt die Welt so auf, wie er denkt, dass die Welt ist, und der ,Spiegel‘ schreibt über alles. Und ich dachte: Eigentlich kann ich den ganzen ,Spiegel‘ füllen, nur mit Meeresthemen.“

 

Gemeinsam mit drei Freundinnen trieb er die Idee voran, bis aus ihr 1997 die erste Ausgabe von „mare“ geworden war. Ohne die Frauen, sagt er, „wäre wohl nur ein Mitteilungsblatt für Meeressüchtige herausgekommen“. Die Frauen gehen, aber das Konzept steht: Ein eigener fotografischer Blick, akribisch recherchierte, klug erzählte Geschichten, großzügiges Layout, Raum für Eigenheiten und größtmögliche Unabhängigkeit. Die einfache Formel für Qualitätsjournalismus. So hat Gelpke unbeirrt – zunächst eher belächelt in der Verlagsszene, die dem Newcomer und seinem Konzept nicht viel zutraut – aus dem Verlag dann auch ein sehr gesundes und mit größten Sympathien ausgestattetes Medienhaus gemacht. Alle zwei Monate erscheint „mare“ mit einer Auflage von knapp 50 000 Exemplaren, 2001 kam der „mare buchverlag“ und „mare TV“ hinzu.


Gelpke ist ein zuverlässiger Partner, fast berechenbar, sehr ehrlich. Im Positiven. Auf die Frage, ob er Erfolge voraussehen könne, sagt er: „Manchmal denke ich ja; oft sind das dann allerdings die größten Flops. Nach über 20 Jahren versuche ich immer noch, Parameter zu finden, was funktioniert und was nicht. Erfolglos. Die gibt es nicht.“ Erfolglos, aber erfolgreich. Wie beim „Atlas der abgelegenen Inseln“. „Ein hübsches, kleines Buch, ich schätzte, wir würden mit etwas Glück und Momentum vielleicht 2000 Stück verkaufen. Nun, die 18. Auflage ist erschienen, es ist bald in 20 Sprachen übersetzt worden. Das freut mich unbändig. Nur verstehen tue ich es bis heute nicht.“ Aber freuen tut es ihn. Das eben doch nicht alles vorherseh- und berechenbar ist. Nur eines ist sicher: der Ärger seiner Mitarbeiter, wenn er wieder im Internet Bücher bestellt hat. „Ich bin Amazon-Fan, und jeder im Verlag hasst mich dafür. Meine Mitarbeiter nehmen meine Bestellungen nur höchst widerwillig entgegen. Ich finde, das klappt prima, aber natürlich weiß ich um die politische Inkorrektheit.“ Aber das ficht ihn nicht besonders an: „Das ganze Leben ist doch ein Müsste. Mein Fazit: Es ist irre schwierig, korrekt zu sein, und man darf das nicht zu ernst nehmen.“
Das Meer ist grenzenlos. Das Denken auch. Steht auf dem Cover der Januar-Ausgabe von „mare“. Und beschreibt doch den Verleger. 

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 38

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