Manuela Maurer und Hannah Hillebrand

CHICKPEACE

Text: Regine Marxen | Fotos: Julia Schwendner

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 56

Die Fahrerinnen der zwei Großraumtaxis staunten nicht schlecht, als sie die sieben Frauen, fünf Kinder und die unzähligen, liebevoll auf Tellern angerichteten Speisen erblickten. Immerhin sollten davon 70 Personen satt werden. „Mit Kind und Kegel sind wir damals angerückt, zu unserem ersten Catering in der Susannenstraße im Hamburger Schanzenviertel“, erinnert sich Manuela Maurer. Mitten rein in die Menschenmenge wären die Frauen damals gegangen. Mit ihrem wenigen Deutsch, die Teller in den Händen haltend, hätten sie den Gästen die Geschichte hinter den Gerichten erklärt. Zum Beispiel, dass die Sambousa, diese kleinen, mit Linsen gefüllten Teigtaschen, in Somalia nur zu ganz besonderen Anlässen wie bei der Geburt eines Kindes serviert werden. „Das“, sagt Manuela Maurer, „war ein berührender Moment. Für beide Seiten.“ Das war die Geburtsstunde von Chickpeace.

Im Sommer 2016 war das. Manuela Maurer, Wahl-Hamburgerin und studierte Sozialpädagogin, hatte vor rund einem Jahr angefangen, sich in der Flüchtlingshilfe in Harburg zu engagieren und die Buffetbegegnungen ins Leben gerufen. Fünf geflüchtete und fünf Hamburger Frauen trafen sich regelmäßig, um gemeinsam zu kochen. Man kaufte zusammen ein, übte Alltagshandlungen und lernte im Kontext die Sprache. Das lief gut. So gut, dass aus diesen Begegnungen am Buffet nur wenige Monate später ein Cateringdienst namens Chickpeace werden sollte, der die Feuerprobe, von jetzt auf gleich 70 Menschen zu bewirten, bravourös meisterte. Aufregend wäre es gewesen, ein kleines Wagnis und auch nicht hundertprozentig perfekt. Aber das sei in Ordnung, sagt Chickpeace-Gründerin Manuela. „Was wir nicht sein wollten und bis heute nicht sein wollen, ist ein anonymer Cateringdienst. Wir wollen bewahren, was die Frauen ausmacht.“

Chickpeace, das beinhaltet vieles. Rein wörtlich vereint es den Begriff Chicks, zu Deutsch selbstbewusste Frauen, mit der Kichererbse, englisch Chickpeas, und den Begriff Peace. „Friedensgrüße aus der Küche“, übersetzt Manuela frei. Chickpeace will Menschen zusammenbringen und nutzt die Magie des Essens als kulturelle Brücke. Der Cateringdienst soll nicht nur satt machen, sondern Perspektiven schaffen, und zwar speziell für geflüchtete Frauen. Die, die hier arbeiten, kommen aus Syrien, dem Irak, Somalia, Eritrea und Afghanistan. Bis zur Pandemie hätte Chickpeace eine tolle Entwicklung hingelegt. „2019 war der Knaller, um die 50 Frauen haben hier mitgearbeitet in unterschiedlichen Settings.“ Dann kam Corona, und mit dem Virus kam die Krise. Private und berufliche Veranstaltungen fielen aus, digitale Meetings brauchen kein Catering. Für Chickpeace ging es ums Überleben. Das Kernteam konnten sie halten. Maisaa, Yad, Hewen, Hebatollah und Shahrazad sind heute regelmäßig dabei, drei weitere Frauen arbeiten ihnen bei Bedarf zu. Die Stammspielerinnen, so nennt sie Hannah Hillebrand.

Seit Oktober 2021 ist sie Teil der Chickpeace-Crew, die inzwischen im ehemaligen Ottensener Stadtteilcafé ihre Heimat gefunden hat. Sie bringt das mit, was bisher gefehlt und nach den krisenbehafteten vergangenen zwei Jahren dringend gebraucht wird: Erfahrung in der Küchenleitung. Hannah ist Psychologin, Sozialarbeiterin und Köchin. „Als ich im Oktober letzten Jahres angefangen habe, bin ich rund eine Woche nur mitgelaufen. Mein Fazit damals: Großbaustelle.“ Das sei es noch immer. „Aber eine mit ganz viel Herz und Spaß, Neugierde, Interesse und Motivation, das zu ändern.“

Aber was muss überhaupt geändert werden? Neben Themen wie Arbeitssicherheit und Kalkulation geht es vor allem um eines: „Wir müssen wirtschaftlicher werden“, sagt Hannah. „Egal, ob wir für 40 oder für 120 Menschen kochen: Es geht darum, dass die Speisen auch bei höheren Mengen koordiniert zubereitet werden.“ Talent und der Spaß am Kochen sind da, was fehlt, ist die Effizienz. „In anderen Kulturen zu kochen, heißt eben nicht, den Timer zu stellen und schnell den Reis in 20 Minuten auf dem Teller zu haben, sondern er ruht dann auch gern mal fünf Stunden im Topf“, erläutert Manuela Maurer lachend. Im Cateringbereich ist das eher semioptimal, und genau hier kommt Hannah ins Spiel. Sie liebt die Gastronomie, den Stress, wenn’s mal heiß hergeht. Sie ist die Frau für schnelle Entscheidungen, die bei Chickpeace nicht nur lehrt, sondern auch selbst lernt. Nämlich Geduld. „Nicht eines meiner stärksten Talente.“ Das muss sie aushalten, der soziale Kern von Chickpeace soll, Effizienz hin oder her, unbedingt erhalten bleiben. Stichwort „Bewahren, was die Frauen ausmacht“. Die Herausforderung nimmt sie gern an. „Wir haben hier eine schöne Mischung aus dem sehr wichtigen, nachhaltigen sozialen Gedanken und der Küchenluft.“ Nein, ein anonymer Cateringdienst ist Chickpeace nicht, dafür sind seine Geschichte und die seiner Mitarbeiterinnen viel zu einzigartig. Aber professioneller darf es werden. Den Coronatest jedenfalls hat das Team mit Bravour bestanden. Es bleibt spannend, was es uns als Nächstes serviert.