Jan Schierhorn

DAS GELD HÄNGT AN DEN BÄUMEN

Text: Regine Marxen. Fotos: Julia Schwendner

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 52

Am Anfang war der Apfel – und Jan Schierhorn. Ein erfolgreicher Unternehmer, Jahrgang 1969, einer, der von der Schulbank weg sein eigenes Business startete und stets sein eigenes Ding macht. Einer, der Trends setzt, statt ihnen hinterherzulaufen, reich an Risikofreude und Ideen. 2007 stand dieser Mann in seinem Garten. Um ihn herum Apfelbäume, am Boden Streuobst. Äpfel, die vor sich hingammeln, ungesehen und ungenutzt. Verlorenes Potenzial. Für Jan Schierhorn, zu dem der inflationär verwendete Begriff Macher tatsächlich passt, war das eigentlich kaum auszuhalten. Sein Hirn ratterte und spuckte eine Geschäftsidee aus, die seit 2008 unter dem Namen „Das Geld hängt an den Bäumen“ firmiert – und die nicht nur sein Leben veränderte.

Rund 25 Mitarbeiter hat das Unternehmen heute, hinzu kommt ein Pool an freien Kräften und Ehrenämtlern. Gemeinsam betreiben sie einen der wohl fairsten Saftläden dieser Welt. Sie sammeln Streuobst in und um Hamburg, verarbeiten es zu hochwertigen Getränken – und schaffen dadurch Arbeitsplätze für diejenigen, die Schwierigkeiten haben, ihren Platz in unserem leistungsorientierten System zu finden. Für Menschen mit Behinderungen und andere soziale Randgruppen. „Obwohl: Was heißt Behinderung …“, sagt Jan Schierhorn. „Ist jemand wie Andreas behindert?“ Die Rede ist von Andreas Schuppert, Mitarbeiter der ersten Stunde. Der 52-Jährige litt an Depressionen, heute gehört er zu den Teamleitern. Das Wort Behinderung mag Jan nicht wirklich. Er spricht lieber von den meist vergessenen Menschen, die nicht in die gesellschaftlich normierten Schubladen passten. Bei „Das Geld hängt an den Bäumen“ finden sie einen Ankerplatz. Einige von ihnen schaffen es sogar auf das Etikett der Saftflaschen. In den letzten Jahren hat sich eine nahezu dörfliche Gemeinschaft mit familiären Strukturen entwickelt. Lange Zeit war sie in Altona stationiert, am ehemaligen Güterbahnhof, jetzt im Niedergeorgswerder Deich in Wilhelmsburg.

„Hier verzeiht man die Fehler des anderen und lässt Stärken zu“, sagt Jan. Das bedeutet auch, Situationen auszuhalten. „Wenn ich beispielsweise einem Autisten sage, dass er einen guten Job macht, oder ihm etwas Gutes tue, dann wird als Antwort nicht unbedingt ein Danke kommen. Das ist in seiner Welt eher nicht vorgesehen.“ Nervt das manchmal? „Nein. Es geht darum, das Richtige zu tun. Ich glaube nicht daran, dass sich jede gute Tat auszahlt. Ich erhalte hier viel Anerkennung, aber das ist nicht mein Antrieb. Ich mache das hier, weil es sich gut anfühlt und bei anderen Menschen ankommt.“
Das Richtige zu tun, diese Motivation trat mit Jans Vaterrolle in sein Leben. Drei Kinder hat er. Er selbst ist Scheidungskind, aufgewachsen in Winterhude und dem Schanzenviertel, ein waschechter Hamburger ohne feste Wurzeln – bis eben die Kinder kamen. Wie wird man ein guter Vater? Vielleicht, indem man Dinge verändert. Vor der eigenen Haustür. Indem man auf das Miteinander und dabei mehr als Zeichen setzt. Indem man Menschen zusammenbringt, damit etwas Gutes daraus wird. Für alle. Und indem man in der Situation bleibt, nicht durchs Leben hastet, sondern da ist. Vielleicht bedeutet das, Dinge mit ganzem Herzen zu tun.

Wieder so ein Vielleicht, aber wer kennt schon die Antworten auf Fragen wie diese. Am Ende zählen Taten. Jan Schierhorns Taten sind appetitlich-lecker in Glasflaschen verpackt und machen eine Menge Menschen glücklicher. Auch ihn selbst.

Seit der Gründung von „Das Geld hängt an den Bäumen“ hat sich das Leben des Unternehmers Schierhorn verändert. Seine Agentur Baudek & Schierhorn ist nach wie vor am Start. „Sie ermöglicht mir meinen Altruismus“, sagt er. Sehr viel seiner Zeit fließt in soziale Geschäftsideen. In „Das Geld hängt an den Bäumen“ und andere Projekte. Sein jüngster Coup: Gemeinsam mit der Barclaycard Arena hat er den Fame Forest gegründet. Dahinter verbirgt sich eine prominente Baumpatenschaft. Jeder Künstler, der in der Barclaycard Arena auftritt, erhält seinen eigenen Baum, inklusive Koordinaten und Namensschild. Smudo, Sasha, Fettes Brot, Samy Deluxe, Seeed oder die Söhne Hamburgs haben bereits einen. Wahl-Hamburger Atze Schröder fand die Idee so großartig, dass er kurz vor dem ersten Lockdown spontan die ganze Barclaycard Arena mit über 10.000 Fans auf einen Baum eingeladen hat. Passend dazu haben Schierhorn und seine Crew die Fame-Forest-Schorle entwickelt, die mit wechselnden Flaschenetiketten daherkommt und deren Erlös ins Projekt zurückwandert. Die ersten Schorlen ziert folgerichtig auch Atze Schröder höchstpersönlich. Eine runde Sache. Aktionen wie diese zeigen, welchen Impact sie haben, wenn die richtigen Menschen aufeinandertreffen. In Corona-Zeiten initiierte sein Freund und Podcaster An­dreas O. Loff eine Kooperation mit dem bekannten Künstler Paul Schrader, der dem 2020 verstorbenen Mitarbeiter Olaf ein malerisches Denkmal setzte. Das Bild hat ein Sammler ersteigert, zusätzlich prangt es als Etikett auf der Apfelsaft-Sonderedition, erhältlich in einer eigens dafür kreierten Holzkiste. Das spülte Geld in die Kasse des durch die Pandemie angeschlagenen Unternehmens. Machen, nicht lang schnacken. Bewegen, gestalten, sich nicht unterkriegen lassen. Denn wer glaubt, Schierhorn bekommt mit seinen Ideen nur Rückenwind, der irrt. Das Misstrauen gegenüber Menschen, die versuchen, ohne Gewinnabsichten ein Geschäft aufzubauen, das sei groß, weiß er zu berichten. Am Ende klappt das nur im Team und mit dem richtigen Spirit. Jan Schierhorn sieht sich da ein wenig als Gärtner, der Ideen pflanzt und erntet. „Ich möchte Biotope schaffen. In der Natur, in den Köpfen und in den Herzen der Menschen.“