Johann Scheerer

MUSIKPRODUZENT/CLOUDS HILL

Text: Regine Marxen Fotos: Julia Schwendner

DH2002_Titel_S.jpg

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 48

Trubel herrscht immer im Clouds Hill: 364 Tage im Jahr wird in den Räumlichkeiten im vierten Stock des alten Fabrikgebäudes in Hamburg-Rothenburgsort gearbeitet. Auch lautstark, wenn Musiker im Proberaum oder in einem der zwei Aufnahmestudios spielen, während in der Regie an großen Mischpulten am Sound gefeilt wird. Still ist es hier selten. Heute schon. Das Coronavirus hat das Clouds Hill zum Verstummen gebracht. Einzig „Die Ärzte“ hatten sich zu Beginn der Pandemie im Studio und der dazugehörigen Künstlerwohnung im Stockwerk darunter eingemietet, um in Ruhe in Quarantäne arbeiten zu können. Inzwischen sind sie abgereist. Ausgerechnet im Jahr seines 15. Geburtstags herrscht im Clouds Hill Ruhe. „Wir hatten einiges geplant. Aber wem verhagelt das Virus nicht die Pläne?“, fragt Johann Scheerer. Wir sitzen in der leeren Lobby seines Studios. Der 37-jährige Gründer und Inhaber wirkt gelassen und konzentriert zugleich. Er ist es gewohnt, genau zu überlegen, wie er Fragen beantwortet. Einfach einen raushauen? Lieber nicht. Vielleicht, weil er als Sohn Jan Philipp Reemtsmas schon früh im Licht der Öffentlichkeit stand. Auf jeden Fall aber behält er gern die Kontrolle. Über die Tonregler und in Interviews.
Die Frage, wie sich in Zeiten des Studiosterbens ein Tonstudio in dieser
Größe finanzieren kann, nervt ihn. „Ich betreibe dies hier so wie alle
Studioinhaber dieser Größenordnung, nach mehr oder weniger be-
triebs­wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Von großen Künstlern nehme
ich viel Geld, von Newcomern, die ich gut finde, weniger und in beson­deren Fällen sogar gar nichts. So machen es alle. Kein Produzent in dieser Größenordnung betreibt ein Studio, weil er damit reich werden will.“
Es geht also um Passion, um die Musik. Er selbst spürte diese
Leidenschaft bereits als Jugendlicher; mit seiner Schülerband „Am kahlen Aste“ gewann er mit 16 Jahren einen Talentwettbewerb. Unter dem Bandnamen „Score!“ ergatterte er kurze Zeit später einen Vertrag
bei einem Major-Label. Nach den Maßstäben der 90er-Jahre war ihr erstes Album zu wenig erfolgreich, um die Zusammenarbeit fortzusetzen. Johann wechselte auf die Produzentenseite. Einen Initialmoment hätte es da nicht gegeben, sagt er. Es kam, wie es kommen sollte.
Vor 15 Jahren begann er seine Reise mit dem Clouds Hill. Damals war das Studio gerade mal ein Viertel so groß wie heute. Stars wie Billie Eilish mögen ihre Platten daheim produzieren. Das Clouds Hill aber behauptet sich. Es ist und bleibt eine Erfolgsgeschichte.
Woran liegt’s? Johann Scheerer hat einen Ort geschaffen, der Musik zelebrieren will. Der internationale und nationale Stars von Mark Forster bis zu den „Beach Boys“ nach Hamburg zieht. Peter Doherty hat hier, mit Johann Scheerer, seine viel besprochene Soloplatte „Hamburg Demonstrations“ produziert. Und unbekannte Künstler können hier auch ihren Platz finden. In den letzten 15 Jahren haben Johann und sein Tonstudio sich zu einer festen Größe im Musikbiz entwickelt. Sein Aushängeschild: die stattliche Sammlung an analogem Musik-Equipment und Vintage-Instrumenten. Zum Beispiel die legendäre Neve 8068, die Console, mit der John Lennon sein letztes Album „Double Fantasy“ aufnahm. Nur eines von vielen Instrumenten und Tools mit Geschichte, die das Tonstudio am Billwerder Neuer Deich beherbergt. „Alles, was hier steht, soll auch benutzt werden. Das hat keinen musealen
Charakter“, sagt Johann.
Er selber arbeitet als Produzent weitestgehend analog. Weniger
wegen des Sounds – der würde von Künstler zu Künstler variieren – sondern wegen des Workflows, der einfach anders sei. So entsteht zum Beispiel die „Live at Clouds Hill“-Vinylreihe, die anlässlich des 15. 
Jubiläums digital veröffentlicht wird. Auch das kommende Solo-Album von Omar ­Rodríguez-López, der mit „The Mars Volta“ schon Grammys gewann, wird analog von Johann produziert werden. Das Clouds Hill ist eine Fundgrube an Inspiration für Künstler. Es hält die Außenwelt fern, alle, die hier arbeiten, werden gleich behandelt – unabhängig vom Ruhm, der sie da draußen umgeben mag. Wohl auch deshalb nannte Teri Gender Bender, Frontfrau der Band „Le Butcherettes“, das Studio „The Willy Wonka’s Chocolate Factory of recording studios“. Das gefällt Johann. „Willy Wonka ist ein sympathischer Nerd. Und er macht einfach die beste Schokolade.“ Er lächelt. „Und genau deshalb kann er sich auch die abgefuckte Fabrik leisten.“

Newsletter

Hamburg von seiner schönsten Seite.

Jetzt eintragen!