Schietladen

MALTE SCHREMMER – GOLDEIMR

Text: Regine Marxen | Fotos: Jessica Zumpfe, Laura Léglise, Daniel Siefert

DH2002_Titel_S.jpg

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 54

Am Anfang war der Durchfall. Krasser Durchfall, erzählt Malte Schremmer. Die wenigsten kommen in dieser eher unerquicklichen Lebenssituation auf gute Geschäfts­ideen. Malte schon. Während einer Projektreise in Ghana und Burkina Faso erwischte ihn die Diarrhö. „Erstmalig habe ich mich damals mit dem Thema sanitäre Versorgung auseinandergesetzt. Weil das dort gar nicht selbstverständlich war.“

Zu Hause kreisten seine Gedanken weiter ums große Geschäft. „Wo landet das Zeug eigentlich, wenn ich auf den Spülknopf drücke? Was wird aus den Fäkalien?“ Aus den Gedanken wurde eine Bachelorarbeit mit Praxistest; er positionierte ein Trockenklo mit Einstreu im eigenen Badezimmer, kompostierte das Ergebnis, brachte es im Garten bei den Eltern aus. „Die größten Sonnenblumen der Nachbarschaft wuchsen darauf.“ Fäkalien werden zu fruchtbarer Erde, ohne Chemieeinsatz, wasser- und ressourcensparend. Ein gesunder Wertstoffkreislauf. Mit dieser Erkenntnis kann man arbeiten.
2013, ein Jahr später, baute Malte gemeinsam mit vier Freunden zwei Trockentoiletten aus Holz. Sie kauften einen VW-Transporter und zogen mit ihren selbst gezimmerten, bunt bemalten Toilettenhäuschen über die Musikfestivals, um den Menschen die Idee vom Wertstoffkreislauf näherzubringen. Damals hätte man sie oft noch milde belächelt.

Die Lokus-Hippies, die für wenig Geld ein sauberes stilles Örtchen mit der Mädchenzeitschrift „Wendy“ zum Lesen und coolem Sound anbieten würden. Irgendwie schräg. Irgendwie auch gut. Mittlerweile ist aus zwei Trocken-klos ein ganzes Unternehmen geworden, und inzwischen machen Malte und seine Crew aus Scheiße Geld – für den guten Zweck. 2014 gründeten sie Goldeimer innerhalb des Viva-con-Agua-Kosmos. Der Kieler Malte kennt die Hamburger Trinkwasseraktivisten bereits länger, Vibes und Mission passen wie die Pommes zur Currywurst. Fortan besuchen sie immer mehr Festivals, rund 200 Ehrenämtler helfen ihnen, auf diese Weise bis zu 300.000 Menschen im Jahr die Idee des Trockenklosetts näherzubringen. „Um die 40 Tonnen Biomasse haben wir auf diese Weise produziert, die wir auf genehmigten Flächen zu Humus verarbeitet haben“, berichtet der 34-Jährige. Auf dem Gelände eines alten Recyclinghofs, direkt an der Bille, entstand so der rund 100 Quadratmeter große Goldeimer „Festival Forest“, liebevoll „der Kackewald“ genannt. Aufklärungsarbeit zum Anfassen: Wer hier vorbeischaut und durch die Pappeln spaziert, stellt fest: Die Sache stinkt nicht. Im Gegenteil, sie wächst.

Längst sind weitere Goldeimer-Produkte hinzugekommen. Eine Seife oder das Toilettenpapier, bedruckt mit lustigen Illustrationen, mit Seemännern und -frauen und markigen Sprüchen, die mit norddeutschem Humor das ernste Anliegen hinter dem Produkt erklären. Ein Teil der Goldeimer-Erlöse fließt in Projekte von Viva con Agua, ein weiterer in Sanitär-Projekte der Welthungerhilfe, um Menschen weltweit den Zugang zu einer gesicherten sanitären Versorgung zu ermöglichen: Das heißt, dass die Fäkalien nicht in der Umwelt landen und somit zu einer gesundheitlichen Gefahr werden können. „Das ist bei 3,6 Milliarden Menschen weltweit leider immer noch der Fall. Dort landen die Fäkalien im Grundwasser“, erläutert Malte. „Was viele nicht wissen: Durchfallerkrankungen sind immer noch Todesursache Nummer eins für Kinder unter fünf Jahren.

Das kann man sich kaum vorstellen. Genau deshalb arbeiten wir an der Sanitärwende. Für einen verantwortungsvollen und ressourcenschonenden Umgang mit Fäkalien.“ Große Pläne, und das in einem Bereich, der nicht wirklich populär ist. Wer redet schon gern über seinen Stuhlgang? Malte Schremmer sieht das eher sportlich. „Es bringt einfach wahnsinnig viel Spaß, mit diesem Thema zu hantieren, sich damit täglich auseinanderzusetzen und einfach daran zu arbeiten, das schlechte Image von Toiletten und menschlichen Fäkalien in ein positives Image zu transformieren“, sagt er grinsend. Er selbst hat sich übrigens den Titel „Chief Shit Advisor“ verliehen. Corona hat dem Unternehmen die Zeit gegeben, neue Ideen zu entwickeln. „Wäre die Krise zwei Jahre früher gekommen, sie hätte uns ruiniert. Wir haben dann aber den Fokus auf E-Commerce gelegt, haben eine komplett eigene Selbstbau-Serie entwickelt, also verschiedene Toiletten-Modelle für Kleingärtner.“ Das fände immer mehr Anklang, weil das Bedürfnis wachse, nicht auf Chemie-Toiletten oder Sickergruben zurückzugreifen. Auch das Klopapier verkaufe sich Jahr für Jahr immer besser. Auf elf engagierte Leute ist Goldeimer in den letzten Monaten angewachsen. Sie alle sind fasziniert von den Möglichkeiten, die sich aus dem Geschäft mit dem Geschäft ergeben.

„Wir wollen natürlich wachsen, wollen das aber nicht um jeden Preis. Unsere Idee bleibt, möglichst vielen Menschen den Zugang zu einer gesicherten sanitären Versorgung zu ermöglichen. Wie schafft man das? Indem man der größte Anbieter für Trockentoiletten wird? Oder indem man sein Wissen per Open Source zur Verfügung stellt? Grow gentle, wachse mit Demut, war immer unser Ansatz.“

Dass dieser Ansatz nicht ganz verkehrt ist, hat die Vergangenheit bewiesen. Goldeimer zeigt sich krisenfest, jetzt schaut das Team Richtung Zukunft. Chief Shit Advisor Malte ist darauf ein ganz kleines bisschen stolz. „Also ich glaube, hätte ich einmal den Future-Malte gesehen, vier Jahre nach dieser Gründung, dann hätte ich mir das vielleicht noch mal anders überlegt. Aber jetzt bin ich eigentlich ganz froh, dass wir das bis hierhin geschafft und durchgezogen haben. Dass wir das Ganze damals einfach ausprobiert haben und naiv drauflosgebaut haben.“