Hommage
an eine Villa

WILMANS PARK

Text: Simone Rickert | Fotos: René Supper

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 49

Die Gardinen der drei hohen Verandatüren bauschten sich im Wind, der durch den Park von der Elbe her aufbriste. Eine berühmte Pianistin spielte Lieder von Franz Liszt auf dem Bechstein-Flügel im großen Salon. Der Gastgeber hatte zur Premiere ihres Albums geladen. Ich fühlte mich ein bisschen wie auf einer Party des „großen ­Gatsby“, kannte fast niemanden und plauderte mich durch das Haus, der Gastgeber nannte es nicht Villa. Wir begegneten Michael Haentjes auf der Veranda, und es hätte mich nicht erstaunt, wenn er mich mit „Hello, old sport“ begrüßt hätte. So lernte ich dieses herrschaftliche Wohnhaus mit seinem besonderen Kulturgeist kennen.
Als ich hörte, dass es einen neuen Besitzer sucht, bat ich darum, es noch einmal sehen zu dürfen. Inzwischen war viel Seltsames darüber zu lesen. Nichts davon stimmte mit meinen Erinnerungen überein. Und tatsächlich wurde ich eingeladen. Freundlicher Empfang am schweren Eingangstor, hell und gastfreundlich das Erdgeschoss, im Atrium wurde mir sogar ein kleines Geheimnis eröffnet: Unter dem blauen Teppich liegt im Boden eingelassen ein blau-grün schimmerndes Wasserbassin, abgedeckt und leer, aber betriebsbereit. Bei der Instandsetzung vor Kurzem fand man dort eine steinerne Nymphe, die jetzt auf der Veranda dauerhaft frische Luft schnuppern darf. Das Haus ist voller kleiner Überraschungen: Der Lesende auf dem Portal der Veranda nickt freundlich seinen Gästen zu. Er ist einer der guten Geister, die diesem Ort Kulturgeist und Lebensfreude schenken. Oben um die Galerie hat seine umfangreiche Bibliothek Platz, davon abgehend gemütliche Zimmer, natürlich je ein Bad en suite, mit Blick ins Grüne. An dem schweren Schreibtisch auf der Empore möchte man sitzen und arbeiten, von dort aus jeden begrüßen, der das Haus betritt.
Von allen Seiten scheint die Sonne herein. Obwohl Architekt Walther Baedeker die Fassade hanseatisch grau gestaltet hat, ist es innen hell wie der römische Tempel, der als Inspiration gedient hat. Auftraggeber war 1920 der vermögende Schiffsassekuranzmakler Hermann Johannes Friedrich Witte, und der hatte offenbar Sehnsucht nach dem Süden. Auf den alten Plänen sieht es aus, als wäre sein Tempel gen Himmel offen gewesen. Dem Hamburger Wetter konnte dieser Traum vielleicht nicht trotzen. Es war ein Glück, dass wieder Baedeker es 1927 für den nächsten Besitzer umbauen durfte, den Rechtsanwalt Alfred Schüler. Er stockte eine Etage auf und versah das Dach mit einem wunderschönen Oberlicht im Stil des Art déco, der noch heute die Innengestaltung prägt. Von den Nachbarn wird das Haus „Villa Schüler“ genannt, denn die Familie lebte dort bis in die 1980er-Jahre. Nur relativ kurz, von 1991 bis 1998 bewohnte es Karl Lagerfeld und gab ihm, im Gedenken an seine große Liebe Jacques de Bascher, den Namen, unter dem es noch heute berühmt ist. Ein Parfüm taufte er ebenfalls wie die Villa auf den Namen „Jako“ und gab bei Markteinführung ein Fest, das dem eines Jay Gatsby wirklich in nichts nachgestanden haben soll. Die erstaunlich barocke Einrichtung des großen Karl ist heute durch modernes Designer-Interieur, Kunst und zeitgemäße Technik ersetzt. Die Küche wurde aus dem Souterrain nach oben verlegt und dient wie auf jeder guten Party als heimlicher Mittelpunkt des Hauses. Im Souterrain dafür zwei Wohnungen, die mit „Dienstboten“ wenig zu tun haben, jede hat sogar eine eigene Terrasse. Die Hauswirtschaftsräume auf dem neuesten Stand, die Zimmeraufteilung geradezu praktisch.
Im Garten kuscheln sich Skulpturen in die Rhododen­dron-Nischen, die anderswo im Museum of Modern Art stehen würden. Gut zwanzig Minuten braucht man für einen Rundgang durch den Garten: Die Terrassen herunter, links vorbei an der entzückenden Grotte aus Muschelkalk – die nun wirklich wie in einem antiken Theater – auf der Rückseite entlang über von Maiglöckchen gesäumte Pfade, um zum Eingang zu gelangen. Ein Abendspaziergang durch den eigenen Park mit Elbblick, wer hat das schon? Fehlt nur, dass eine grün beleuchtete Fahrwassertonne zum Abschied melancholisch blinkt, aber nein, die steht außer Sichtweite etwas flussabwärts.