Porträt –

Café Royal Salonorchester

 

 

AUTORIN: SIMONE RICKERT

FOTOS: CHRISTIAN RATING, MICHAEL DE BOER

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 39

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„Schucka Ziro!“ Auf Romanes, der Sprache der Sinti und Roma, heißt das „schöne Zeit“. Wenn man das Cafe Royal Salonorchester spielen sieht, ist klar, warum sie ihr letztes Album so genannt haben. Sie haben Spaß zusammen: Spaß am Spielen, Spaß am Leben. Seit gut zwölf Jahren machen sie Zigeuner-Swing, gern auch Gipsy-Jazz genannt. Derzeit erlebt diese Musik einen regelrechten Hype: temperamentvoll und fröhlich, manchmal wehmütig und melancholisch. Am besten wechselt sich das immer ab, wie im echten Leben. Dabei sind die beiden Cousins aus der berühmten Musiker-Familie Weiss, Bummel als Violinist und Baro Kako am Akkordeon. Sie riefen Clemens Rating an, der ist zwar kein Zigeuner, aber sie hatten gehört, wie leidenschaftlich er die Gipsy-Gitarre spielt  – mit Gefühl, Ausdruck und einer Sensibilität, die für diese Art Musik maßgeblich ist. Er gründete dann das Ensemble. Kako Weiss kam dazu, am Saxofon ein Star. Als Bassist spielt mit ihnen inzwischen Thomas Biller, einer der besten Hamburgs.


Wenn hier Musik zusammen gemacht wird, dann auf einem sehr hohen Niveau. Erstens, weil sie alle Top-Musiker sind: Die Familie Weiss sowieso, Gipsy-Jazz-Legende Django Reinhardt entstammte ihr übrigens auch. Zweitens steht der Beruf des Musikers in der Hierarchie der Zigeuner sehr weit oben. Clemens, der die Band managt, erklärt das so: 
„Das Ensemble versucht, die musikalische Tradition der Sinti mit orchestralen Elementen der Klassik zu erweitern. Das führt zu ihrem außergewöhnlichen, eigenständigen Klang.“ Das Cafe Royal Salonorchester besteht seit über zehn Jahren, keine Selbstverständlichkeit in diesem Genre. Ehrbarkeit und Zuverlässigkeit gelten sehr viel in ihrer Welt.


Aber wo ist die eigentlich, und darf man „Zigeuner“ sagen? Sie selbst benutzen das Wort ständig. Die beiden bandältesten Cousins sagen: „Klar, der Ton macht die Musik.“ Wenn es nicht abfällig benutzt wird, ist das in Ordnung. Andere Sippen sehen das anders, als Beleidigung – muss man wissen. Die Familie Weiss ist seit 170 Jahren in Hamburg sesshaft. Mit Unterbrechung während der Deportationen zur NS-Zeit: Da wurden sie sehr hinterhältig verraten. Die meisten der ungefähr 550 Menschen großen Community wohnen heute in einer beschaulichen Ring-Siedlung in Wilhelmsburg, die die Stadt ihnen erst in den 80er-Jahren als so etwas wie eine Wiedergutmachung zugestanden hat. Sie gehen ganz normalen Jobs nach, wie auf dem großen Recyclinghof der Familie Weiss. Die, die Musik machen, möchten neben der Freude auch eine Brücke bauen: zu ihrer Kultur, die sehr alt ist, streng evangelisch, sich aber der Moderne nicht verschließen kann. Die Kinder wahren die Traditionen, aber sie haben auch Smartphones, und nicht alle Mädchen tragen Röcke. Die Nicht-Zigeuner – auf Romanes übrigens „chale“ – lernen eine großherzige Welt der gegenseitigen Verbundenheit, des Respekts, der Liebe und der dazugehörigen Melancholie kennen, die es einem sehr warm ums Herz werden lässt.

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