Porträt –

Oldtimertankstelle

 

 

AUTOR: JÖRG FINGERHUT

FOTOS: TOMMY HETZEL

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 38

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Ich steige hinten in den grünen Peugeot 504 und muss mich natürlich nicht anschnallen. Noch während mein Großvater den Wagen anlässt, höre ich, wie sein Daumen zweimal schnell über den Feuerstein des Feuerzeugs fährt. Er inhaliert tief, spuckt Tabakkrümel der filterlosen Roth-Händle Richtung Fußraum und macht das Fenster vorn einen Spalt auf. Dieser Geruch und diese Geräusche sind für mich fest verknüpft mit einer Zeit, als man Autos noch an der Form der Karosserie unterscheiden konnte und vieles noch nicht ganz so eng gesehen wurde.

 

Heute sind die meisten alten Autos aus dem Alltag verschwunden. Formen und Farben der verschiedenen Hersteller haben sich über die letzten Jahrzehnte bedenklich angenähert, und das Straßenbild ist inzwischen ungefähr so abwechslungsreich wie die monoton sanft braune Strukturtapete meiner Großeltern damals.

 

Jann und Alex sind zwei, die nahe des Hamburger Großmarkts die Technik und Ästhetik dieser Zeit bewahren. Also nicht bedingungslos alles. Aber das Schöne und vor allem das Nachhaltige. Und das mit einer beeindruckenden Akribie. Die beiden betreiben seit 2011 die Oldtimer-Tankstelle, die inzwischen weit über die Grenze Hamburgs einen Namen hat und längst nicht nur Besitzern von Oldtimern ein Begriff ist. Das hat viel mit der unaufgeregten Selbstverständlichkeit zu tun, mit der die beiden die Kombination aus Kfz-Prüfstelle, Gastronomie und Oldtimer-Treffpunkt betreiben. Angefangen hat alles lange vor der Eröffnung ihrer Tankstelle, an der man (noch) gar nicht tanken kann. Da haben sich die beiden Schrauber Anfang der 2000er quasi auf der Straße kennengelernt. Sie wohnten beide auf St. Pauli, hatten beide ein paar Oldtimer, T2, Kübel – hauptsächlich VW – und sie hatten dieselben zwei Probleme:
1. keinen Platz zum Schrauben und 2. bei den Abnahmen ihrer Oldtimer regelmäßig TÜV-Prüfer, die weder Lust auf noch Ahnung von Oldtimern hatten. Punkt 1 konnten die beiden angehenden Maschinenbauingenieure gemeinsam recht zügig lösen. Punkt 2 war damals vielleicht die Keimzelle für eine Geschäftsidee, mit der sie sich inzwischen selbstständig gemacht haben. „Alex war dann irgendwann vereidigter Prüfer. Und wir wollten endlich eine Anlaufstelle für Oldtimerfans bieten, wo sie auf Augenhöhe mit dem Prüfer reden könnten. Und Gastronomie. Am liebsten in einer alten Tankstelle, das sind einfach oft echt schöne Gebäude“, sagt Jann, während wir am Schreibtisch von Alex sitzen, der wiederum eigentlich mitten im Verkaufsraum steht. Also der Schreibtisch. Von der Werkhalle mit Grube nur durch eine Glasscheibe getrennt. „Ja, und dann haben wir uns auf den Weg gemacht.“ Die Jungs haben eine Liste alter Tankstellen in Hamburg recherchiert und parallel festgestellt, dass Hamburg wohl auch deshalb ein guter Standort für diese Idee sein könnte, weil es hier die größte Oldtimerdichte in Deutschland gibt. Und so haben sie sich viele, viele alte Tankstellen angesehen. Aber entweder fehlte einfach der Platz, oder die
Substanz gab nichts mehr her. Bis sie 2008 an den Billhorner Röhrendamm kamen, wo in den Räumen einer alten Aral-Tankstelle eine etwas in die Jahre gekommene Werkstatt geführt wurde, dessen Pächter was anderes machen wollte.


Ein ziemlicher Volltreffer für zwei Überzeugungstäter mit viel handwerk­lichem Geschick. Sie machten sich an die Arbeit. Und zwar richtig. Denn es ging beiden immer darum, das Alte zu erhalten und niemals darum, etwas Neues auf alt zu machen. Sie sind fasziniert von der Technik der alten Autos, die – wenn man sie ordentlich pflegt und gelegentlich fachgerecht
repariert – eigentlich ewig hält. In genau diesem Sinn der Nachhaltigkeit haben sie das gesamte Projekt geplant und konsequent umgesetzt: Eine Restauratorin hat Farbe von den Wänden gekratzt und analysiert. Das betagte Blau-Grau an den Wänden im Verkaufsraum gibt es nämlich nicht im nächsten Baumarkt. Am Boden sind auch heute noch die alten Fliesen mit der blauen Raute zu sehen. Sie verraten, dass die Räume von 1954 bis zum Bau der S-Bahn-Hochbrücke in den 80er-Jahren von Aral genutzt wurden. Ansonsten aber dominiert das Bordeaux-Rot von Gasoline. Die alten Zapfsäulen und die Ölpumpen, die draußen stehen, haben Alex und Jann über die 18 Monate Restauration und Renovierung von verschiedenen Sammlern aus allen Ecken der Republik zusammengetragen.

 

Im ganzen Verkaufsraum gibt es eigentlich nur zwei Details, die offenkundig nicht ganz so alt sind wie der Rest. Das eine ist der Laptop auf dem Schreibtisch, das andere wollen wir nicht verraten. Auch das zweite Standbein haben sie mit derselben Nachhaltigkeit entwickelt: Die Gastronomie im vorderen Verkaufsraum will nicht schnell, billig und beliebig sein. Es gibt nur wenige Gerichte. Für die kommen mittlerweile ganze Redaktionen aus der Innenstadt oder Hafencity zum Mittagessen. Und nicht nur Oldtimerfans nehmen für die Thüringer Bratwurst am Wochenende gern einen Umweg in Kauf. Kulinarisch startet jeder Tag mit einem sehr frühen Frühstück, das vor allem Publikum vom nahen Großmarkt zieht. Und so haben Alex und Jann hier mit Kfz-Prüfstelle und kleiner Gastronomie innerhalb weniger Jahre einen Treffpunkt etabliert, der vielleicht auch deshalb so beliebt ist, weil man hier erleben kann, dass unser tägliches „höher, schneller, weiter“ definitiv nicht der Weisheit letzter Schluss sein muss.

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