Porträt –

Der Töpfer von Barmbek

 

 

AUTORIN: SIMONE RICKERT

FOTOS: CLAUS BRECHENBACHER

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 38

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Schön warm ist es, wenn man die Werkstatt betritt, die Brennöfen heizen ein. Es duftet nach frischem Ton, ein feiner weißer Staub liegt in der Luft. Um einen langen Tisch versammeln sich nach und nach junge Leute, schwatzen leise, legen ihre Kittel an und widmen sich dann konzentriert ihrer Arbeit: Vasen, Schalen, alles wird sorgsam vom Sockel an Schicht um Schicht aufgebaut. Christoph Hansing ist ein geduldiger Lehrer, erklärt uns die Handgriffe, schaut zu, bessert nach, bevor das weiche Gebilde unter unseren Händen in sich zusammenzufallen droht.

 

Nebenbei erzählt er, wie er schon als Schüler wusste, dass er Künstler werden will. Nur noch nicht genau, was er machen wollte. Um an die Kunsthochschule zu kommen, waren seine Noten viel zu schlecht. Aber mit einer Ausbildung würde er dort angenommen werden. Töpfer oder Steinmetz würde gehen. Die in Ohlsdorf haben ihn ausgelacht, der schlanke junge Mann würde die Schwerstarbeit keinen Tag durchhalten. Aber Töpfer, da gab es einen Meister in Ahrensburg, der erkannte schnell sein Talent. Auch das, den anderen Lehrlingen etwas beizubringen: Erfahrungen und neue Erkenntnisse weiterzugeben – so wie er es heute noch in seinen Kursen tut.


Seine Studienzeit prägte sein Professor Jan Bontjes van Beek. Nicht Öl oder Aquarell, die glasierten Mosaiksteinchen waren von Anfang an die „Farben“ für Hansings Gemälde. Er forschte, entwickelte eigene Rezepturen, las viel und hat über Jahre eine Strahlkraft in seine Farben gebracht, die man mit eigenen Augen gesehen haben muss. Jeder einzelne Stein wird aus Ton geformt, gebrannt, mit der perfekten Glasur betupft, wieder gebrannt. Allein die Steine für ein Gemälde in zig verschiedenen Schattierungen herzustellen, dauert viele Monate, wenn nicht Jahre. Dann werden sie Stück für Stück mit einer Pinzette nebeneinandergesetzt, sodass der auf Papier skizzierte Entwurf zum Kunstwerk wird.

Nachdem die Schüler die Werkstatt verlassen haben, führt Hansing uns durch die verwinkelten hinteren Räume seines Studios. Dort stapeln sich buchstäblich bis unter die Decke Schachteln mit fertigen Steinchen, sorgfältig nach Farben sortiert, Glasurmuster, Ton in Arbeit, bereit zum Brennen. Rohstoffe, Werkzeug und Papierrollen mit Vorzeichnungen. Und seine fertigen Werke. Hansing steigt auf den Tisch, um eine Deckenlampe auf das Werk „Sonne“ auszurichten. Es ist unglaublich, das Bild scheint aus sich herauszuscheinen, warm, golden, mit jedem veränderten Betrachtungswinkel wandert der Glanz über das Motiv. Unfassbar schön. Oder die filigranen Zweige, die den „Frühling“ in seinem Werk „Vier Jahreszeiten“ einfangen. Erinnert ein bisschen an den Pointillismus von Signac und van Gogh. Es macht einen still vor Ehrfurcht. Nicht nur wegen der wirklich unvorstellbar aufwendigen Arbeit. Es ist auch das Sinnbildhafte, die Abstraktion. Sein Versuch, die geistige Welt sichtbar zu machen:

 

„Manche Dinge lassen sich nicht in Worte packen.“

 

Hansing muss sich jedes Motiv wirklich genau überlegen, an einem Werk sitzt er schließlich Jahre. Ihn inspiriert die Natur und seine Religion. Die Ethik der Bahai prägt sein Leben, seit er seine Frau kennenlernte. Dreimal feierten sie Hochzeit: eine richtige Töpferhochzeit, dann im Standesamt, weil es sein musste, und dann die Trauung nach dem Brauch der Bahai. Ein riesiger Hochzeitsteller in seinem Atelier erinnert daran. Seine Frau war ebenfalls Töpferin und Grafikerin, sie starb vor einigen Jahren, er vermisst sie sehr.
Einmal kam ein Mensch von der Gewerkschaft. „Ein Stein, ein Euro“, schätzte er den Wert von Hansings Werken. Man kann sie schlecht alle zählen, aber wenn man die Farbmustertafel danebenlegt … die „Sonne“ wird aus circa
21 200 Steinchen bestehen. Obwohl, es müssen noch mehr sein, die Steine sind kleiner. Zwei seiner Werke hat er verkauft, aber leichten Herzens würde er sich nicht davon trennen. Sie stellen seine Entwicklungsgeschichte
als Mensch dar: „Ich wachse daran. Die Gedanken bei der Entstehung sind wichtig, sie sind das Fundament.“

In einer Galerie ausgestellt, vor weißer Wand mit guter Beleuchtung, würde seine Kunst unglaublich wirken. Einige Ausstellungen hatte er, aber so richtig zur Kenntnis hat sein Werk hier keiner genommen. Dabei liegt in den Hinterzimmern der Uhlenhorst ein wahrer Kunstschatz, wunderbarer als im Märchen. Die Schule ist ihm wichtiger, er hat sie 1967 gegründet. Sein Publikum sind seine Schüler, sie erleben die Entstehung mit. Grade arbeitet er am richtigen Gelb-Grün für sein neues Werk; es soll leicht werden, lebendig. Ein Gegenstück zur „verdammten Finsternis“ möchte er schaffen. Wie er sagt: „Man muss es wenigstens versuchen.“

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