Porträt –

Speichersiel Holztwiete

 

 

AUTORIN: SVENJA HIRSCH

FOTOS: JÖRG MODROW

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 38

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Durch ein Nadelöhr in den Hamburger Keller, wo eines der saubersten Trinkwasser Deutschlands entsteht. Da wollen wir hin, heute hier, Speichersiel Holztwiete, gemeinsam mit Both, Gesterling, Hübner, Hingst, Keusel und Krause, die Kolonne von Hamburg Wasser. Zwei Mann warten oben, während wir an Seil und Karabinerhaken gesichert nach unten steigen. Eine fette Lifesaver-Tasche tragen alle mit sich. Nicht ganz ungefährlich, das Unterfangen, der Abstieg. Ist man einmal unten, geht es nicht so schnell wieder hoch, sollte etwas passieren. Trotzdem: Fuß auf die erste Sprosse, ein schmaler Zugang mit noch schmalerer Leiter, senkrecht in die Tiefe. „Ordentlich nach hinten lehnen, sonst rastet der Karabiner ein, und es geht nicht weiter!“, ruft es von oben. Na gut, Gewicht ins Seil. Dann ist die erste Plattform erreicht. Ein Glück. Licht an den Wänden erhellt den riesigen, runden Raum, von dem man oben kein Stück sieht.


2002 wurde das Speichersiel Holztwiete unterirdisch gebaut, damit das Abwasser nicht mehr durch, sondern unter dem Jenisch Park entlanggeleitet wird. „Der Jenischpark war zu dem Zeitpunkt eine große Baustelle – der schönste Park Hamburgs, wie manche sagen!“, so Hübner, Referent der Bereichsleitung. Seit der Eröffnung 2004 fließt auf rund 750 Metern, parallel zur Holztwiete bis zur Elbchaussee, alles an Schmutz- und Regenwasser, was der Stadtteil gerade so über hat. Eigentlich wird das Wasser vom Pumpwerk Hochrad in das Transportsiel Altona befördert. Doch nicht immer schafft das Werk alles, obwohl bis zu 460 Liter Abwasser pro Sekunde durch die Rohre gepumpt werden können! Wenn das nicht mehr reicht, kommt das Siel Holztwiete zum Einsatz. 7200 Kubikmeter Abwasser passen hier rein. Wenn die aufgebraucht sind, bahnt sich das Wasser durch einen Überlauf den Weg in die Elbe. „Das passiert allerdings nur noch selten“, weiß Herr Lindermeyer. Er ist hier der Abwassermeister und verwaltet rund 800 Kilometer Sielstrecke, ordnet auch mal Putzen an! Muss sein, denn es landet einiges in den Sielen, was hier nicht hingehört.


Lindermeyer bleibt oben, während wir auf der ersten Plattform weiterlaufen. Ein paar Treppenstufen, dann ist das Siel zu sehen. Both leuchtet mit einem Strahler in den 3,50 Meter Durchmesser großen Gang. „Und, hast du ’ne Ratte gefunden?“, ruft Krause und die anderen lachen. „Das ist gar nicht mal das Schlimmste“, erklärt Both, „das Schlimmste sind die Kosmetikabfälle, die statt in den Müll einfach ins Klo geworfen werden. Die kommen hier alle wieder raus!“ Der Geruch ist dabei weniger schlimm als gedacht. „Aber gehen Sie mal in eine Kläranlage, ganz am Anfang, das ist eine andere Nummer!“ Was aus den Sielen kommt, hat bereits Regenqualität: Hier findet eine mechanische Reinigung des Wassers statt, sodass durch den Ausbau des Sielnetzes viel weniger Schmutzwasser in die Hamburger Gewässer fließt.

 

„In den 80er-Jahren wurde kaum gereinigt, Elbbadetage gab es da noch nicht, und auch die Alster war ein großer Moloch, da hätte niemand freiwillig auch nur einen Fuß reingesetzt!“,

 

sagt Both, während Krause eine Art Feuerwehrschlauch klarmacht, um das Siel vor möglichen Verstopfungen zu bewahren. Über die Schulter gehängt und losmarschiert. Ein Rumpeln und Zischen, der Schlauch spannt sich, Wasser marsch! Krause spritzt mit Wasserhochdruck den Schlick der Elbe von den Wänden gen Siel. Langsam kann man den Boden wieder sehen: rote Backsteine. Typisch. Das Siel selbst ist aus Beton gebaut, alles mit Plastik überzogen. So flutscht es besser. Auch bei Spaziergängen. „Hier macht sich regelmäßig einer lang, da muss man echt aufpassen!“
Aufgepasst wird zum Glück auch beim Spülvorgang: Wenn sich etwas eingestaut hat, geht der Schieber hoch, und das Elbwasser rauscht durch. „Aber vorher geht noch das Licht aus! Das dient der Sicherheit, denn wenn hier unten noch einer ist, würde der sich spätestens melden, wenn alles dunkel wird“, erklärt Hübner. Auch damit ist das Speichersiel Holztwiete eines der moderneren, mit dem in Hamburg schon seit den 90ern stetig am perfekten Trinkwasser gearbeitet wird. Seitdem gab es drei Überlaufprogramme: Unter das erste Sielnetz wurde ein zweites gebaut, und auch das Mühlenberg-Pumpwerk wurde erweitert, damit das Wasser nicht mehr über den Blankeneser Strandweg in die Elbe rauscht. Mit Erfolg:

 

„Hamburg ist heute die Insel der Glückseligkeit,
wenn es um Trinkwasser geht.

 

Auch, da hier die Eiszeit Spuren hinterließ: Ihretwegen befindet sich in den Erdschichten eine Tonschicht, die einiges von unserem Trinkwasser fernhält, was oben so auf den Boden geschüttet wird. Altona bezieht sein Trinkwasser sogar aus der Lüne­bur­ger Heide.“ Doch was so wichtig ist, hat durchaus Nachwuchsschwierigkeiten. „Der Altersdurchschnitt liegt bei
uns so um die 49 Jahre. Viele wollen lieber etwas mit Computern machen. Dabei sitze ich auch vor einem und kann sogar sehen, wenn eines unserer Siele mal überläuft“, erzählt Lindermeyer, nachdem wir wieder oben im Jenischpark angekommen sind. Rund 2000 Mitarbeiter sind bei Hamburg Wasser, die Hälfte ist für den Bereich Abwasser, die andere für den Bereich Trinkwasser zuständig. Heute ist alles in Bezirke unterteilt, die stetig
erweitert wurden, sodass es mittlerweile nur noch drei sind. Durch die Digitalisierung fallen auch hier Arbeitsplätze weg, trotzdem herrscht Fachkräftemangel. Die ganze Modernisierung habe aber auch ihr Gutes, meint Lindermeyer. So müsse wenigstens keiner mehr auf Knien durch die Rohre rutschen. „Das hat man früher gemacht, heute wird das Meiste von oben geregelt.“ Da macht die Reinigung, Kontrolle und gelegentliche
Problembeseitigung vor Ort gleich dreimal so viel Spaß! Wir steigen aus unseren weißen Anzügen und gelben Gummistiefeln. Eine Frau mit Hund kommt vorbei und schaut uns fragend an. Wenn die wüsste, was unter ihren Füßen so alles abgeht!

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