Porträt –

Felix Jud

 

 

AUTORIN: SIMONE RICKERT

FOTOS: RENÉ SUPPER

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 30

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Den Neuen Wall kann man schwerlich auf der linken Straßenseite hochlaufen, ohne vor den Schaufenstern der Buchhandlung Felix Jud hängen zu bleiben. Neue Bücher, antiquarische Bücher, feine Kunstwerke, sinnvoll zusammengestellt zu eigenen Geschichten: Gerade ist Pablo Picasso ein Fenster gewidmet. Ein großer, gerahmter Druck ist eben verkauft worden. Schön fürs Geschäft, hat aber eine Lücke in die Deko gerissen. Wilfried Weber steht also draußen im Regen und überprüft das schnell wieder komplettierte Arrangement. Heute gibt es nur noch wenige Buchhandlungen, die parallel zu ihrer Literaturvermittlung Kunst verkaufen.

 

Aber so abwegig war das damals nicht, in den 70er-Jahren, als Wilfried
Weber als frisch gebackener Teilhaber des Gründers Felix Jud damit anfing, Kunst anzubieten, und dem damals „Bücherstube“ genannten Laden eine neue Richtung gab. Er schwärmt für Künstlerbücher, also Bücher die von
einem Dichter und einem Maler gemeinsam gestaltet sind, während er mir formvollendet aus dem Mantel hilft und mit mir über die steile Treppe in den ersten Stock steigt. Picasso, aktuellerweise, habe großen Spaß daran gehabt oder Max Ernst. Im Antiquariat auf halber Treppe steht en passant ein Beispiel: ein schweres Buch von Sigmar Polke, Daphne, griechische Sagen, illustriert mit verfremdeten Fotokopien. Das Miteinander von
Bildender Kunst und Literatur hat eine lange Tradition, die am Neuen Wall 13 gepflegt wird. „Kultur ist der Begriff, in dem sich diese Dinge gemeinsam
finden“, meint dazu Marina Krauth, die mit Herrn Weber gemeinsam den Laden führt, und sich inzwischen auch zu uns gesetzt hat und nachlegt: „Und die Musik!“ Neulich haben sie Kent Nagano eingeladen, sein neues Buch hier vorzustellen. Oder Ulrich Tukur mit seinen Rhythmus Boys, die gleich die ganze Passage beschallten. Und da sind wir wieder bei dem wichtigen Punkt: das Miteinander. Man kennt sich und man mag sich. Der un­mittelbare Kontakt, wenn es sich um lebende Künstler handelt, erzählt Herr Weber, das habe schon Felix Jud angefangen: „Das lag in seiner Natur. Wir ahmen das nur nach, mehr oder weniger erfolgreich, aber es macht einfach Spaß, verstehen Sie?“ Sein Gesicht fängt allmählich an, dauerhaft zu strahlen. Ja, verstanden. Es ist unübersehbar, hier geht ein Mann in seiner Leidenschaft auf. Doch dazu später mehr.

 

„Ein Buch zu verkaufen, ist eben mehr, als eine Ware zu verkaufen.
Es ist der Geist, um den es sich hierbei handelt – das Wesen.“

 

Menschen zusammenzubringen, Künstler, Sammler und Leser, das ist die wesentliche Aufgabe der beiden. Goethe ist tot, aber der Maler Jochen Hein lebt eben – und Klaus Fußmann. Herr Weber klopft leise auf den asiatischen Arbeitstisch, an dem schon Felix Jud seine Besprechungen führte, um die Wichtigkeit dessen, was gleich kommt, hervor­zuheben: „Es ist mir eben auch wichtig, dass es bei einer Buchvorstellung mit einem Schriftsteller nicht bei dieser einmaligen Begegnung bleibt. Wenn es sich um Leute handelt, die man eben mag, deren Interessen man kennt. Golo Mann war eben auch Kunde hier, um nur einen einzigen Namen zu nennen. Oder Daniel Richter, der ja jetzt leider nach Berlin gegangen ist, war hier ganz regelmäßig, dann hat er da unten mit Frau Schult über Literatur in den verschiedensten Weisen gequatscht. Und sein Sohn, dieser hinreißende Knabe, hat hier oben solange in den Kinderbüchern geblättert. Und wir wussten genau, welche Kinderbücher er schön fand und was als Nächstes geschehen müsste …“


Nun ist dies kein Ort, wo nur Prominente und Intellektuelle ein- und ausgehen. Im Gegenteil. Wer einmal die schwere Holztür aufgedrückt hat, fühlt sich sofort wohl – sofern er es denn hat, mit den Büchern. Frau Krauth erzählt, wie neulich ein kleines Mädchen hereinkam: „Schon halb die Treppe rauf, rief es ganz aufgeregt seinen  Eltern zu: ‚Guckt mal, guckt mal, das ist ’ne richtige Buchhandlung!‘ Die Eltern hatten überhaupt keine Antenne dafür, das Kind aber war mit einer unglaublichen Begeisterung dabei. Vielleicht hat das damit zu tun, dass durch die zunehmende Nutzung des Internets dieses Hap­tische und das, was eine eigene Atmosphäre hat, seltener wird.“ Und Herr Weber erinnert sich an drei junge Mädchen, die hereinkamen und staunten: „Oooah, das ’is aber geil hier.“ Solche Geschichten bringen das Duo Krauth/ Weber zum Lachen, und dann kann man ein bisschen Stolz in ihren Augen sehen. Können sie ja auch sein, auf
einen Laden, den sie selbst als merkwürdig bezeichnen, und in dessen gediegener Atmosphäre sich Menschen wohlfühlen. Ihre Kolleginnen und Kollegen trügen viel dazu bei, betonen sie. Das Arbeitsverhältnis habe eigentlich familiäre Züge, jeder sei auf eine andere Weise ein bisschen verrückt, aber jeder eben auch beseelt.


Das meiste, allerdings nicht alles, in diesem Laden wäre auch online verfügbar. Aber was hier geboten wird, ist Orientierung in der Vielfalt. Eine unabhängige Meinung und – da kann man nun wirklich ehrfürchtig werden – eine schier universelle Fachkompetenz. Wie die alten Gelehrten mäandern die beiden im Gespräch von Goethes Faust zum Maler Delacroix oder beurteilen fachkundig Aquarelle großer Meister und den Zustand eines Straßburger Druckerzeugnisses von 1546. Reden können Sie über alles. Was beide ausmacht, ist, dass sie die Interessen ihrer Kunden kurzfristig zu ihren ureigenen machen. Herr Weber wusste zum Beispiel um Karl Lagerfelds Begeisterung für die Architektur Erich Mendelsohn. Auf einer Reise mit den Freunden der Kunsthalle nach St. Petersburg machte er Fotos einer gewaltigen, verfallenen Textilfabrik. Aus Spaß schickte er ein paar davon nach Paris. Seine Frau zeigte ihm später „irgend so eine Präsentation, neulich im Grand Palais, künstlich zer­borstene Industriearchitektur der 20er-Jahre. Es war Mendelsohn! Es war genau das!“ Er meint eine Moden­schau für Chanel, Haute Couture Winter 2013/2014 ! Inspira­tion ist einer der kostbaren Schätze dieses Ladens. „Aber es geht auch um Geld, um kaufmännisches Ri­siko, reich wird man dabei nicht“, holt uns Herr Weber auf den Teppich zurück. Warum machen sie dieses Geschäft? Es ist eine Leidenschaft – nun doch wieder. Eine Leidenschaft in zwei Stufen, definiert er. Die erste Stufe sei, dass man ein seltenes Buch oder Aquarell entdeckt und es haben will. Dann genieße man, beschäftige sich damit eine kurze oder längere Weile. Und jetzt sei Leidenschaft in der zweiten Stufe erforderlich. Da lachen sie beide verschmitzt. Jetzt müsse man eben versuchen, die eigene Begeisterung an der Sache zu übertragen, auf einen
anderen Menschen. „Sich lösen mit Leidenschaft!“, ruft Frau Krauth, und das Lachen füllt alle drei Stockwerke. „Man bleibt sozusagen in Bewegung“, ist das vorläufige Fazit von Herrn Weber. Aber eine ihm ganz wichtige Bemerkung muss noch fallen: „Man darf sich nicht zu ernst nehmen. Ohne Selbstironie, hat das hier alles gar keinen Sinn.“ Frau Krauth merkt das auch den Kunden an, die hier reinkommen, häufig unter Strom stehen: „Wenn die mitkriegen, hier kann gelacht werden, dann spürt man, wie eine echte Erleichterung einsetzt. Wenn jemand grimmig reinkommt, will ich es schaffen, dass der fröhlich wieder rausgeht. Nicht nur fröhlich, sondern auch mit ’nem Buch oder mit ’nem Bild!“

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