Porträt –

Le Vélo

 

 

AUTORIN: MARIETTE DUSCHER-MIEHLICH

FOTOS: DENNIS LÖFFKA

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 31

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Endlich. Es ist wieder zurück. Senad Sarac, der Inhaber des Vintage-Bike-Ladens Le Vélo, strahlt, ergreift den dynamisch geschwungenen Lenker wie zu einem festen Händedruck und schiebt das schmucke Stück – kirschrote Lackierung, goldene handlinierte Muffen, elfenbeinfarbene Reifen, schlanker Ledersattel – zurück in den Schoß seiner antiken Familie. Ein Jahr lang hatte sich der Volkswagen-Konzern das Porsche-Rennrad aus dem Jahr 1947 für sein Foyer ausgeliehen. Ohne Senad Sarac würde es immer noch in einem Keller vor sich hin schlummern. Seine Sammellei-denschaft für alte, ausrangierte Fahrräder aus den Jahren 1880 bis 1950 erweckte es wieder zum Leben.

Über 2000 historische Treter stapeln sich mittlerweile in Senad Saracs Garage. Darunter namhafte Marken wie Miele, Göricke, Harmonia, Armada, Mercedes, Opel, Adler, Bianchi oder Peugeot, hergestellt in Deutschland, Italien, Frankreich, Belgien, England, Schweden und Russland. „Das ist schon ein bisschen verrückt, hat fast Messie-Charakter“, gesteht der 36-Jährige. Aber er habe nicht anders gekonnt. Damals, als ein Reinigungskutter ein altes Fahrrad aus dem Elbe-Schlamm zog und er sich dachte: „Cool, das muss doch noch fahren können!“

Seit 18 Jahren sammelt der Hamburger mit bosnischen Wurzeln antike Fahrradteile. Egal, ob italienische Rennrad-rahmen aus den 1920er-Jahren, Fahrradleuchten aus Paris des Fin de Siècle oder Lenker von Schweizer Postfahrrädern aus den 1940er-Jahren, in Schuppen, Kellern oder auf Floh-­
märkten fand der ehemalige Fahrradprofi Einzelteile und Fahrräder aus vergangenen Zeiten. So führt das Sortiment durch die Geschichte des Fahrrads: vom Hochrad der Gründerzeit über Klingeln, Lenker, Lieferfahrräder bis zu Polizeifahrrädern. Immer wieder gelingt es dem fabelhaften Herrn Sarac, auch Raritäten zu bergen. Wie zum Beispiel Betriebsfahrräder der Lufthansa, mit denen früher von Gate zu Gate gefahren wurde oder Fahrräder des Altonaer Rathauses, die ehemals für die Mitarbeiter gedacht waren, aber dann auf dem Dachboden vergessen vor sich hin staubten.

 

Ehrfurchtsvoll streift Senad Sarac über ein französisches Stadtfahrrad von 1915 aus der Champagne, bei dem er im Lenker Champagnerkorken verbaut hat und darauf hinweist, dass die Rohre noch von innen gelötet sind – eine Technik, die mittler­weile ausgestorben ist, weil ohne Ende aufwendig. Doch:
„Wir sind kein Museum“, betont er. „Unsere Fahrräder sollen hundert Prozent fahren.“ So sind alle Unikate mit Rücktrittbremse, Drei-Gang-Naben­schaltung, Automatikgetriebe und in den alten Lampen mit LED-Licht ausgestattet. Auch ein tra­ck­ingfähiges GPS-System und ein Kabel zum Aufladen des Handys im Rahmen kann verbaut werden. Ein Le Vélo verbinde die Tradition des klassischen Fahrradhandwerks mit der modernen Technik, und das habe noch einen weiteren Vorteil: „Man kann es einfach nicht kaputt machen“, so Senad Sarac. Der Schwedenstahl mache die alten Fahrräder so unheimlich robust.

Senad Sarac schreckt vor nichts zurück. Alle Rahmen baut er auseinander, zerlegt sie in ihre Einzel­teile, röntgt sie, damit kein Haarriss unentdeckt bleibt, dann schleift er, versiegelt Hohlräume und behandelt mit Rostumwandlern sowie speziellen Stabilisierungslacken. Auch wenn ein Sattel bereits Moos angesetzt hat, und man denken könnte, das ist nur
noch Schrott, ist der Spross einer alten Leder­macher­familie aus Sarajevo überzeugt: „Das wirft man nicht weg. Das kann man reparieren!“ Sein Prinzip: Fahrräder für die Ewigkeit zu präparieren – unverwüstlich und zeitlos schön. „Ein altes Fahrrad ist wie ein Chanel-Kostüm. Das wird immer aktuell sein. Das ist einfach ein Klassiker“, ist Senad Sarac überzeugt, der jedes Detail mit seinen Kunden diskutiert, plant und realisiert. Der Kostenpunkt: ab 1000 Euro – je nach Seltenheit, Aufwand und den Extrawünschen.

Dafür ist von der kleinsten Messingschraube an alles reine Handarbeit. Nichts ist normiert, alles wird speziell hergestellt. Accessoires und das stilechte Zubehör sind ebenso handgefertigt. Flaschen­träger etwa, Tragegriff oder Rahmentasche, alles aus Leder, oder extra angefertigte Fahrradkörbe aus alten Weinkörben der 1920er-/30er-Jahre, die komplett auseinandergebaut, gewachst und mit Lederelementen wieder zusammengenagelt werden. Die Geschichte des Fahrrads und seiner Kultur, sie lebt. Dank Senad Sarac und seinen les vélos.

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