Ortsporträt – Rathaus

 

 

FOTOS: RENÉ SUPPER

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 41

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Die Schreckenskammer ist die Seele des Rathauses. Und wie jede andere Seele kann man sie nicht sehen. 
Versteckt hinter langen grauen Kellerfluren mit stanniolumwickelten Heizungsrohren, hinter einer goldenen Wasserpumpe, einem fensterlosen Pausenraum und vielen Stahltüren liegt die Seele im Dunkeln verborgen: als ein unverputztes Backsteingewölbe voller Geister. Bäcker, Zimmermann, Seeleute blicken hier grau und stumm auf den Boden, Ritter, Bischöfe und Könige in die 
Ferne, ein Wildschweinkopf zur Decke. Eulen flattern 
im Regal, Komponisten sinnieren am Boden über den Staub auf ihrem Kopf, Rauschebärte mit und ohne Halskrause, Frauen mit entblößter Brust, Adolf Hitler und andere abgeschlagene Köpfe zeigen die verflossene Welt in einer Krypta der Macht. 


Die Damen, Herren und Tiere, die hier im abgebröckelten Zustand oder als Torsi eine zeitlose Gemeinschaft bilden, wirken in diesem morbiden Zustand tatsächlich 
wie eine historische Geisterbahn, die den Namen 
„Schreckenskammer“ verdient. Dabei sind diese lädierten Gipswesen die Astralkörper einer sehr großen Erzählung vom Guten (wenn man Adolf Hitler mal ausklammert). Konzipiert hat sie vor rund 140 Jahren Martin Haller. 
Als Leiter eines Kollegiums aus sieben Baumeistern, die das beim großen Brand von 1842 gesprengte alte Rathaus nach 55 Jahren endlich durch ein neues ersetzen durften, entwarf Hamburgs prägender Architekt der Kaiserzeit ab 1876 den riesigen Bürgerpalast als Roman einer neuen Verfassung. 


Denn erst im Jahr 1860 hatte der Patrizierstaat sich eine förmliche Konstitution gegeben, und Hallers 
Vision für den Regierungs- und Repräsentationsbau an der Binnenalster war es, Geist, Grundlagen und Gebote dieses Papiers in dem gesamten Gebäude symbolisch zu verkörpern. Männer als Tatmenschen in Berufskleidung, Frauen als Allegorien mit offen zur Schau getragener Sinnlichkeit, Tiere und mythologische 
Gestalten als Symbole, Dekor oder Karyatiden definieren 
nahezu jeden öffentlich zugänglichen Ort des Phoenix-Rathauses als Erzählung. 
Von der Stadtgöttin Ha

mmonia über dem Eingangsportal zu Gevatter Tod, der die Glocke in der Rat-hausdiele schlägt, von den weiblichen Allegorien für „Gnade“ und „Gerechtigkeit“, die das Senatsgehege bewachen, zu Xanthippe und König Blaubart, die als Warnung das Hochzeitsportal im Hof schmücken, von den goldenen Tugendriesinnen und -riesen, die im großen Festsaal von den Besuchern „Fleiß“, „Weisheit“, erneut „Gerechtigkeit“ und „Stärke“ fordern, bis zu den Schnecken, Spinnen und Schmetterlingen, die den Torbogen vor der Senatstreppe zum Pflichtstopp jeder Kinderführung machen, ist dieses Rathaus ein dickes steinernes Märchenbuch über Tugend, Sitte und Moral im 19. Jahrhundert.
Die Geister dieses beredten Bauschmucks sind in ihrem ganzen romanesken Reichtum bestattet in der Schreckenskammer. Hier finden sich die gipsernen 
Modelle der Büsten von gelobten Bürgermeistern, die man oben in den opulenten Prunksälen aus Marmor wiederfindet, oder die idealisierten Berufe, die in Sandstein auf der Fassade ihren Platz gefunden haben – vom grimmigen Steuermann auf der Schauseite zu dem Löffel abschleckenden glücklichen Gesellen, der im Hof 
über dem Küchenfenster des Ratskellers angebracht wurde. 


Aber hier unten lehnen auch diverse unfertige oder ausgewechselte Gedenktafeln an der Wand, die an die Opfer der Weltkriege oder des Hamburger Sülzeaufstand von 1919 erinnern. Und auch deren Spuren aus unruhigen Zeiten finden sich oben in den Prunksälen: etwa als Einschusslöcher in zwei Kronleuchtern oder auf dem riesigen Gemälde im Bürgermeistersaal, das den Einzug ins neue Rathaus zeigt – genauer bärtige Männer 
in den alten schwarzen Prunkroben mit Halskrause nach spanischem Vorbild, die bald danach als Ornat der „hochweisen“ Senatoren abgeschafft wurden. Die dicken Stoffe konnten nämlich nicht gereinigt werden und „müffelten“ bald, wie der Hamburger sagt.
Natürlich ist die ideale männliche Fantasiewelt, die im Hamburger Rathaus mit hHunderten Statuen, Reliefs, 
Wandgemälden und Tafelbildern, Schnitzwerk und Lederprägung von der Freiheit des Hansebürgers und seiner edlen Gesinnung erzählt, keineswegs vollkommen. Von Barrierefreiheit konnte Martin Haller natürlich noch nichts wissen. Körperlich Behinderte werden folglich seit der Eröffnung 1897 die Prunktreppen hochgetragen. 
Heute übrigens aus Gründen des Denkmalschutzes, denn man kann das romantische Gesamtkunstwerk im Geist fürstlicher Schaulust ja nicht mit Außenaufzügen oder Treppenliften verschandeln. 


Und auch an der Sanitärfrage zeigt sich, dass mit dem stolzen Lobgesang, den dieses Rathaus in jedem Winkel anstimmt, eigentlich nur der Herr der Schöpfung sich selbst gemeint hat. So gibt es im Senatsgehege keine 
Damentoilette, weil Frauen damals sowieso nicht wählen, 
geschweige denn regieren durften. Erst nach langen Emanzipationskämpfen und dem Ende des Kaiserreichs 1919 konnte das „schwache“ Geschlecht in Hamburg mitbestimmen. Und es dauerte noch einen Weltkrieg länger, bis das Heer der kalten Allegorien auf Senatsseite durch eine Frau aus Fleisch und Blut ergänzt wurde. Nach 730 Jahren Männerherrschaft nahm im Jahr 1946 mit der 
Sozialdemokratin Paula Karpinski erstmals eine 
Politikerin auf einem der schweren Stühle in dem 
hölzernen Ratszimmer mit dem prunkvollen Baldachin über den Bürgermeisterstühlen Platz. 


Auf eine Bürgermeisterin wartet die Stadt allerdings bis heute (abgesehen von einer 14-tägigen Interimszeit ohne volle Machtbefugnisse, als Katharina Fegebank dem Senat vorsaß, nachdem Olaf Scholz als Finanzminister 
nach Berlin gewechselt war). Auf den etwas niedrigeren Stuhl für das Bürgermeisterstellvertreteramt am Kopf des Hufeisentisches, an dem der Senat jeden Dienstag ab 11.30 Uhr tagt, schafften es aber immerhin schon sechs Frauen. Und in der Bürgerschaft, die auf der linken Seite des Rathauses ihr Refugium hat mit eigener Prachttreppe 
und dem Plenarsaal, aber ohne die unbescheidene 
Grandezza der senatsseitigen Säle, erreicht die Gleichberechtigung schon den Pegel von 39 Prozent, inklusive der Leitungsposition. Bügerschaftspräsidentin ist seit 2011 eine Hammonia, Carola Veit.
Aber auch auf der Parlamentsseite raunt die Seele aus dem Keller mit Zeichen, diesmal ihr schwarzer Teil. Die kunstvoll bemalten Wände des Plenarsaals wurden in Adolfs Volksdiktatur, in der das Volk nichts zu melden hatte, 
weiß übertüncht, und in die silbernen Lampen auf 
dem nutzlosen Parlamentsflur hämmerte das emsige Nazivolk kleine Hakenkreuze. Die Vorgeschichte der Wandbemalung kann man heute an zwei freigelegten Ecken wieder erahnen (nur nicht die hier mittlerweile 
sitzenden Abgeordneten der AfD, denn die haben noch nie was vom Dritten Reich und seinem Zerstörungswerk gehört). Und auf die Swastikas der Wandlampen 
wurde nach 1945 einmal kräftig mit dem Rundhammer geschlagen. 


Die Basreliefs jüdischer Banker, Richter und Wissenschaftler wie Salomon Heine, Gabriel Riesser und 
Heinrich Hertz an den wuchtigen Säulen in der Rat-hausdiele, die von den Antisemiten sofort abgeschlagen wurden, sind dagegen wieder da – wenn auch ästhetisch deutlich unterschieden von den unbeschädigten Steinmedaillons, mit denen von Hallers Steinmetzen einige verdienstvolle Männer und an einer Frauensäule sogar fünf Wohltäterinnen geehrt wurden.
Zeitwandel hat es in diesem durchkomponierten Stück Operetten-Historismus mit seinem Stilgemisch aus Mittelalter, Renaissance und Klassizismus natürlich schwer. Die Gewichte der 1895 fertiggestellten Rathausuhr mit ihren großen Messingzahnrädern werden jeden Dienstag noch von Hand hochgekurbelt. Unternehmen 
für Reparaturen zu bekommen, ist mittlerweile für alle Bereiche schwer, etwa wenn für den zweiten Festsaal, den Kaisersaal, wieder ein Teppich aus einem Stück gefragt ist. Und für den Schwund an silbernen Mokka-Löffeln, die alljährlich bei der seit 1356 veranstalteten Matthiae-Mahlzeit im Festsaal eingesackt werden, 
müssen stets identische Teile mit dem Staatswappen angeschafft werden.
Gegenwart findet nur Einzug hinter die Kulissen. Und dann auch nur in Verrenkung mit dem Alten. 
So ist im nüchternen Arbeitszimmer des Bürgermeisters 
zwar inzwischen eine schlanke schwarze Holzmöbelgarnitur eingezogen (über die ein Bild von Nelson 
Mandela wacht). Aber die Stühle um den modernen Konferenztisch sind noch immer Burgsaalkracher vom Gewicht eines Kleinwagens. Und auf den Dachböden und Zwischengeschossen des Demokratenschlosses, 
das mit 650 Räumen mehr Zimmer hat als der 
Buckingham-Palast, lagern alte Ausstellungspanele 
und banale Büromöbel für die circa 100 Angestellten, die im Rathaus arbeiten. Doch dort riecht es dann nach dem Staub von 120 Jahren.


Fast so alt ist auch der berühmteste Geist des Hamburger Rathauses, die unsichtbare Seele im 
großen Festsaal. Auf den großen Wandgemälden, die der Rathausmaler Hugo Vogel ab 1902 mit Szenen aus der Urgeschichte der Stadt geschmückt hatte, segnet ein Bischof das Nichts. Eigentlich kniete an der Zielstelle einmal ein Heide. Aber, so befand der Senat: Ein Hamburger kniet nicht! Also musste Vogel das Stolzproblem eliminieren für den Preis eines Spuks. Die Geister in der Schreckenskammer haben dazu sicher Beifall geklatscht. Auch unter ihnen kniet 
niemand. Die Seele des Rathauses mag verstaubt sein. 
Unterwürfig ist sie nicht.

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