Porträt –

Jan Sperhake

 

 

AUTORIN: SIMONE RICKERT

FOTOS: TOMMY HETZEL

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 41

» MAGAZIN BESTELLEN

Es ist noch recht früh am Morgen, als wir in den sogenannten Keller heruntersteigen. Hier finden die Obduktionen statt, Büros und Labore liegen in den oberen Stockwerken des freundlich hellen Zweckbaus am Rande des UKE-Campus. Eigentlich ist es hier mehr ein Souterrain: Ein Verbindungsgang zwischen den Sälen hat Fenster zu einem gepflegten Garten. 100 Kühlfächer säumen die Wand, oft sind alle belegt. Heute wurde hier noch nicht gearbeitet, es riecht nur mittelstark nach altem Fisch. 


Professor Jan Sperhake reicht mir einen langen grünen Kittel, der ist hier aus hygienischen Gründen auch für Besucher Pflicht. Von den Gummistiefeln, die ebenfalls meterweise bereitstehen, brauchen wir aber im Moment noch keine. 20 Ärzte praktizieren und forschen hier, plus technisches Personal: MTAs, PTAs, Präparatoren und Sektionsgehilfen, Schreibkräfte und Verwaltungspersonal. Die meisten ihrer Patienten sind schon tot.

Aber nicht alle. 


Die Aufgaben des rechtsmedizinischen Instituts sind vielfältig. Und es ist überhaupt nicht so wie im Krimi. Hier erstehen keine Hologramme von längst Verstorbenen über gläsernen Seziertischen. Und es gibt auch nicht den einen Chef, der immer bereits vor dem Kommissar am Fundort der Leiche ist und den Fall quasi schon gelöst hat. Es stimmt, dass Polizei und Staatsanwaltschaft die Hauptauftraggeber sind. Viele unklare oder nicht natürliche Todesfälle aus dem Raum Hamburg, Teilen von Niedersachsen und Schleswig-Holstein, werden hier untersucht; mit dem Ziel, Todesart und Todeszeitpunkt so genau wie möglich festzustellen, um ein mögliches Verbrechen aufzuklären oder auszuschließen. Auch private Auftraggeber gibt es: Wenn die Polizei nicht von Fremdverschulden ausgeht, die Angehörigen aber trotzdem wissen möchten, woran die Person gestorben ist. Oder Berufsgenossenschaften und Versicherungen. 


Im Jahr sehen sie hier rund 4000 Verstorbene an, davon werden rund 1300 obduziert. Erst wird die sogenannte äußere Leichenschau vorgenommen, die gesamte Körperoberfläche betrachtet: Manchmal wird eine Röntgenaufnahme oder eine Computertomografie gemacht, um Lufteinschlüsse oder Knochenbrüche zu entdecken, und das Skelett am Computer in 3-D betrachtet. „Das wirkt vielleicht am ehesten wie die Science-Fiction im Fernsehen, ist aber wichtig für die Dokumentation des Falles“, zeigt uns der Professor am Beispiel. Wenn bei der Staatsanwaltschaft der Verdacht auf justiziables Fremdverschulden besteht, wird die Obduktion angeordnet, die innere Leichenschau. 
Vor Betreten des Obduktionsraums gibt er noch Tipps, wie man eine aufkommende Ohnmacht rechtzeitig erkennt. Dann wird der erste Körper geöffnet. Organe werden entnommen, gewogen, austretende Köperflüssigkeiten aufgefangen, gegebenenfalls analysiert, zweimal hingeschaut: „Man kann auch Läuse und Flöhe haben“, sagen die Mediziner gern und meinen, es gibt noch eine andere Krankheit als die offensichtliche. Gelegentlich wird erst dadurch bemerkt, dass ein Tötungsdelikt vorliegt. Diese Art von Erfolgserlebnis mag Sperhake. Auch wenn es selten ist. Die meisten Delikte sind banal. Mann auf offener Straße mit 20 Messerstichen niedergestreckt: „Das ist dann wirklich Erbsenzählerei, muss alles ausgemessen und fotografiert werden – das dauert.“ Auch wenn sie zu einem Fundort gerufen werden, ist das selten ein telegenes Penthouse, eher schlicht, vermüllt und siffig. Zwischen 20 und 30 vollendete Tötungsdelikte werden in Hamburg im Jahr verübt. 


Wenn nachts bei den diensthabenden Ärzten das Telefon klingelt, 24 Stunden Bereitschaft, dann ist der häufigste Grund, dass die Polizei ein Sexualvergehen vermutet, das dann ad hoc zu untersuchen ist, weil die Spurensicherung schnell erfolgen muss. Das Institut hat eine Ambulanz, Anlaufstelle für die Lebenden: Opfer von Schlägereien, Frauen nach 
sexuellen Übergriffen. Auch Kinder werden hier zur Untersuchung vorgestellt, oft von den Jugendämtern oder den Eltern selbst. Nicht alle erzählen die Wahrheit. „Wir müssen ständig damit rechnen, angelogen zu werden.“ Die Rechtsmediziner müssen dem mit einem unverstellten Blick begegnen, aber auch mit Empathie. Schließlich haben alle Patienten hier gemeinsam, dass sie Verletzungen tragen. Auch wenn unter ihnen nicht nur Opfer sind, sondern auch Täter oder zumindest Verdächtige. Eine Reihe Kollegen ist auf die Untersuchung von DNA-Spuren spezialisiert, andere wiederum auf die Toxikologie, sie untersuchen Gewebeproben auf Giftstoffe und machen im Auftrag der Polizei übrigens auch die Blutuntersuchungen alkoholisierter Autofahrer. 


Es gibt viel Schreibtischarbeit. Rechtsmedizin ist ein sprechendes und schreibendes Fach, sie muss gut vermitteln können. Was Ärzte unter sich reden, in ihrer Kunstsprache, muss man den Patienten erklären. Bei Gericht muss das Gutachten jeder verstehen, der nichts von Medizin weiß. Professor Sperhake macht es gern, er findet, das hat eine gewisse Parallele zur journalistischen Tätigkeit, die ebenso spezielle Geschichten verstehbar macht. Sein Lehr- und Forschungsschwerpunkt sind Kinder. Über den gefürchteten plötzlichen Kindstod hat er habilitiert, Schütteltrauma, Kindesmisshandlung. Ende der 90er-Jahre half er in Bosnien, Kriegsverbrechen an Toten in Massengräbern nachzuweisen. Nach der Tsunami-Katastrophe in Thailand identifizierte er Leichen. Seit sieben Jahren gibt es ein Kooperationsprojekt mit der Universität von Kigali in Ruanda. Ein Gastarzt von dort ist momentan zur Fortbildung in Hamburg. Nach dem Genozid 1994 legt die Regierung Wert auf die Ausbildung von Rechtsmedizinern, die zur Aufarbeitung von Schuldfragen beitragen und somit auch den Hinterbliebenen einen wichtigen Dienst leisten. 
Das Grauen in hoher Stückzahl. Sperhake begegnet dem mit einem professionellen, objektbezogenen Zugang zum Verstorbenen. Doch es gibt Bilder, die hätte auch er lieber nicht gesehen. Ein kleines Mädchen mit zertrümmertem Schädel, vor Zeugen von einem Eiswagen überrollt. Wenn ein Baby vor ihm auf dem Tisch liegt, dem er mit Messern zu Leibe rücken muss … 


An der Wand hängt eine Uhr, man hört sie ziemlich laut ticken, wenn sich eine Gesprächspause ergibt, so wie jetzt. Wie kommt man dazu, sich für diese Fachrichtung zu entscheiden? Was hilft einem dabei, zur Arbeit mit meistens toten Menschen die notwendige Distanz zu wahren? Es gibt Kollegen, die wissen schon vor dem Studium, dass sie in diese Richtung gehen wollen. 
Bei Professor Sperhake war das nicht so, er lacht und kann sich auch nicht erinnern, während des Studiums eine Vorlesung zu dem Thema besucht zu haben. Eigentlich wollte er Hausarzt werden, am liebsten auf dem Land. Erst im Examen fand er die Fragen zu einem unheimlichen Toten am Waldrand irgendwie besonders spannend. Auch das klinische Arbeiten, mit all seinen ritualisierten Aspekten, das Weißkitteltum, die Visiten, war nicht so seins – wobei er überhaupt kein menschenscheuer Typ ist. Er hatte gehofft, eine Fachrichtung mit relativ geregelten Arbeitszeiten gewählt zu haben. Aber das ging total nach hinten los. Mit 27 fing er am UKE an, 80 oder 90 Stunden die Woche, auch nachts:

 

„Dass unsere Patienten warten können, hören wir häufig. Das stimmt.

Aber unsere Auftraggeber nicht.“

 

Auch von seinen Befunden hängt ab, wie schnell die Polizei weiter ermittelt. Seit er Oberarzt ist, hat er eher Supervisionstätigkeiten, erstellt Gutachten, unterstützt wissenschaftlich. Bereitschaftsdienste sind nicht selten, aber für die jungen Kollegen ist das ganz anders. Da klingelte ständig das Telefon, man weiß nicht, ob Tag oder Nacht ist. Er hat nicht rechtzeitig gemerkt, dass es zu viel wurde. In einer besonders stressigen Phase, ein oder zwei Tage vor der Geburt seine Tochter, sie ist jetzt 19, wurde bei ihm eine Tuberkulose festgestellt, eine anerkannte Berufskrankheit. Da hat er unter anderem die nächtlichen Blutuntersuchungen sofort an den Nagel gehängt. 
Es gibt viele medizinische Bereiche, die er persönlich belastender findet, die Arbeit auf einer Kinderkrebsstation zum Beispiel: „Die Leute, die wir hier unten sehen, sind zwar teilweise schrecklich zugerichtet – aber die sind tot! Ganz simpel.“ Der grüne Kittel, den wir am Ende unseres Besuchs ablegen und in den großen Wäschekorb schmeißen, ist für ihn auch so etwas wie ein „Schutzmäntelchen“, eine Schutzhülle für die Psyche. Und wenn es besonders schlimm gerochen hat, einige Hundert hochverfaulte Leichen bekommen sie im Jahr, dann geht auch der abgeklärte Professor Sperhake duschen, denn der Geruch nach Gülle und totem Tier setzt sich schnell in den Haaren fest. 


Wenn er nach Haus kommt, guckt er selten Krimis. Den Münsteraner „Tatort“ mit Rechtsmediziner Boerne, gespielt von Jan Josef Liefers, findet er ganz originell, guckt ihn manchmal mit seinen Studenten zusammen. Einen Tipp hat er aber für uns: Keigo Higashino, japanischer Autor: „Wahnsinn, intelligent, völlig anders als das ewige deutsche Strickmuster.“

Newsletter

Hamburg von seiner schönsten Seite.

Jetzt eintragen!