Porträt –

Single & Twin

 

 

AUTOR: JÖRG FINGERHUT

FOTOS: TOMMY HETZEL

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 39

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„Irgendwann hab’ ich gemerkt, dass es echt nicht mein Ding ist, auf die Kinder fremder Leute aufzupassen“, sagt er, und wir winden uns durch die Motorräder, gehen hinter den Tresen zur Kaffeemaschine. Unter der Decke hängt ein großes Aggregat, das eigentlich warme Luft machen soll. Wenn es an ist, versteht man sein eigenes Wort nicht. Deshalb ist es kühl, aber angenehm ruhig in seinem Laden. Jörg geht zu einer stattlichen Sammlung von CDs, die in einem alten Holzregal neben den Elementen einer alten Hi-Fi-Anlage stehen, und legt feinen Swing auf.


Er hat bereits zehn Berufsjahre hinter sich, als er feststellt, dass Erzieher nicht sein Traumjob ist, und sich auf das besinnt, was er gern macht. Und am liebsten hat er auch damals schon Motorräder auseinander- und wieder zusammengebaut. Insofern war ein Maschinenbau-Studium ziemlich konsequent. Das war in den Achtzigern in Berlin. Danach hätte er sicherlich ganz viele Jobs machen können. Aber er wollte beruflich eben wirklich das machen, was er auch sonst am liebsten mag und macht. So hat er als Ingenieur die Schrauberei 1994 zu seinem Beruf gemacht und mit Niemeyer’s klassische Motorräder ein Geschäft in Berlin eröffnet. Das lief bis Mitte der 2000er auch sehr gut. Bis er erst ein wenig – und später immer mehr – in Hamburg war. Erst regelmäßig wegen der Liebe. Und dann ab 2008, als einer von ursprünglich zwei Partnern des Single & Twin aufhörte, auch dauerhaft. Seit einigen Jahren ist Jörg dort alleiniger Inhaber und nach fast 25 Jahren am Markt einer der allerersten Ansprechpartner für die Freunde alter, britischer Motorräder in Deutschland.


Der Laden im Portugiesenviertel liegt unprätentiös im Souterrain eines schönen Altbaus, kein Bling-Bling, nur ein paar dezente Schilder an den grünen Türen. Unten ist es verwinkelt. Das Single & Twin – halb Werkstatt mit Lager, halb Verkaufsraum – wirkt etwas kleiner, als es eigentlich ist. Besucher sind sich am Eingang manchmal nicht ganz sicher, ob es wirklich ein Geschäft, eher ein Museum oder doch eine private Schrauber-Garage ist. Es klingelt. Jörg ruft kurz und laut: „Ist offen!“ Und wartet. Jemand nestelt an der Tür, klingelt wieder. „IST OFFEN!“ Er schmunzelt gerade so, als hätte er die Situation schon mal erlebt.
Nach ein paar Sekunden stakst ein Pärchen die Treppe hinunter. Benimmt sich, als wollte es besonders ruhig und unauffällig sein. Jörg wirkt kurz so, als müsste er wieder auf Kinder von fremden Menschen aufpassen.
Schrauber wie Jörg, die auf dem Level alte Briten (und gelegentlich natürlich auch andere Oldtimer) reparieren und restaurieren, gibt es nicht mehr viele. Vielleicht fünf in Deutschland? Mehr sind es nicht. Und das, was Jörg mit den ganzen britischen Motorrädern macht, hat oft nichts mehr mit banalem Schrauben zu tun. Das ist eigentlich Kunst.

 

„Weißt du“, sagt er, „kaum ein Projekt hier geht auf dem kürzesten Weg von A nach B. In einer Werkstatt machst du normalerweise einen Termin, dann werden ein paar Teile bestellt, pünktlich geliefert und nach ein paar Tagen bekommst du dein Schätzchen zurück. Hier funktioniert es oft anders – vor allem bei den größeren Projekten.“ Einige Maschinen, wie die wunderschöne T100 von 1946, stehen mit Unterbrechungen zwei oder drei Jahre bei ihm. Rein wirtschaftlich ist es im Souterrain bei Jörg ein kreatives Potpourri: Es gibt ein paar Oldtimer zu kaufen, einige Reparaturaufträge, mehrere Langzeitprojekte sowie mindestens eine Handvoll eigener Herzensangelegenheiten. Im Winter überwiegen die langfristigen Sachen. Sobald es wärmer wird, gibt es wieder mehr klassische Reparaturaufträge.
Wenn Jörg nicht im Single & Twin ist, dann sind die britischen Ein- und Zweizylinder natürlich trotzdem nicht fern. Beim Classic Offroad Festival in Wietstock, etwas südlich von Berlin, ist er seit zwanzig Jahren als Mitveranstalter und als Fahrer vor Ort. Die eine BSA, mit der er dort auch schon auf der Piste war, steht mit etwas lädiertem Tank hier am Tresen. Und die vielen Pokale, die zeigen, dass Jörg wohl nicht nur in Wietstock an Rennen teilnimmt, stehen auf der Galerie direkt gegenüber. Aber es passt zu ihm, dass er gleich bescheiden relativiert: „Die meisten davon bekommste schon dafür, dass du teilnimmst …“ Er wendet sich dem Pärchen zu, das sich noch immer durch die Reihen der alten Motorräder staunt, und fragt: „Was kann ich für euch tun?“

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