Der Erzgebirgsladen

SPOTLIGHT LEVANTEHAUS

Text: Simone Rickert
Fotos: Giovanni Mafrici

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 53

Wenn des Nachts die Lichter aus sind, nur die Herrnhuter Sterne von der Decke leuchten, dann mag man sich vorstellen, wie der Nussknacker den Engel zum Tanz auffordert, das hölzerne Orchester zum Walzer aufspielt, die gedrechselten Pyramiden sich im Takt dazu drehen. Etwas Märchenhaftes hat der Laden, wie eine Requisitenkammer zu Tschaikowskis berühmtem Weihnachtsballett. Arne und Birgit Probst würden ihren Nussknackern die heimliche Galanterie nicht übel nehmen, solange sie morgens alle wieder artig an ihrem Platz stehen. Aus 260 verschiedenen Betrieben, die alle zu 100 Prozent nur im Erzgebirge fertigen, kommt ihre bunte Ware. Jeder Betrieb hat seine Spezialitäten und seinen eigenen Stil für das Schnitzen und die Bemalung. Wer einmal angefangen hat, ein Engelorchester zu sammeln, weiß das genau. 105 Jahre Tradition: Als im Erzgebirge der Bergbau darnieder ging, besann man sich auf die Fertigkeit in der Holzverarbeitung. Die bezaubernden Figürchen machten 1923 sogar auf der Pariser Weltausstellung Karriere.

Die Probsts sind schon 45 Jahre im Geschäft, viele Jahre auf dem Weihnachtsmarkt am
Gerhart-Hauptmann-Platz, seit 2014 hier im Levantehaus. Eigentlich ist Arne Probst Flugzeugbauingenieur, doch das Hobby war stärker, wurde zum neuen Beruf. Wenn er seine Raritäten herzeigen darf, leuchten seine Augen: meterhohe Pyramiden, fünf Stockwerke, oder der Schwibbogen, der den Dresdner Striezelmarkt im Detail abbildet, Hunderte Figuren bewegen sich hindurch, die 36-stimmige Spieluhr besingt die „Stille Nacht“. Man kann die Begeisterung des Ehepaars verstehen, die bald auf ihre Kinder übergehen wird. Das Geschäft bleibt glücklicherweise in der Familie.

Es kommen viele Touristen, von Skandinavien bis Südamerika, um Souvenirs zu kaufen. Wenn es etwas typisch Hamburgisches sein soll: Hummel und Zitronenjette sind auch im Repertoire. Nach dem Vorbild von Bergmann und Engel, die in erzgebirgischen Fenstern das ganze Jahr über stehen: Früher bekam dort jedes Mädchen zur Geburt einen Engel geschenkt, jeder Junge einen Bergmann. Gingen die Kinder, blieben die Holzfiguren im Elternhaus und trugen in jeder Hand eine Kerze, damit die Kinder immer wieder ihren Weg zurück finden.