Spotlight –

Rund um den Michel

AUTORIN: SIMONE RICKERT   

FOTOS: RENÉ SUPPER

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 43

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Von unten betrachtet ist es das winzig kleine Fenster unterhalb der Turmuhr, das sich gleich öffnen wird, wenn der Türmer Josef Thöne von dort die Trompete bläst. Übrigens nicht von ganz oben unter der Kuppel, wie viele Hamburger meinen. Der Klang würde viel zu hoch in der Luft verhallen, ungehört von der Gemeinde. Und schließlich spielt Thöne „zum Lobe Gottes und den Menschen zur Freude“. Wie alles am Michel mit seinen wohlproportionierten Maßen ist der Türmerboden von innen viel größer, als man vermutet. Nach dem Brand von 1906 als freitragende Stahlkonstruktion wieder aufgebaut, zur selben Zeit wie der Eiffel-Turm. Die Wände sind ab dem Steinsockel aufwärts nur verkleidet, innen norwegisches Hartholz, außen hört man das Kupferblech klappern. 

Josef Thöne spielt sich kurz ein. Wenn das Läuten der Glocken verklungen ist, setzt er an zum Choral des Tages: 379, „Gott wohnt in einem Lichte“. „Ich dachte, heute kann endlich mal die Sonne rauskommen“, meint er gut gelaunt, trotz Sturm draußen. Erst öffnet er das Fenster Richtung Osten, dann dem Lauf der Sonne folgend eine Strophe in jede Himmelsrichtung. Nach vier Minuten 16 Sekunden ist sein Auftritt zu Ende. Er wischt den Regen aus seinem Instrument und nimmt die Wäscheklammern aus dem Gesangbuch, die braucht er auch bei gutem Wetter, Wind ist hier oben fast immer. Die Turmbläserei ist kein Hobby oder Ehrenamt. Thöne ist Berufsmusiker, ebenso wie sein Kollege Horst Huhn, mit dem er sich die Arbeit seit 1992 teilt. Huhn leitet das Bläserensemble von St. Michaelis, Thöne den Posaunenchor, gibt Unterricht und Konzerte. 

Die Tradition der Türmerei besteht seit der Errichtung der ersten Sankt-Michaelis-Kirche an diesem Standort vor 350 Jahren, ununterbrochen durch Kriege oder Wiederaufbauten. Der Choral um 10 und um 21 Uhr war früher wie eine Zeitansage, die nahen Stadttore wurden auf dieses Signal hin geöffnet, abends geschlossen und bei den Witwen in den Krameramtsstuben wurde das Gaslicht ausgedreht. Und warum sonntags nur um 12 Uhr? Nun, da gibt es die offizielle Version: Um 10 Uhr sitzt die Gemeinde sowieso versammelt in der Andacht. Die wahre Geschichte: Die Kirchenmusiker wurden früher so schlecht bezahlt, dass sie sich samstags bei Tanzmusiken etwas dazuverdienten und am Sonntag ausschlafen durften. 

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